Baufachmessen
Virtuell oder vor Ort? – Baufachmessen im Coronafieber

Baufachmessen im Coronafieber

Eben noch kommentierte Claudia Siegele das zweckoptimistische Gebaren der Messe BAU, schon ereilt uns die Nachricht, dass die Weltleitmesse für Architektur, Materialien und Systeme natürlich nicht in gewohnter Form stattfinden kann, sondern stark reduziert und mit vielen virtuellen Anteilen:
BAU 2021: keine klassische Präsenzmesse »


Lesen Sie hier Claudia Siegeles Gedanken zur Situation der Baufachmessen:

»Wir sind dabei!« frohbotschaftete die Messe München stellvertretend für die angemeldeten Aussteller auf dem Slider der Startseite zur BAU 2021. Und gleich darunter »Die BAU 2021 weiter auf Kurs« – ganz so, als gäbe es Corona nicht oder vielmehr: als gälten Corona und die damit verbundenen Einschränkungen nicht (mehr) für das Baubranchen-Zugpferd der Messe München.

~Claudia Siegele

Die Messegesellschaft berieft sich auf die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung vom 27. Mai dieses Jahres, wonach seit 1. September Messen wieder stattfinden können. Zugleich freute sie sich über deren Interpretation, dass Messen nicht zu den Großveranstaltungen zählen, die Bund und Länder am 17. Juni bis mind. Ende Oktober untersagt haben. Eine Messe sei nun mal kein Volksfest und auch kein Großkonzert, kein Sportevent mit Zuschauern und auch keine Kirmes-Veranstaltung, die wegen nicht umsetzbarer Hygiene- und Abstandskonzepte nicht zu verantworten sind. Tja, hm … Die BAU 2019 besuchten an den sechs Messetagen über eine viertel Mio. Fachbesucher, ein Drittel davon aus dem Ausland. Auch von den 2.280 Ausstellern kamen mehr als ein Drittel aus dem Ausland. Nach den Angaben der Messe München vom 25. Juni 2020 war die kommende BAU mit 80 % fest gebuchter Fläche auf gleichem Niveau wie vor zwei Jahren und es gebe eine »hohe Nachfrage aus dem Ausland«.

Man möchte sich jetzt nicht mit der 1,5 m Abstandsformel ausrechnen, wie viele neue Messehallen bis zum 11. Januar noch errichtet werden müssten, um die BAU 2021 »auf gleichem Niveau wie vor zwei Jahren« durchzuführen. Wer sich 2019 durch die schmalen Gänge der Messehallen gedrängt hat, immer wieder den Menschentrauben ausweichend, die sich vor Produktpräsentationen ansammelten, der bekommt eine Ahnung, wie schwierig es auf solch einer Weltleitmesse wird, Abstand zu halten und mit Mund-Nasen-Schutz vor dem Gesicht am Messestand unbeschwert fachzusimpeln. Wird es Restaurants geben? Vorträge mit Lücken bei der Bestuhlung wie im Kino? Wie lang werden wohl die Schlangen an den Eingängen, Toiletten und Garderoben sein? All dies schien für die Messe München kein großes Thema, denn »angesichts sinkender Infektionszahlen und Lockerungen bei der Reisefreiheit in ganz Europa sah die Messe München sehr gute Perspektiven für eine erfolgreiche BAU 2021«, so zumindest eine Pressemitteilung vom 25. Juni 2020. Trotz zunehmender Absagen von Ausstellern, inzwischen bald 50 an der Zahl, darunter namhafte Unternehmen wie die BMI-Group (Braas, Icopal, VEDAG und Wolfin), GEZE, Nelskamp, ROCKWOOL, Schüco, Sopro, VELUX, Xella und viele mehr, blieb man in München zuversichtlich.

Die zeitgleich stattfindende DOMOTEX hat die Deutsche Messe AG in Hannover auf den 18.-20. Mai 2021 verschoben (für den ursprünglichen Termin am 15. Januar ist eine Digitalkonferenz vorgesehen). Ein paar Tage früher, vom 12.-15. Mai, wird in Nürnberg die ausgefallene Stone+tec nachgeholt. Mutiger ist die Messe Frankfurt, die vom 22.-26. März 2021 die ISH im Programm hat. Einen ganz anderen Weg geht die Expo Real, die bereits diesen Herbst in München mit einem virtuell-physischen Hybridkonzept startet: am 14. und 15. Oktober gibt es eine Konferenz im Internationalen Kongress Center (ICM) sowie eine gleichzeitig stattfindende digitale Ausgabe. Dies könnte eigentlich als Blaupause für die BAU 2021 dienen – so bleiben Besucher, die sich nicht in die Messehallen wagen möchten, nicht ganz außen vor, und die Messestände gibt’s dann eben digital.

Aber funktioniert das wirklich auch bei einer BAU? Das Internet hat uns vorgemacht, was alles geht, wovon wir überzeugt waren, dass es nicht geht. Und Corona hat dem Ganzen noch eins draufgesetzt: Wo niemals Homeoffice auch nur denkbar war, wird man jetzt dazu verdonnert, und wofür vor Corona ein Reiseantrag üblich war, braucht es nun Skype, Zoom und andere virtuelle GoToMeetings. Aber ausschließlich virtuelle Fachmessen – wie soll das funktionieren? Nüchterne Chatrooms anstatt Besprechungstisch mit Drinks und Snacks, 3D-Rundgänge durch die Neuheiten als Ersatz für das Befühlen von Dachziegeln oder das Öffnen von Dachfenstern?
Es stimmt zwar, Messen sind keine Kirmes-Veranstaltungen, aber irgendwie doch nah dran, und zwar im Guten wie im Schlechten: Das Gefühl der Achterbahnfahrt lässt sich nicht simulieren, aber die dicht gedrängten Menschenmassen lassen sich auch nicht leugnen. Sei es auf der Messe selbst oder auf dem Weg dahin – in der U-Bahn, im Bus oder im Getümmel vor den Ticketautomaten. Es ist eine Frage der Verantwortung, der sich neben den Ausstellern und Besuchern auch die Messeveranstalter selbst stellen müssen. Ein einziger Superspreader kann genügen, um das Messegelände zum Hotspot zu machen – wer sich angesteckt hat, erfährt das erst, wenn er längst zuhause ist. Manchen Unternehmen ist diese Kiste zu heiß, manchem Messebesucher egal. Wer möchte schon in der Haut der Verantwortlichen stecken, dieses Gefährdungspotenzial einzustufen? Das vergessen oder unterschätzen viele, die zuletzt wegen der Coronabeschränkungen ihrem Unmut auf der Straße freien Lauf ließen. Es gebührt Respekt vor solchen Entscheidungen – wie auch immer sie ausfallen. in welcher Form die BAU 2021 stattfindet, entscheidet im Grunde nicht die Messe, sondern das Virus und wie wir damit umgehen.

{Die Autorin ist freie Architektin und als Fachjournalistin für verschiedene Medien tätig.


EXPO REAL Hybrid Summit (14.–15. Oktober 2020 | Messe München) »
BAU (11.-16. Januar 2021 | Messe München) »
ISH (22.-26. März 2021 | Messe Frankfurt ) »
Stone+tec (12.-15. Mai 2021 | Messezentrum Nürnberg) »
DOMOTEX (18.-20. Mai 2021 | Deutsche Messe Hannover) »
Architect @ Work (Berlin, Wiesbaden, Stuttgart, Hamburg, München, Düsseldorf) »