Ausblick auf eine neue Zeit

~Ulf Meyer

Als Louis Kahn 1974 in der Penn Station in New York an einem Herzinfarkt starb, wurde in seiner Jackentasche der Entwurf für einen Gedenkpark auf einer Insel im East River vor Manhattan gefunden. Die Insel, heute als Roosevelt Island bekannt, gilt traditionell als Sorgenkind der New Yorker Stadtentwicklung. Sie diente als Gelände für eine Irrenanstalt, Quarantäne-Station und ein Gefängnis. Koolhaas, Ungers und andere berühmte Architekten versuchten sie urbanistisch aufzuwerten – ohne Erfolg. Die Insel wurde 1973 zu Ehren von Präsident Franklin D. Roosevelt umbenannt, für den Kahn hier ein Denkmal bauen sollte. Kahns Tod, der Umzug des New Yorker Gouverneurs Rockefeller nach Washington und der Bankrott der Stadt stoppten das Projekt zunächst zwei Generationen lang. Ende Oktober wurde nun an der Südspitze der Insel nach Kahns Entwurf der Gedenkpark für Roosevelt eröffnet.
Der Entwurf folgt – wie schon beim Salk-Institut – einer feinen Raumdramaturgie: Eine vier m hohe Freitreppe führt hinauf zu einer V-förmigen Plaza, die von 150 Linden in zwei Reihen flankiert ist. Promenaden führen entlang der Ufer der spitz zulaufenden Insel zum »Southpoint«. Die ansteigende Rasenfläche kulminiert in einem auf drei Seiten umschlossenen Kubus aus Granit aus North Carolina. Darin steht als einziges figürliches Element eine Büste des 32. Präsidenten der USA, die Jo Davidson 1933 angefertigt hat. Ein Zitat der berühmten »Four Freedoms«-Rede von 1941 wurde auf der Rückseite in den Stein graviert. Der Rundgang endet im halbumschlossenen »The Room«, der sich nach Süden öffnet, zur See und zum Himmel. Der Blick fällt von hier auf das Gebäude der Vereinten Nationen in der Skyline Manhattans, das während Roosevelts Amtszeit konzipiert wurde.
Der Gedenkpark ist Kahns einziges Projekt in New York, dem Heimatstaat Roosevelts. Kahns meisterhafte Beherrschung der Geometrie entfaltet auch hier ihren Zauber. Die ausführenden Architekten Mitchell/Giurgola haben sich eng an Kahns Entwurf gehalten, dessen Umsetzung 45 Mio. Dollar gekostet hat.
Kahn hat mehrere Denkmäler entworfen, u. a. das Holocaust-Mahnmal im Battery Park. Keins von ihnen wurde zu seinen Lebzeiten ausgeführt. Dass nun, posthum, einer der letzten Kahn-Entwürfe gebaut wurde, scheint er selbst legitimiert zu haben: »Was nicht gebaut ist, ist nicht verloren«, schrieb er einmal, »es wartet nur auf die richtigen Umstände.«