Medaille Pritzker-Preis

Autonom ja, aber wovon?

Patrik Schumacher, Partner von Zaha Hadid, ätzt gegen die diesjährige Pritzkerpreis-Entscheidung. Dahinter steckt ein prinzipieller Konflikt.

~Christian Holl

Mitte Januar wurde der Pritzker-Preisträger bekannt gegeben. Er heißt Alejandro Aravena, ist Chilene, Direktor der Architekturbiennale 2016 und noch keine 50 Jahre alt. Er ist weniger durch ikonografische Prestigebauten als durch strategische Konzepte bekannt, mit denen die Potenziale von Architektur für gesellschaftlich Benachteiligte aktiviert werden können. Soziale Verantwortung statt einer Baukunst, die autonom verstanden wird, weil sie sich nicht um die Umstände schert, unter denen sie entsteht, so ließe es sich zugespitzt formulieren. Die Entscheidung für Aravena wurde als Überraschung gewertet, weil sie nicht ins Beuteschema der Pritzkerpreis-Jury zu passen schien. Aber schon eine Weile sind nicht mehr die alten Männer mit ihren tollkühnen Kisten für die wichtigste Auszeichnung der Architektur prädestiniert. Auf Wang Shu (ausgezeichnet 2012) passt das Klischee ebenso wenig wie auf Shigeru Ban (2014), und auch Frei Otto stand für ein Architekturverständnis, das zum Künstlerarchitekten nicht passen will. Insofern ist die Auszeichnung Aravenas weder Sensation, noch kann sie als ungerechtfertigt verstanden werden, denn auch wenn das Werk Aravenas nicht besonders umfangreich ist, so ist es doch erstaunlich vielfältig. Es zeichnet sich neben klugen Konzepten z. B. durch Projekte für von Naturkatastrophen betroffene Menschen oder die Bauten für die Universität von Santiago de Chile – die nicht nur formale Kraft haben, sondern auch durch intelligente Energiekonzepte überzeugen – aus.
Wenigstens einer war allerdings mit der Entscheidung nicht einverstanden. Patrik Schumacher, Partner von Zaha Hadid und intellektueller Kopf des Büros, ätzte auf einer Internetplattform, der Pritzkerpreis sei zu einer Auszeichnung für humanitäre Arbeit mutiert. Architektonische Innovation, so Schumacher weiter, werde durch die Demonstration nobler Absichten ersetzt. Er respektiere Aravenas Arbeit, aber Sorge bereitete ihm der Trend, der von unglücklicher Konfusion und schlechtem Gewissen gekennzeichnet sei. Es fehle das Vertrauen in die der Disziplin ureigenen Beiträge zur Gestaltung der Welt.
Nun wurde ja Zaha Hadid (übrigens als erste von bis heute gerade einmal zwei Frauen) bereits mit dem Pritzkerpreis geehrt – daran kann es also nicht liegen, dass sich Schumacher derart vehement zu Wort meldet. Interessant und aufschlussreich sind die Einlassungen Schumachers nicht, weil man gekränkte Eitelkeit vermuten kann, warum sollte es auch nicht zwischen Stararchitekten menscheln dürfen. Hier geht es um die Deutungshoheit darüber, was als gute Architektur gelten darf und als solche anerkannt wird. Und darum, die eigene Position zu behaupten. Denn was das Büro von Zaha Hadid zu verantworten hat, hat es inzwischen nötig, verteidigt zu werden: Gegen den Vorwurf, für totalitäre Regime zu bauen, den Stararchitekten-Status nicht zu nutzen, um für die Arbeiter, etwa in Katar, verbesserte Arbeitsbedingungen zu erwirken. Man wirft den Werken von Hadid vor, mit für die Zerstörung der Altstadt von Peking verantwortlich zu sein. Der Direktor des Kunstmuseums in Rom, das Hadid entworfen hat, bezweifelt, dass die Stararchitektin ihrer Zeit noch voraus sei. Es hat sich offensichtlich etwas getan. Es reicht nicht mehr, allein über eine formale Geste, sei sie noch so spektakulär, noch so beeindruckend, die Qualität von Architektur zu bestimmen. Die Szene ist in Bewegung, und sie sucht nach dem Kult um den Stararchitekten nach einem Weg, den Wert von Architektur jenseits der Produktion von immer neuen ästhetischen Reizen zu bestimmen. Das Büro von Hadid hatte eine Bildsprache dafür gefunden, mit den Kontingenzen einer als dynamisch verstandenen Entwicklung der Umwelt umzugehen anstatt der Illusion von Stabilität anzuhängen. Das ist ein Verdienst. Diese Sprache mag sich erschöpft haben, aber dennoch sind sich Aravena und Schumacher darin nicht so fern, nur dass Aravena auch Politik und Ökonomie als Teil einer gesellschaftlichen Dynamik begreift.
Adorno beschrieb die Widersprüchlichkeit der Architektur damit, dass sie Zwecken dienen müsse und dennoch eine autonome Kunst sei. Man könnte es auch als Paradox formulieren: Architektur sichert sich ihre Autonomie dadurch, dass sie nicht als autonome Kunst verstanden wird.
Im Kern geht es also um die Frage, wovon Architektur autonom ist – was also ihre »ureigene« Qualität ist. Ist Architektur autonom, weil sie nicht dadurch diskreditiert werden kann, dass sie unter fragwürdigen Bedingungen und despotischen Bauherren entstand? Oder wird die Autonomie der Architektur gerade dadurch gesichert, dass ihre Qualität nicht davon abhängig ist, welchen sozialen Status (und damit welche finanziellen Mittel) der hat, für den sie errichtet wird? Dieses zweite Verständnis ist immerhin eines der klassischen Moderne. Und dass erneut darüber diskutiert werden muss, wie gute Architektur auch für diejenigen errichtet werden kann, die über wenig Mittel verfügen, ist leider allzu offensichtlich. Dass die Pritzkerpreis-Entscheidung dazu ermuntert, die Diskussion zu führen, ist allein schon viel wert. Schumacher hat das paradoxerweise bestätigt.
Der Autor ist Geschäftsführer des BDA Hessen und arbeitet als freier Architekturkritiker.