Architektur, ein kulturelles Leitmedium?

Nach der postmodernen Museumsschwemme der achtziger Jahre und dem Berliner Hauptstadtaufbruch in den Neunzigern schien für die Architektur in Deutschland alles gut zu werden. Endlich war sie Gesprächsthema und etablierte sich auch in den Zeitungsfeuilletons der Republik als kulturelles Leitmedium. Doch mit dem Ende des Baubooms macht sich Katzenjammer breit. Biennale hin, Schaustelle her – jenseits der Fachöffentlichkeit droht die Architektur wieder dem medialen Vergessen anheim zu fallen. Zugegeben: Dabei handelt es sich keineswegs um ein ganz neues Phänomen, klagte doch schon in den zwanziger Jahren der Architekturkritiker Heinrich de Fries darüber, dass es die Tagespresse für »ihre nachgerade selbstverständliche Pflicht« hält, ihre Leser über die Ergebnisse künstlerischer Bemühungen hinreichend zu informieren. Doch »sehr selten wird für die Baukunst auch nur entfernt Ähnliches geleistet«.

Und heute? »Architektur ist auch heute noch kein kulturell anerkanntes Thema, gleichwertig mit Literatur, Musik oder bildender Kunst.« So das Resümee des Architekturkritikers Gert Kähler in einer im September 2003 veröffentlichten Untersuchung über »Präsenz von Architektur und Baukultur in ausgewählten Kommunikationssystemen«. Wen wundert es, dass auch diese – im Auftrag des Fördervereins Bundesstiftung Baukultur erstellte – Untersuchung kaum einen Widerhall fand? Mit Blick auf die bundesdeutschen Feuilletons stellte Kähler fest, dass es sich keine Zeitung leisten könne, über eine Theaterpremiere nicht zu berichten. »Wenn aber nicht über ein neu eingeweihtes Gebäude berichtet wird, dann fällt das kaum jemandem auf.« Die Architektur, so muss die beängstigende Schlussfolgerung lauten, kocht in Deutschland auf kultureller Sparflamme.
Doch wie konnte es zu dieser Bagatellisierung von Architektur kommen? Liegt die Schuld allein bei den Feuilletons, die angesichts der Finanzkrise der Verlage zusammengeschmolzen sind wie die Polkappen? Oder ist Architektur tatsächlich ein derart sprödes Thema, dass es jenseits der Hofberichterstattung über die wenigen Heroen der Baukunst zu Recht einem medialen Liebesentzug ausgesetzt ist?
Wer als Leser seine baukulturelle Grundnahrung mit der Zeitung zu sich nimmt, der gewinnt ein schiefes Bild von der gebauten Wirklichkeit, das zudem so lückenhaft ist wie ein Schweizer Käse. Dabei ist die Lage in den Printmedien geradezu paradiesisch, vergleicht man sie mit dem Radio, wo Architektur fast vollständig ausfällt. Und auch im quotendominierten Fernsehen führt die Baukunst ein Schattendasein. Bezeichnend ist, dass kaum ein Architekt dagegen angeht. Schon von ihrer Ausbildung her weder im Umgang mit dem Wort noch mit Marketingstrategien vertraut, vermögen nur wenige Vertreter des Faches ihre Anliegen einem größeren Publikum mitzuteilen. Das übermächtige »Bilde Künstler, rede nicht« haben viele Architekten verinnerlicht. Im (falschen) Glauben daran, dass ihre Arbeit schon für sich selbst spreche, sind sie in Sprachlosigkeit versunken.
Ein Weiteres kommt hinzu: Trotzt der Vorbilder eines Julius Posener, eines Manfred Sack oder Wolfgang Pehnt spielt die Architekturkritik in Deutschland nur die Rolle des ungeliebten Stiefkindes. Dabei tut Architekturkritik Not, bildet sie doch den Einstieg in jenen ebenso offenen wie öffentlich zu führenden breiten Dialog über Architektur, an dem es derzeit mangelt.
Wie groß das öffentliche Interesse an Architektur sein könnte, zeigt sich nicht nur an den Besucherzahlen der »Architektonischen Quartette«, sondern auch an anderen großen Architektur-Veranstaltungen in Köln, Hamburg oder Berlin. Doch es ist noch nicht gelungen, dieses Interesse in eine neue Lust an der guten Architektur münden zu lassen.
Auf die schrillen Lobgesänge über die Primadonnen ihres Standes können die meisten Architekten getrost verzichten. Keineswegs aber sollten sie darauf verzichten, Architektur wieder als einen gewichtigen Teil des kulturellen Diskurses und als unentbehrliche Zukunftsstrategie neu zu verankern. Doch dabei sind nicht allein die Feuilletons gefordert, sondern vor allem die Architekten selbst. Jürgen Tietz