Leuchtturmprojekte der Hafencity

Architektur mit Fernwirkung

Wegen des geometrischen Zuschnitts der ehemaligen Kaianlagen wurde im Masterplan festgelegt, die »Köpfe« dieser langen, schmalen »Finger« mit herausragenden Nutzungen zu besetzen – sogenannten Leuchtturmprojekten. Durch ihre spektakuläre Architektur sollen Touristen wie Hamburger bis an die äußeren Zipfel der Quartiere gelockt werden.

Text: Gisela Schütte

Der Entwurf in Gestalt eines gigantischen »O« ließ das Publikum staunen, als der niederländische Architekt Rem Koolhaas (Office for Metropolitan Architecture, OMA) Anfang des Jahres sein überarbeitetes Konzept für ein Science Center an der Elbe präsentierte – einen riesigen Donut aus unregelmäßigen Containerformen, der dort, wo die Kreuzfahrtschiffe festmachen, zu einem 70 Meter hohen Riesenrad der Wissenschaften gestapelt werden soll. Man war begeistert und tags darauf machte die Geschichte vom überdimensionalen Architekturkringel die Runde: Ja, das wollte man haben an der Elbe, den Inhalt und die Verpackung.
Koolhaas’ Kringel steht für ein neues Selbstbewusstsein der bislang eher zurückhaltenden und auf Understatement bedachten Hanseaten. Hamburgische Architektur hatte über die Jahrhunderte eine eigene Charakteristik: grundsolide, manchmal auch nobel, gediegen, haltbar und in der Anordnung so demokratisch wie die bürgerliche Gesellschaft des Stadtstaats. Hamburgs Börse ist ein Symbol des Wohlstands, das gründerzeitliche Rathaus Ergebnis einer Baumeistergemeinschaft und zahlloser penibler Handwerker, das bisher alleinige Wahrzeichen, die Michaeliskirche, eine protestantische Halle, schön, hell, offen, aber keine bauliche Sensation. Ein einziges Mal hatte sich ein Architekt erdreistet, gegen den soliden Kaufmannsgeist zu entwerfen: Fritz Höger baute das expressionistische Chilehaus, wurde dafür von den Zeitgenossen für verrückt erklärt und verhalf den Hanseaten mit dieser Verrücktheit zum einzigen Auftritt in der internationalen Architekturgeschichte. Und da soll Koolhaas unter allgemeinem Applaus einen Architekturkringel aus dem Baukasten stapeln dürfen?
Schuld an dem Wandel sind die aktuellen Entwicklungen in der HafenCity. Zunächst sahen die Zeichen für das Gesamtprojekt eine grundsolide Kleiderordnung für die Neubauten vor – nicht zu hoch, damit sie nicht die gewachsene Kulisse der Kirchtürme verstellen, und nicht zu modern. Denn seit Jahren gibt es unter den Hanseaten eine massive Opposition gegen Stahl und Glas – und gegen Hochhäuser sowieso. Die hanseatische Bauweise soll es doch bitte sein, und das bedeutet: viel, viel Backstein.
Wolkenkuckucksheim ist im Bau
Doch dann präsentierten im Jahr 2003 der Architekt Alexander Gérard und der Entwickler Patrick Taylor, die in den neunziger Jahren das Hanseatic Trade Center am Entree zur historischen Speicherstadt realisiert hatten, eine Zeichnung der Architekten Herzog & de Meuron für ein Konzerthaus anstelle des dort geplanten Kontorhauses. Einerseits logisch wegen der Bürohausleerstände nebenan, andererseits ein Wolkenkuckucksheim vom Zeichentisch für eine Philharmonie, die zum einen von der Nutzung her zwar erwünscht, aber zum zweiten nicht geplant, zum dritten schon gar nicht an dieser Stelle und zum vierten nicht einmal ansatzweise finanziert war. Dennoch: die Magie der Zeichnungen hat alle Kaufmannsvernunft außer Kraft gesetzt. Die Vision von einer »Sydney-Oper«, den Postkartenbildern in aller Welt und der Traum vom Bilbao-Effekt der spektakulären Architektur brachten alle Kritiker zum Schweigen, mobilisierten Weitsicht und private Großzügigkeit und machten das Unmögliche möglich: Die Elbphilharmonie, Hamburgs neues Wahrzeichen, ist Baustelle. Ein Bau, der auf dem Kaispeicher A fußt, den der Architekt Werner Kallmorgen nach dem Zweiten Weltkrieg anstelle eines Gründerzeitspeichers an die Spitze der historischen Speicherstadt gesetzt hatte. ›
› Gestalterisch steht der Neubau der Schweizer Architekten für die perfekte Verankerung eines Projekts an seinem Ort. Der Musentempel wächst über dem Speicher, Handel ist das Fundament, und auch die Finanzierung stammt zu einem großen Teil aus den Mitteln der hanseatischen Kaufmannschaft – aus den Privatschatullen von Mäzenen, versteht sich. Über 60 Mio. Euro wurden flüssig gemacht. Das ist Weltpremiere. Die Kosten sind derweil auf stattliche gut 240 Mio. Euro gewachsen – für das gesamte Paket aus Konzerthaus und Mantelbebauung. Davon muss die Stadt über 110 Mio. finanzieren. Symbolisch ist der Musentempel ein Flaggschiff des neuen Hamburgs, ein Werbeträger der Metropole, die das Wachstum zum Programm erklärt hat. Derzeit ist der alte trapezförmige Speicher, der als Sockel dienen wird, ausgehöhlt. Die Wände werden von einem Stahlkorsett gehalten, während der Einbau der Technik, des Parkhauses und der anderen Nebennutzungen wie Hotel und Luxuswohnungen begonnen hat, die das Projekt wirtschaftlich stützen sollen. Ab diesem Sommer wird der Neubau weithin sichtbar aus dem alten Speicher herauszuwachsen beginnen, bis im August 2010 der Musikbetrieb in den fein justierten Konzertsälen des Starakustikers Yasuhisa Toyota beginnt.
Doch der Bilbao-Effekt hat sich bereits eingestellt. Anfangs warben die Planer mit der schieren Größe und Zentrumsnähe. Jetzt entwickelt die Architektur eine Sogwirkung. In der Nachbarschaft des Leuchtturmprojekts verewigen sich gern auch andere renommierte Planer.
Zudem setzte das gläserne Konzerthaus in der konservativen Stadt ungeahnte Kräfte frei. Die Begeisterung für die Elbphilharmonie, die größer und mächtiger wird als alles, das je an der Elbe gebaut wurde, nährte den Mut für das zweite Leuchtturmprojekt, eben den Container-Donut von Rem Koolhaas. Über die Realisierung soll noch in diesem Jahr entschieden werden, wenn die Vorarbeiten abgeschlossen sind und die Rechnungen vorliegen. Wenn der gerade erst neu gewählte Senat der Hansestadt das Vorhaben abnickt, könnte der Container-Kreis Realität werden.
Bauten mit Magnetkraft
Das Science Center steht für eine ganze Reihe von Bauten und Nutzungen mit Magnetkraft. Während im Westteil der neuen Innenstadt die Wohnnutzungen und traditionelle Kontore dominieren, ist für die Mitte der neuen City eine dicht bebaute, innerstädtische Nutzung geplant, das Überseequartier. Eine ganz wichtige Funktion erfüllen aber auch Konzern-Zentralen wie der Neubau für die Spiegel-Gruppe. Das Projekt auf der Ericusspitze, einer ehemaligen Bastion der Befestigungsanlagen, ist städtebauliches Bindeglied zwischen der Innenstadt und der HafenCity. Das Büro Henning Larsen Architects aus Kopenhagen wird die Aufgabe mit einem Gebäudedoppel lösen, dessen größeren Teil, der sich wie ein großer Bildschirm zur Stadt öffnet, das Medienunternehmen nutzen wird und dessen kleinerer Teil vermietet wird. 2010 sollen die Bauten fertig sein.
Ein weiteres Bindeglied im Hinblick auf die Verknüpfung von Speicherstadt und HafenCity ist die zukünftige Unternehmenszentrale für den Germanischen Lloyd am Brooktorkai – eine Gebäudezeile, die sich westlich wie ein Mäander an das Gebäudepaar der Spiegel-Zentrale auf der Ericusspitze anschließt. Die Architektenbüros gmp, Jan Störmer und Antonio Citterio haben die Entwürfe für den Mäander entwickelt, der Glas und Backstein mischt und dabei auf gute Nachbarschaft zur Speicherstadt setzt.
Die großen Kontrapunkte am Elbufer stellen die Unternehmenszentrale für Unilever am Strandkai dar, dessen Entwurf das Stuttgarter Büro Behnisch lieferte, und weiter östlich das Kreuzfahrtterminal mit Hotel von Massimiliano Fuksas.
Komplettiert wird die Folge der Gebäude für Großmieter und öffentliche Nutzungen durch den Neubau der HafenCity Universität (HCU). Der Hochschulbau ist ambitioniert in mehrfacher Hinsicht: Zum einen will die Hansestadt damit ihre Baufächer neu ordnen und sich als Studienadresse ein schärferes Profil verschaffen. Zum anderen soll das Projekt architektonisch Maßstäbe setzen, eine Bauakademie des 21. Jahrhunderts werden Und schließlich will sich Hamburg auf der Liste der Green Buildings ganz oben eintragen, denn das Hochschulgebäude der Architekten code unique soll alle Möglichkeiten des Energiesparens und der Nachhaltigkeit ausreizen.
Mit der HCU tut die Stadt bereits den Schritt auf das Ostufer des Magdeburger Hafens. Damit beginnt gleichsam die zweite Halbzeit der HafenCity, die bis zu den Elbbrücken reicht. Ob Elbphilharmonie und Science Center noch die Gesellschaft einer dritten Landmarke bekommen, ist offen. Der Investor Dieter Becken, der sich in der Hansestadt mit preisgekrönten Glasbauten einen Namen machte, möchte mit dem Architekten Hadi Teherani eine Living Bridge, eine Wohnbrücke bauen, die, 1000 Meter lang, die Norderelbe überquert und damit eine Verbindung zwischen den Stadtteilen nördlich und südlich des Stroms schaffen soll. Doch die Wohnbrücke ist überaus umstritten: vor allem, weil sie eine Barriere und Sichtblockade über die Elbe bildet. Kommt sicher auch hinzu, dass Musik und Wissenschaften die Begeisterung weit eher beflügeln als Autotrassen, Apartements und Läden, selbst wenn ein Park das Projekt begleitet. •