Architektur auf dem Treppchen

Gold Silber Bronze: Die Ergebnisse der Architektur-Olympiade Hamburg sind noch besser als erhofft.

~Dirk Meyhöfer

Zaha Hadid gewinnt mit abgetrepptem Hochwasserschutz an der Elbe Gold (Kategorie Freiraumplanung), so auch der völlig unbekannte Hamburger Architekt Ole Flemming (bof), der es in der Kategorie Architektur schafft, den Altonaer Balkon, den Fischereihafen und die Elbe mit einer topografischen Architektur zu vermählen, als sei es ein Stück von FOA in Yokohama. Im Angebot ist auch kalvinistisch-rationaler Städtebau aus der MVRDV-Denkfabrik und modernes Backsteinwohnen der Hamburger Nachwuchsleute Wacker Zeiger. André Poitiers, einst ein High-Tech-Glascontainer-Mann, hat aus seinem Jungfernstieg-Erfolg (mit WES) gelernt und baut seine Sporthalle unter der Skulptur einer riesigen Freiraumtreppe (Studie für einen Universitätspark Rotherbaum; Bronze, Kategorie Freiraumplanung). Der Jury dieses anonymen Verfahrens (u. a. Carl Fingerhuth, Oberbaudirektor Walter, Peter Zlonicky, Roman Delugan) kann man wegen der bunten Vielfalt der prämierten Entwürfe nur gratulieren: dreimal Gold, dreimal Silber, dreimal Bronze in den Kategorien Architektur, Städtebau und Freiraumplanung mit Lösungen für sehr viele bauliche Probleme der wachsenden Stadt. Und die Hoffnung ist gestiegen, dass für die Hamburger Teilnehmer der Architektur-Olympiade ein bisschen mehr übrig sein wird als nur die siegreiche Teilnahme.
Bis zur Präsentation der Ergebnisse am 1. Dezember waren die Hamburger skeptisch geblieben: »Architektur-Olympiade 2006«, was ist das eigentlich? Kritikerkollege Gert Kähler grub dazu mit seinem erfrischenden Humor faksimilierte Hinweise auf die letzte Begegnung dieser Art aus. Und diese führten ins Jahr 1936 zur Berliner Olympiade in der Reichshauptstadt. Gewiss – Olympische Spiele sähe man gern an den Ufern der Elbe. Doch, ist die Architektur-Olympiade wirklich mehr als nur eine Marketing-Erfindung des Hamburger Senators für Stadtentwicklung und Umwelt? Hinter dem blumigen Begriff, der populistisch und wenig präzise daherkommt, versteckt sich beim näheren Hinsehen ein Verfahren, das die Architektenkammer zwar als Verstoß gegen das Wettbewerbswesen sah, das von ihren Mitgliedern aber – trotz vermeintlicher Ausbeutung von Planungsleistungen – begierig angenommen wurde.
Wenn irgendwie und auch in weiter Ferne ein Auftrag winken könnte, dann wollen (heißt müssen) viele Büros dabei sein, um zu überleben. Und diese Öffnung jenseits aller formalen Hindernisse ist für den Berufsstand notwendig. Anfangs krankte das Unternehmen zwar daran, dass nichts eindeutig definiert schien – was bei einem neuen Verfahren oft nicht der Fall ist. Auch fürchteten die üblichen Verdächtigen (der Autor gehörte auch dazu) die Gefahr eines bloßen Hamburger Planungsaktionismus – allein schon der plakative Titel war Hinweis genug.
Spätestens mit der Auftaktveranstaltung im Mai wurde dann aber deutlich, dass das Verfahren Chancen birgt. Die Teilnehmerliste mit dem Schlüssel 60 Hamburger, 20 nationale und 20 internationale Architektenteams nahm Wind aus den Segeln der Kritiker, die sich seitens der Stadtpolitik immer von auswärtiger Konkurrenz überrannt sehen. Hier gab es Chancen für ortsansässige Architekten, und das Ergebnis verleitete Michael Freytag, zu jener Zeit Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, bei der Siegerehrung zum Ausruf: »Gold für Hamburg!«
Wichtiger aber waren die ausgelobten zehn Themen und Projekte, denn mit ihnen wurde eine alte Forderung erfüllt: Kümmert euch um die Peripherie, um das Plankton. In Hamburg heißt das: Geht in die Bezirke und bleibt nicht in Kernstadt und HafenCity haften. Denn auch am Stadtrand stehen grandiose Aufgaben für das 21. Jahrhundert an: z. B. die Konversion der letzten großen, 2005 geschlossenen Kaserne in Neugraben-Fischbek für Gewerbe und 600 Wohnungen oder die Reurbanisierung von gigantischen 60 Hektar Bahnflächen am Kopfbahnhof Altona, um dessen Verlegung nach Norden seit Jahren gerungen wird. Geschundene Vorstadtmagistralen, die nur noch Bauschrott fürs Auge und Hinterhof des Stadtteils sind, harren neuer Aufgaben. Vorschläge zum Hochwasserschutz und zur nachträglichen Lückenschließung wurden erwartet. Und auch ein richtiges Highlight durfte nicht fehlen: eine Idee zum Wiederaufbau des Restaurants im Stadtpark – quasi einem heiligen Ort, wo Fritz Schumacher einst gewirkt hatte. Alle Architekten von Astoc bis Zaha Hadid, APB bis Wischhusen traten für eine Bearbeitungspauschale von 5000 Euro an, statt Preisgeld gab es Medaillen.
Es wäre nicht mehr als eine amüsante Hamburgensie geblieben, wenn es hier nur um den Weg ginge – auch wenn Peter Zlonicky glaubt, Hamburg hätte jetzt eine Medaille für Bau- und Verfahrenskultur verdient. Doch die Inhalte lassen wirklich hoffen. Oberbaudirektor Jörn Walter, der anfangs auch zu den Skeptikern gehörte, lobte: »Hier verbinden sich in einer Qualität, die nicht in jedem Wettbewerb erreicht wird, Bodenhaftung und Fantasie!« Tatsächlich sind hier Aspekte anders also sonst miteinander verknüpft worden, beispielsweise die Gleichbehandlung von »No-Names« und Stararchitekten. Von Beginn an waren Investoren (auch als Sponsoren) und Verwaltung eingebunden. Die Beurteilung erfolgte in zwei Stufen. Zunächst sprachen die Bezirke für ihre zehn Projekte jeweils vier bis fünf Empfehlungen aus. Wie im richtigen Leben war Jörn Walter hier schon in der Jury dabei. Die Grand Jury vergab dann aufgrund dieser Vorauswahl (wieder mit J. W.) die Medaillen. Besonders die großmaßstäblichen Kategorien sind bei diesem Verfahren geeignet, Wege für die wachsende Metropole aufzuzeigen.
Nach längerer Zeit überzeugte einmal wieder MVRDV aus Rotterdam (Gold, Kategorie Städtebau); sie entwickelten für die Röttgerkaserne einen schachbrettartigen Masterplan, der auf den ersten Blick dem Luftbild einer holländischen Polderlandschaft im De-Stijl-Raster ähnelt. Jörn Walter persönlich wies darauf hin, wie sensibel bestehende und zu haltende Altbauten und alle (!) großen Bäume integriert werden. Dieser MVRDV-Entwurf ist als Momentaufnahme von Rationalismus und freier Einfamilienhausentwicklung festzuhalten, eine Kombination aus Typologie und Topografie. Sehr flexibel auch deswegen, weil jede Grundeinheit von etwa 1600 m³ sehr individuell in Einheiten von 400, 800 oder 1200 m³ aufgeteilt und verkauft werden könnte.
Hamburg will wachsen und setzt konsequenterweise auf familienfreundliches Wohnen, denn ohne den qualifizierten Mittelstand können weder Hafenindustrie noch Dienstleistungen oder Forschung wachsen. Das Hinsenfeld ganz im Nordosten Hamburgs soll auf knapp zehn Hektar besiedelt werden. Die Bronzemedaille Architektur erhielten die Hamburger Wacker Zeiger für ein Wohnquartier, das mit hohem ästhetischen Anspruch im ortstypischen Backstein gebaut werden könnte.
Gerade dieses Beispiel zeigt, dass die Architektur-Olympiade vielleicht eines bewirken kann: Das Lösen der angezogenen Bremse, wenn es darum geht, mit guter Architektur in Stadt zu investieren. Die Anstöße hierzu sind auf vielen Ebenen gegeben: Der Entwurf für das neue Stadthallenrestaurant (Silber, Kategorie Freiraumplanung) wirkt wie eine Befreiung; statt Backsteinkapriolen ein flacher Balken aus Glas (SML Architekten, Hamburg). Das Glunz-Gelände in Bergedorf (Silber, Kategorie Architektur) von Kramer Biwer Mau Architekten, Hamburg, zeigt, dass man keine Angst vor Verdichtung haben muss. Und Jörn Walter ist froh darüber, hier solche Qualität zu sehen, weil es einen eigenen Architekturwettbewerb hierfür sonst nicht gegeben hätte. Übrigens: Alle Medaillen der Kategorie Architektur wurden von Hamburgern gewonnen, die als jüngere Büros bezeichnet werden können!
Bleiben allerdings bei so viel Euphorie trotzdem noch Forderungen: Michael Freytag möge in seiner neuen Rolle als Finanzsenator kräftige Hilfe bei der Realisierung leisten, die Hamburgische Architektenkammer ihre dogmatische Position, es müssten nun weitere Realisierungswettbewerbe folgen, überdenken. Und die durchweg jüngeren Siegerarchitekten sollen nun wirklich bauen!
Der Autor ist freier Journalist für Architektur, Design und Städtebau in Hamburg.