Außerordentliche Setzung

Mitten in München ist Europas größtes jüdisches Gemeindezentrum entstanden. Nicht nur die Bauaufgabe, sondern auch der städtebau-liche Kontext erforderten eine sen-sible architektonische Antwort.

~Ira Mazzoni

… und es ward ein neuer Platz mitten in der Stadt. So biblisch müsste man die außerordentliche Setzung beschreiben, die dem Saarbrücker Architektenteam Wandel, Hoefer, Lorch mit Synagoge, Gemeindezentrum und Jüdischem Museum auf dem Münchner Jakobsplatz gelungen ist. Konzentriert auf den Schrein des nach Osten gerichteten Gotteshauses, dessen archaisch bruchsteinraue Mauern von einem glanzvollen Lichtkörper überragt werden, ist ein eigengesetzliches Ensemble mit Campo-Santo-Qualitäten entstanden. So wie in manchen italienischen Städten Kirche, Baptisterium und Campanile großen Freiflächen Gravität verleihen, so geben die strengen Travertin-Kuben des Jüdischen Zentrums der ehemaligen Stadtbrache stille Würde.
Zwischen den Bauten entwickelt sich eine altstädtisch anmutende Platzfolge mit erstaunlicher Weite – die in Beton gegossene Banalität eines Künstler-Altersheims am Ostrand des Jakobsplatzes wird geschickt verstellt. Die breite Front des von Friedrich Haindel nach dem Krieg neu-gebauten Klosters mit Jakobs-Kirche scheint erstmals wohltuend proportioniert. Das historische Marstall/Zeughaus-Ensemble, zum Stadtmuseum ausgebaut, hat als Gegenüber nicht nur ein Baukunstwerk gewonnen, sondern auch einen bald begrünten Vorhof.
Hart indes ist der Maßstabsprung am nordwestlichen Platzrand. Direkt an das schmalbrüstige Ignaz-Günther-Haus schließt, mit einem gewaltigen Satz vorspringend, das Gemeindehaus an, das sämtliche bisher in der Stadt verteilte jüdische Institutionen vereint: Gemeindesaal und Verwaltung, Sozialberatung und Jugendzentrum, Kindergarten und Ganztagsschule. Eine kleine Stadt in einem Baukörper unterzubringen, ist schon schwierig genug. Bei der kunstvollen Verschränkung der gestaffelten Baukörper nirgends anzuecken, war unter den zu Wettbewerbsbeginn gegebenen Bedingungen ausgeschlossen. Brandmauer an Brandmauer hätte der Multifunktions-Cluster an ein Siebziger-Jahre-Parkhaus anschließen sollen. Jetzt blockt die riesige, nur mit schmalen Fenstern durchsetzte Wand, das Areal nach Südwesten ab. Anstelle des Parkhauses wird derzeit mit gassenengem Sicherheitsabstand der so genannte »Angerhof« von Hilmar/Sattler gebaut – ein Investoren-Projekt mit dem inzwischen üblichen Mix an Geschäften, Büros und Luxuswohnungen. Hätte sich die Stadt früher und intensiver um den Jakobsplatz und das deplatzierte Parkhaus gekümmert oder hätte das Planungsreferat nach dem Verhandlungsdurchbruch das Grundstück für das jüdische Gemeindezentrum neu definiert – die historisch bedeutsame Blickachse vom Unteren Anger aus auf die Frauenkirche hätte nicht ein für allemal abgeriegelt werden müssen. Und auch das Wohn- und Atelierhaus des Barockbildhauers Ignaz-Günther wäre kaum brüskiert worden. Die neue Harmonie wäre vollkommen. Vielleicht vermag ja die Platzgestaltung, die die Berliner Landschaftsarchitektin Regina Poly zusammen mit Architekt Thomas van Thaden im nächsten Frühjahr realisiert, die Zäsur zu überspielen. Erst im Sommer wird man dann ermessen können, wie öffentlich und wie urban aber auch wie besonders dieser unsichtbar beschützte Ort in der Mitte Münchens sein wird.
Für die jüdische Gemeinde bedeutet das neue Zentrum einen Neuanfang an einem neuen Ort, aber endlich wieder im Herzen der Stadt. Die neoromanische Hauptsynagoge am Maxburg-Platz war am 9. Juli 1938 »aus verkehrstechnischen Gründen« auf Befehl Hitlers abgerissen worden. Die anderen Synagogen und Bethäuser gingen dann fünf Monate später in Flammen auf. Nur 84 Münchner Juden überlebten den Holocaust. Nach dem Krieg wurde der unscheinbare Hinterhof-Betsaal in der Reichenbachstraße zur Hauptsynagoge. Da die Gemeinde durch Zuzug osteuropäischer Juden kontinuierlich wächst und inzwischen wieder fast 9000 Mitglieder zählt, genügten die weit verstreuten und beengten Gemeindeeinrichtungen nicht mehr. Schon längst wollte Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, jüdisches Leben wieder sichtbar in ihrer Vaterstadt verankern. Am liebsten hätte sie schon zum 50. Jahrestag der so genannten Reichskristallnacht 1988 den Grundstein für ein neues Gotteshaus gelegt. Doch es gab kein Grundstück und kein Geld. Bürgermeister Christian Ude hat das Anliegen dann 1999 zu seiner Sache gemacht. Dass die Israelitische Kultusgemeinde dem Karstadt-Konzern eine klobige Kaufhauserweiterung auf dem bis dato mahnend freigehaltenen Terrain der ehemaligen Hauptsynagoge erlaubte, brachte das Startkapital für das nunmehr größte jüdische Zentrum Europas. Die Stadt stiftete die 20 Millionen Euro aus dem Grundstücksverkauf und stellte in Erbpacht den seit dem Krieg weitgehend brachliegenden Jakobsplatz zur Verfügung. Das Synagogenprojekt bot die einmalige Chance, diesem vernachlässigten Ort neuen Sinn und neue Gestalt zu geben.
In einem ersten städtebaulichen Ideenwettbewerb im Jahr 2000 wurden aus 269 Einsendungen zwar 12 Beiträge prämiert, aber keiner überzeugte ganz. Die Stadt wünschte sich einen überragenden Symbol-Bau: Daniel Libeskind und Richard Meier wurden eingeladen und sagten ab. Auch Wandel, Hoefer, Lorch wurden zum Realisierungswettbewerb hinzugebeten. Hatte doch ihre feinsinnige Dresdner Synagoge weltweit Aufsehen erregt. Und wieder fand das Saarbrücker Team für einen schwierigen Platz und eine überkomplexe Aufgabe eine souveräne Antwort.
Metaphorisch sind die beiden Synagogen in Dresden und München eng verwandt. Aufbauend auf Salomon Korns Analyse jüdischer Gotteshäuser erinnern die hehren Kuben sowohl an Salomons Tempel in Jerusalem als auch an das Bundeszelt, in dem die Lade mit den Gebotstafeln während der Wüstenwanderung aufbewahrt wurde. »Die Synagoge schwankt in ihrer wechselvollen Geschichte je nach äußeren und inneren Bedingungen zwischen Provisorium und festem Haus, zwischen Lebendiger Religiosität und ritualisiertem Zeremoniell, zwischen Abstraktion und Sinnlichkeit…«, so Korn. In Dresden erfanden Wandel, Hoefer, Lorch ein mahnend verdrehtes, steinern anmutendes Betongehäuse, das ein metallisches, die Gemeinde umfassendes Zelt birgt. In München gibt es keine stürzenden Wände, keine Windungen und kein mystisches Halbdunkel, stattdessen ein felsig gegründetes Bauwerk, aus dessen Mitte sich das metallisch gewirkte »Zelt« über triagonal verstrebtem Tragwerk erhebt. Der neue Tempel der Zuversicht gibt sich innen als taghelles Gehäuse aus poliertem Kalkstein, so genanntem Jerusalem Stone, und rötlichem Zedernholz. In seiner Mitte steht ganz traditionell die erhöhte Bima für die Thoralesung. Der Thoraschrein ist in eine lichtüberflutete Wandnische in die Ostwand integriert.
Für eine orthodoxe Gemeinde erstaunlich, sind die Frauentribünen in den Seitenschiffen nah an den Hauptraum herangerückt. Nur 1,80 Meter ist die trennende Holzbrüstung hoch. Feine Metallschleier an den Pulten der Frauen sorgen für die gebotene Unterbindung von Blickkontakten. Fast vermittelt sich das Gefühl eines Zentralraums unter freiem Himmel. Diese Synagoge wird – so ist die Hoffnung – die Gemeinde einen. Das metallische Lichtzelt, für dessen filigrane Leichtigkeit die Ingenieure Sailer Stepan und Partner verantwortlich zeichnen, gibt tags den Blick auf ziehende Wolken frei. Abends, wenn am Fuß der gläsernen Laterne die Lichter angehen, erscheinen die Dreieckstreben für den, der es wahrhaben will, wie ein Netz von Davidsternen. Ohel-Jakob, Zelt Jakobs, nennt die Gemeinde ihr neues Gotteshaus. Nachdem Jakob, Stammvater Israels, seinen Traum von der Himmelsleiter hatte, sprach er: »Wie ehrfurchtserweckend ist dieser Ort! Das ist nichts anderes als ein Haus Gottes und hier ist die Pforte des Himmels.« Entsprechend wird im Vorraum der neuen Synagoge das Vierte Buch Moses zitiert: »Wie schön sind deine Zelte, Ja’akow, und deine Heimstätten, Israel.« Es besteht also Hoffnung, dass mit dem Bau der neuen Synagoge die zur Hälfte osteuropäisch geprägte Gemeinde in München eine bleibende Heimstatt findet.
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT.