Alain de Bottons Langzeitprojekt »Living Architecture« – ein Überblick

Architektur be-wohnen

Begeistert und sendungsbewusst versucht der Autor und Philosoph Alain de Botton, Einfluss auf die Diskussion über moderne Architektur auszuüben. Um seinen britischen Landsleuten die Qualitäten erstklassiger zeitgenössischer Wohnarchitektur nahezubringen, ließ er ab 2010 von Meistern ihres Fachs – von FAT bis Zumthor – im südlichen England acht Feriendomizile errichten. Diese sprechen aber letztlich durch ihre Exklusivität wohl primär eine ohnehin gestaltungsaffine Klientel an.

~Hubertus Adam

Dem ganzen Brexit-Schlamassel zum Trotz: Der Autor dieser Betrachtung ist in hohem Masse anglophil. Zu seinen Favoriten auf der Insel gehören die Organisationen, die sich um den Erhalt des historischen Bauerbes kümmern. Allen voran natürlich der National Trust mit seinen Millionen von Mitgliedern und unzähligen Freiwilligen. Und dann gibt es noch den Landmark Trust: Die seit 1965 bestehende Stiftung sorgt für den Erhalt von Baudenkmälern, indem sie sie in Feriendomizile umwidmet. Wer in einem Leuchtturm, einem Pfarrhaus, einer künstlichen Ruine oder einem Martello Tower (kleine runde Befestigung nach italienischem Vorbild) übernachten möchte, findet beim Landmark Trust die richtige Adresse. Die britische Vorliebe für Follies und skurrile Bauwerke macht schon die Lektüre des Katalogs (oder der Website) mit den bizarren Grundrissen der Bauten zum Erlebnis.

Woher, wohin?

Das Konzept des Landmark Trust stand Pate, als der Schriftsteller und Philosoph Alain de Botton das Projekt »Living Architecture« ins Leben rief. Es wirbt für seine Ziele mit dem Slogan »Holidays in modern architecture«. Als Essayist hat sich der in London lebende Autor mit Schweizer Wurzeln einen Namen gemacht, und zwar mit Büchern, die zwischen kulturkritischer Analyse und niveauvoller Ratgeberliteratur oszillieren. Mal räsoniert er über die Rolle Prousts im Alltag, dann über die Liebe, das Reisen, die Religion oder die Philosophie. Und 2006 erschien »The Architecture of Happiness« (auf Deutsch erschienen 2008 unter dem Titel »Glück und Architektur. Von der Kunst, daheim zu sein«). In einem zunehmend hektischen und entfremdeten Leben weist de Botton der Architektur darin eine kompensatorische Rolle als Rückzugsort zu. Doch gerade in England, so führt der Autor gerne aus, sei die Vorstellung vom Wohnen traditionalistisch und retrospektiv geprägt, als habe sich seit der Zeit von Jane Austen nichts verändert.

Dem Dilemma des Schriftstellers, neue Ideen zwar zu denken, aber nicht umsetzen zu können, wollte er durch die Gründung von Living Architecture begegnen. Seit 2010 errichtet die LLP (Limited Liability Partnership) Ferienhäuser, welche die Mieter letztlich von der Qualität zeitgenössischer Architektur überzeugen sollen. Gerne vergleicht sich de Botton hinsichtlich seines pädagogischen Impetus’ mit Jamie Oliver, der den Engländern höchst erfolgreich bewiesen hat, wie eine gesunde, ausgewogene und schmackhafte Ernährung jenseits der von Pub und Imbissbude geprägten britischen Standardkost aussehen kann.

Verantwortlich für die Auswahl der Architekten und die Abwicklung der Bauprojekte ist Living Architecture-Direktor Mark Robinson, der zuvor für die Serpentine Gallery in London gearbeitet und dort die Idee des jährlichen Sommerpavillons mitinitiiert hatte. Es war denn wohl auch kein Zufall, dass MVRDV, die 2004 mit ihrem Konzept scheiterten, Serpentine Gallery und Pavillon in einer künstlichen Hügelstruktur aufgehen zu lassen, 2010 das erste Projekt für Living Architecture realisieren konnten: den »Balancing Barn« [1] in Suffolk, ein wie extrudiert wirkendes und mit spiegelnd schimmerndem Blech bekleidetes Urhaus in Stangenform, das zur Hälfte frei über einem Abhang schwebt. Vom »Serpentinism« schrieb seinerzeit der Architekturkritiker Rowan Moore im »Guardian« – als der Konzentration von Qualität in einer exotischen Enklave.

Konzeptionelle Bandbreite

Acht Projekte hat Living Architecture in zehn Jahren realisiert. Doch nicht alle teilnehmenden Architekten sind internationale Stars. So errichtete das schottische Büro Nord Architecture (s. db 2/2010, S. 22) das »Shingle House« [2] in Kent, und von den außerhalb Norwegens auch nur bedingt bekannten Jarmund/Vigsnæs Arkitekter aus Oslo stammt das »Dune House« [3], wiederum in Suffolk. Zwei der Häuser entsprangen der Kooperation von Architekten und Künstlern: David Kohn und die Künstlerin Fiona Banner schufen »A Room for London« [4], ein bootsähnliches Gebilde auf dem Dach der Queen Elizabeth Hall, das aufgrund der Sanierung des Gebäudes allerdings demontiert werden musste und daher auch nicht mehr zu mieten ist. Und die Ironiker von FAT aus London waren zusammen mit dem Künstler Grayson Perry für das »House for Essex« [5] verantwortlich, das vielleicht bizarrste Projekt von Living Architecture (s. db 5/2016, S. 46). Die schrille Mischung aus Lebkuchenhaus, Stabkirche und fernöstlicher Kultanlage ist über und über mit Keramikfliesen dekoriert, die idolhafte Darstellungen schwangerer weiblicher Figuren zeigen, und Perry spricht von einem »temple for the Essex everywoman«. Ausgestattet als Erinnerungsstätte für die fiktive Figur Julie May Cope, die beim Zusammenstoß mit dem Scooter eines Essenskuriers ums Leben kam, ist das Gebäude Votivkapelle und Mausoleum, bezieht sich auf die Tradition der Follies in den Landschaftsgärten und verbindet auf unnachahmlich britische Weise Hochkultur und schlechten Geschmack.

Zurückhaltend zeigt sich demgegenüber »The Long House« [6], das Michael und Patty Hopkins als scheunenähnliche Holz- und Stahlstruktur erstellten. Die Umfassungsmauern bestehen aus Feuersteinen, einem in Norfolk üblichen Baumaterial.

Für das »Life House« [7] nahe dem walisischen Llanbister fiel die Wahl auf John Pawson, den wohl konsequentesten Verfechter eines ästhetischen Purismus und Minimalismus in der britischen Architektur. Was zunächst wie ein beiläufiges Arrangement dunkler kleiner Gebäude wirkt, die sich in die Hügellandschaft ducken, ist in Wahrheit eine wohlkalkulierte orthogonale Komposition von Räumen. Der Korridor mündet in einer ebenfalls anthrazitfarben ausgekleideten und zenital belichteten »Contemplation Chamber«, in deren Mitte eine Platte mit einem Satz aus Pascals »Pensées« in Versalien eingelassen ist: »All men’s miseries derive from not being able to sit in a quiet room alone.« Auch die Schlafräume haben jeweils ein bestimmtes Thema: Im »Library Bedroom« stehen von de Botton ausgewählte, eigens gebundene Bücher zur Verfügung, deren Lektüre die therapeutische Intention des Hauses unterstützen mag; im »Music Bedroom« übernimmt eine Auswahl von CDs diese Funktion. Alles wurde speziell für dieses Haus entworfen oder ausgesucht, und so ist ein Interieur entstanden, dessen Stimmigkeit zweifelsohne beeindruckt, das aber in seiner Konsequenz bei einem Besuch eher ein wenig beklemmend, zumindest bemüht wirkte. Bedarf es so vielen Aufwands, um abschalten zu können?

»Luxese« haben Trendforscher die Legierung von Luxus und Askese genannt, und dafür ist das Life House ein treffliches Beispiel: Nichts wurde gescheut, um Reduktion und Verzicht zu inszenieren. Das Life House stellt sich als eigener Kosmos dar, der erstaunlich wenig mit Standort und Region zu tun hat.

Schlussakkord

Das letzte Projekt, das »Secular Retreat« [8] von Peter Zumthor, wurde Ende 2018 fertiggestellt – aber es erforderte zehn Jahre Planungs- und vier Jahre Bauzeit. Die Gespräche begannen also noch bevor Zumthor mit dem Serpentine Pavilion betraut wurde (2011, s. db 9/2011, S. 6). Zunächst war ein Bauplatz zu finden, dann musste das Projekt aus Kostengründen redimensioniert werden – von 430 auf 355 m². Das nunmehr kompaktere Gebäude besteht aus zwei winklig zueinanderstehenden Flügeln mit drei kleineren und zwei größeren Schlafzimmern sowie dem verbindenden, polygonal geformten und geräumigen Wohnbereich mit offener Küche, Esszone und Sitzgruppe. Stampfbetonstützen tragen das weit auskragende Dach, nach außen hin ist der Wohnbereich vollständig verglast, sodass der Blick in die Umgebung schweift; mächtige Monterey-Kiefern säumen das Grundstück.

Mangels eigener Anschauung sei als Zeugin der Raumwirkung die Fotografin Hélène Binet aufgerufen, deren kongeniale Bilder maßgeblich zur weltweiten Wertschätzung der Architektur von Zumthor beigetragen haben. Sie war vom Secular Retreat schlicht begeistert – der Name stammt übrigens nicht vom Architekten, der sich das weniger prätentiöse »Chivelstone House« nach der nächstgelegenen Ortschaft gewünscht hätte. Hélène erklärt, dass das Haus eben gerade nicht prätentiös sei, sondern seiner monumentalen Elemente zum Trotz ganz selbstverständlich wirke und wirklich perfekt in die Umgebung eingefügt sei. Zumthor habe exakt die Balance gefunden zwischen einem nach innen orientierten Rückzugsort und einem Haus, das sich nach außen hin öffnet – und offenkundig genau jene Qualität besitzt, die das Life House vermissen lässt.

Ertrag

Die Baukosten eines Hauses für »Living Architecture«, so äußerte sich Mark Robinson einmal, betrügen zwischen 500 000 und 1 Mio. GBP. Zu den Kosten des Secular Retreat, die deutlich darüber liegen dürften, gibt es keine Angaben. Aber es wird ohne Zweifel zum größten Erfolg von Living Architecture werden. Die Termine für 2019 waren ausgebucht, kurz nachdem Zumthors Projekt auf der Website erschien. Auf spontane Rabatte von 10-20 %, wie sie Living Architecture bisweilen gewährt, darf man wohl auch 2020 nicht hoffen. Maximal zehn Gäste können im Haus schlafen, die Miete beträgt je nach Jahreszeit zwischen 3 830 und 5 995 GBP für eine Woche – Vollbelegung vorausgesetzt – startet das Vergnügen also bei 54 Pfund pro Kopf und Nacht. Dieses Preisgefüge relativiert de Bottons volkspädagogischen Impuls. Denn wer mit zeitgenössischer Architektur fremdelt, wird die Angebote von Living Architecture nicht unbedingt nachfragen. Da ist die Strahlkraft von Jamie Oliver dann doch größer …

Letztlich bedient Living Architecture einen Kreis von designaffinen Kunden, die statt in einem Boutique-Hotel in der Stadt nun in einem mit Architektenlabel versehenen Haus in der Landschaft Urlaub machen. Wogegen aber überhaupt nichts einzuwenden ist, im Gegenteil: Wirklich schöne und auch das Architektenherz erfreuende Feriendomizile sind bekanntlich eher die Seltenheit. Und wenn man sich einmal eine Freude bereiten will, warum nicht auf diese Weise?

Doch leichter ist es, auf den Landmark Trust zurückgreifen, der mehr Häuser bereithält, die sich auch für zwei Personen eignen und das Portemonnaie weniger stark belasten – genügend Exzentrik für anglophile Neigungen inklusive.


Der Autor studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Heidelberg. Er arbeitet als freier Architekturkritiker. 1996-98 war er Redakteur der Bauwelt, 1998-2012 der archithese und 2010-15 Künstlerischer Leiter des S AM in Basel.


www.living-architecture.co.uk