Bauboom im Wissens-Archipel

Mit ihrem Gebäudebestand besetzt die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) weite Teile des Aachener Stadtgebietes. Weitere Bauten werden in nächster Zukunft folgen, neue Gebiete erschlossen. Bislang machte die Bautätigkeit der Hochschule kaum durch architektonische Klasse von sich reden – das soll sich ändern.

~Karl R. Kegler

Im Dezember 2006 hatten die Aachener Bürger die Wahl. In einem Bürgerentscheid wurde darüber abgestimmt, ob zwischen den historischen Bauten von Dom und Rathaus ein renovierungsbedürftiges Verwaltungsgebäude durch ein modernes Ausstellungszentrum – das »Bauhaus Europa« – ersetzt werden sollte. Die Ablehnung fiel eindeutig aus. Einen betont zeitgenössischen Bau konnten und wollten sich die konservativen Aachener im Herzen ihrer Stadt nicht vorstellen.
Wenn nach dem Scheitern dieses Projektes derzeit in Aachen mehrere interessante und innovative Bauten entstehen, ist dies das Verdienst der RWTH. Direkt neben ihrem historischen Hauptgebäude errichtet die Aachener Universität mit dem sogenannten SuperC gegenwärtig einen zeichenhaften Neubau. Unmittelbar dahinter wird durch den Umbau eines ehemaligen Heizkraftwerks ein neues Vorlesungs- und Seminargebäude entstehen. Und an vielen Stellen des Universitätsgeländes sind weitere Vorhaben im Bau, kürzlich fertiggestellt oder in Planung. Ende 2007 wurden ein neues Seminargebäude (»Semi 90«, Hentrup Heyers & Fuhrmann) und ein Haus für studentische Arbeitsplätze (»Mo-gam«, Nikolic + Doering; siehe db 3/2008) bezugsfertig. Für zwei große Institutsneubauten im Außenbereich (E.ON-Forschungsinstitut für Energie, Kompetenzzentrum Motorentechnik) laufen jetzt nach Wettbewerbsentscheidungen die Vorbereitungen. Ohne Wettbewerb vergeben wurden die Neubauten für das Institut für Kommunikationsnetze (BLB NRW) und das Institut für Textiltechnik (Carpus & Partner). Gerade vollendet ist als Erstling des Aachener Büros »gk.mk bauen« der puristische neue Hörsaal der Physikinstitute.
Bemerkenswert sind diese Bauten, da sich in ihnen das Selbstverständnis der Hochschule als moderne Bildungs- und Forschungsinstitution in imageprägenden Architekturen darstellt.
Insellösungen
Die RWTH Aachen ist mit etwa 30 000 Studierenden, von denen etwa zwanzig Prozent aus dem Ausland kommen, eine der großen und international renommierten technischen Universitäten in Deutschland. Eröffnet im Jahr 1870 hat sich die Hochschule über Jahrzehnte kontinuierlich im Stadtgrundriss ausgebreitet und besetzt heute drei große Areale im Nordwesten der Stadt: einen Kernbereich unmittelbar am Rand der Innenstadt, einen angrenzenden, in den fünfziger Jahren erschlossenen Standort auf der Hörn und das Erweiterungsgelände Seffent-Melaten, wo ab Mitte der siebziger Jahre im Übergang zur freien Landschaft große Baukomplexe in den damals üblichen Bausystemen für den Hochschulbau entstanden. Auf der Karte gleicht dieser Bestand mehr einem Archipel von Inseln als einem geschlossenen Campus.
Die Folgen des starken Wachstums der Universität in den siebziger und achtziger Jahren bestimmen heute einen beträchtlichen Teil der anstehenden Bauaufgaben. Viele der damals entstandenen Systembauten sind erneuerungsbedürftig, entsprechen nicht mehr modernen Wärmeschutz- und Technikstandards und müssen saniert oder ersetzt werden. Aber auch die städtebauliche Situation lässt an etlichen Stellen zu wünschen übrig. Im Kernbereich entwickelte sich über Jahrzehnte ein Konglomerat von Bauten, das mehr den jeweils aktuellen Erfordernissen als einer langfristigen Strategie folgte. Provisorien blieben über Jahrzehnte bestehen. So residierte zum Beispiel das Studentensekretariat bis 2006 im Fragment eines kriegszerstörten Chemieinstituts. Das angrenzende »Heizkraftwerk« musste fast unmittelbar nach seiner Fertigstellung im Jahr 1987 aufgrund von verschärften Abgasvorschriften in großen Teilen wieder stillgelegt werden. Die Neu- und Umbauten, die nun an dieser Stelle entstehen, sollen für die RWTH einen repräsentativen, zeitgenössischen Rahmen schaffen, der selbstbewusst eine Universität des 21. Jahrhunderts repräsentiert.
Leuchtturmprojekte
Der Bau des »SuperC«, das unter seinem 18 Meter weit auskragenden Dach die studentenbezogenen Verwaltungsdienste der RWTH vereinen wird, ist zeichenhaftes Sinnbild für diesen Anspruch. Hervorgegangen ist der Entwurf aus einem Wettbewerb unter den Assistenten der Architekturfakultät, dessen Ergebnis im Jahr 2000 von einer internationalen Jury ermittelt wurde. Die Gewinner Susi Fritzer und Eva-Maria Pape entwarfen unter einem spektakulär auskragenden Dachgeschoss eine geschützte Piazza, unter der sich wiederum Veranstaltungs- und Ausstellungsräume befinden. Im Schaft sind Büros, im Dachgeschoss unter anderem Konferenzräume vorgesehen. In der Seitenansicht erinnert das Gebäude, das Mitte des Jahres fertiggestellt sein wird, an ein riesiges C – daher der Name. Dass der Bau als Schaufenster und »signifikantes Zeichen« konzipiert ist, lässt sich auch an seiner Energieversorgung ablesen. Eine Erdwärmesonde, die 2500 Meter hinabreicht, sorgt über einen Wärmetauscher beziehungsweise eine Adsorptionskältemaschine für Heizung und Kühlung. Einfacher wäre es gewesen, das Gebäude, wie die übrige Hochschule, an das Fernwärmenetz anzuschließen, doch soll das Haus bewusst als Forschungs- und Demonstrationsobjekt für den Einsatz von Geothermie dienen.
Der zeichenhaften Rhetorik des SuperC stellt das Aachener Architekturbüro IParch in seinen Plänen für den Umbau des ehemaligen Heizkraftwerkes technoide Sachlichkeit entgegen. Nach Abriss eines turmartigen Bauteils an der Wüllner Straße erhält das Stahlgerüst einen komplett neuen Inhalt und eine neue Fassade aus tags schattenspendenden und nachts hinterleuchteten Aluminiumlamellen. Die Kubatur des Vorgängerbaus bleibt dabei auch deshalb erhalten, da das Baurecht eine vergleichbar hohe Ausnutzung in einem bereits dicht bebauten Bereich heute wohl nicht mehr gestattet hätte. Das massive Stahlgerüst des Bauwerks, ausgelegt für schwere Feuerungsanlagen und Kohlenbunker, wird nach geschickten Anpassungen mit Leichtigkeit zwei Hörsäle und fünf Seminarräume aufnehmen können. Auch hier erhielt ein vergleichsweise junges Büro aus dem Umkreis der Architekturfakultät die Möglichkeit, einen signifikanten Bau an seiner Universität zu errichten. Die Beauftragung für die Umbauplanung erfolgte in diesem Fall, nachdem das Team von IParch 2006 in einem Gutachten die baulichen Entwicklungsmöglichkeiten im Kernbereich der RWTH erkundet hatte. Finanziert wird der Bau durch Studiengebühren; der AstA stimmte ausdrücklich der Verwendung dieser Gelder zu, um dem Mangel an Seminar- und Hörsälen an der RWTH abzuhelfen.
Aufgrund ihrer besonderen technischen Anforderungen als Forschungslabore stellen die Institutsneubauten im Außenbereich eine ganz anders gelagerte Bauaufgabe. Für zwei dieser Neuplanungen führte die Aachener Niederlassung des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW (BLB NRW), der als Bauherr und Projektsteuerer aller Aachener Hochschulbauten fungiert, in den Jahren 2006 und 2007 Realisierungswettbewerbe durch. Diese Wettbewerbe sind Teil einer übergreifenden Strategie; es ist erklärte Leitlinie des BLB, bei Neubauten der Hochschule besondere Ansprüche an die Architektur zu stellen. Im Fall des Kompetenzzentrums Motorentechnik galt es, die Betriebs- und Schallschutzanforderungen an einen modernen Motorenprüfstand mit einem überzeugenden gestalterischen Konzept zu verbinden. Das Kölner Büro Lepel & Lepel ›
› löste diese Aufgabe, indem es klar zwischen Institut und Prüfhalle differenzierte. Der transparente Institutsbau lehnt sich in ihrem Entwurf in einer geschwungenen Linie an die kubische Prüfhalle an und definiert auf diese Weise einen Eingangshof.
Auch im Fall des Forschungsinstituts für Energie, das in Zukunft fünf Stiftungsprofessuren des Düsseldorfer Energiekonzerns E.ON beherbergen wird, war die imagebildende Potenz von Architektur ein besonderes Anliegen. Das Preisgericht entschied auch deshalb einstimmig zugunsten von Zaha Hadid, weil die dynamische Form ihres Entwurfes ein spektakuläres architektonisches Merkzeichen anbietet.
Die zuletzt genannten Projekte sind Beispiele für die hohe Dynamik, mit der gegenwärtig neue Bauaufgaben im Zwischenbereich von universitärer und anwendungsbezogener Forschung entstehen. Dies hängt einmal mit den Möglichkeiten und Aktivitäten großer Universitätsinstitute zusammen, die sehr erfolgreich in der Drittmittelforschung agieren und auch baulich expandieren. Andererseits werden durch staatliche Förderprogramme neue Impulse gesetzt. Im Oktober 2007 wurde Aachen als einzige nordrhein-westfälische Universität in das Förderprogramm für Exzellenz-Universitäten aufgenommen.
Weitere Aufgaben ergeben sich aus der notwendigen Erneuerung des Bestandes: Sanierung älterer Gebäude, Optimierung zentraler Dienste oder Entflechtung einander störender Nutzungen. So verschieden sich die Bauaufgaben gestalten, so unterschiedlich sind auch die Wege, die zu den Planungsaufträgen geführt haben. Auch wenn bei den genannten Bauprojekten der Anteil von Architekten auffällt, die aus der Aachener Architekturfakultät hervorgegangen sind, gibt es keine gezielte oder bewusste Strategie der Nachwuchsförderung.
Stadtentwicklung – erste Schritte
Ein übergeordnetes Aufgabenfeld stellt zuletzt die städtebauliche Rahmenplanung dar. Für den innenstadtnahen Zentralbereich der Universität gibt es – bisher – noch kein gestalterisches und städtebauliches Gesamtkonzept. Ein Wettbewerb, den der BLB noch im Frühjahr ausloben wird, soll die Grundlagen für ein solches erarbeiten. Dass diese Thematik nun nach Jahren angegangen wird, erklärt sich unter anderem aus der Erkenntnis, dass ein qualitativ gut gestaltetes und repräsentatives Umfeld einer von mehreren Faktoren für die internationale Ausstrahlung einer Universität ist. Und auch angesichts zukünftiger Entwicklungen in Aachen ist Klarheit über ein Rahmenkonzept notwendig. Bis 2014 plant die Universität in Anschluss an ihren Kernbereich eine Erweiterung um knapp 230 000 Quadratmeter auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Aachen West. Etwa die gleiche Fläche wird die RWTH in Seffent-Melaten entwickeln.
Der städtebauliche Wettbewerb für diese zweite große Erweiterung wurde bereits im Dezember letzten Jahres zugunsten des Büros rha (reicher haase associierte) entschieden. Für beide Gebiete sind keine reinen Hochschulnutzungen vorgesehen, sondern Cluster aus privaten Instituten und Universitätseinrichtungen, die als Wissensproduzenten und Impulsgeber fungieren. Der Anteil an Hochschulbauten wird nur rund dreißig Prozent betragen. Insgesamt sollen in Public-Private-Partnership mehr als 1,5 Milliarden Euro investiert werden. Angesichts dieser Dynamik darf man auf mehr spannende Architektur aus Aachen hoffen.
Zum Autor: Studium der Architektur, Philosophie und Geschichte. Bis 2004 Geschäftsführer des Forums »Technik und Gesellschaft« der RWTH Aachen. Seither Lehr- und Beratertätigkeit in Aachen.