ALDI-Nord Immobilienstrategie (Berlin-Lichtenberg)
Ein Discounter steigt in den Wohnungsbau ein

ALDI Nord Instore Konzept

In allen deutschen Großstädten ist die Wohnungsfrage inzwischen eine Überlebensfrage für Politiker schlechthin geworden. Drei lange neoliberale Jahrzehnte lang haben sie und ihre Wähler sich auf die angebliche Ordnungsmacht des Markts verlassen. Auch deswegen wurden im öffentlichen Besitz befindliche Wohnungen, Genossenschaften, kommunale Wohnungsbaugesellschaften und v. a. Land möglichst gewinnbringend verkauft, um die öffentlichen Haushalte schuldenfrei zu machen.

~Nikolaus Bernau

Aber spätestens seit der Bankenkrise 2008 und dem Neubeginn städtischen Bevölkerungswachstums etwa in der gleichen Zeit hat sich gezeigt: Diese einseitige Politik war eine der größten baulichen und sozialen Fehlkalkulationen der jüngeren Vergangenheit.

Inzwischen werden in München bei Neuvermietungen durchschnittlich (!) mehr als 16 Euro netto pro Quadratmeter Wohnraum verlangt. Die Wähler begehren auf, und da erscheint fast jedes Projekt sinnvoll. Etwa jene Aldi-Wohnungen, die, geplant in Berlin vom Teil-Konzern Aldi Nord, über Supermärkten entstehen sollen. Wirtschaftshistorisch übrigens ein Menetekel: Schon wieder investiert ein deutscher Großkonzern, der seinen Aufstieg technischer und kommerzieller Innovation verdankt, das dabei gewonnene Kapital nicht etwa in weitere Innovationen und ins eigene Wachstum, sondern in inflationssichere Immobilien.

Aber sei es drum: Zwei Modellprojekte in den »In«-Bezirken Neukölln und Lichtenberg mit rund 200 Wohnungen sind nach Angaben von Aldi Nord beantragt, weitere 15 Standorte in der Konzeption. Insgesamt sollen etwa 30 Standorte entstehen. Von 2 000 Einheiten insgesamt ist die Rede. Eine durchaus überschaubare Zahl. Dennoch wird um dieses Projekt derzeit ein Wirbel gemacht, als wenn die Revolution des deutschen Wohnungsbaus anstünde. Lokale Politik und Medien jubeln, nun würden »endlich« die riesigen Parkflächen rund um eingeschossige Supermarkthallen angemessen genutzt, Aldi könne nun sogar den angeblich verschlafenen Baubehörden, Wohnungsbaugesellschaften und Baugenossenschaften im öffentlichen Besitz zeigen, wie man schnell und effizient baut. Und sicherlich würde der Discounter doch auch Discount-Wohnungen anbieten.

Dabei ist die Integration auch größerer Verkaufsflächen in innerstädtische Wohnbebauungen alles andere als eine neue Idee. Selbst Baumärkte und andere flächenfressende Verkaufsstätten wurden schon in den 70er Jahren mit Massenwohnungsbau verbunden, siehe etwa an der Berliner Brunnenstraße oder der Kantstraße. Jüngere Beispiele sind oft in Ecklagen entstandene Supermärkte etwa von Edeka, Rewe, Lidl, Denns oder Bio-Company. Die frei stehende Aldi-Halle oder der ostdeutsche Konsum-Block sind Sonderformen geblieben, brauchbar für neu angelegte Wohngebiete und Vorstädte. Doch weiter: Weder verspricht Aldi eine besonders ökologische oder nachhaltige Baukultur, einen Wettbewerb oder wenigstens interessante neue Wohnungsformen: Den beiden Illustrationen nach, die veröffentlicht wurden, handelt es sich um ziemlich schlicht im Plattenbauraster entworfene, lang gestreckte Riegel, in deren von Stützenhallen gerahmtes EG eine Kiste für den Supermarkt eingeschoben wird. Dabei sind die Preise nur u. a. discounter-verdächtig: Ein Drittel der Wohnungen soll zum Preis von 6,50 Euro pro Quadratmeter angeboten werden. Das gilt sogar im trotz allen äußeren Glanzes immer noch vergleichsweise armen Berlin, wo mehr als die Hälfte der Einwohner einen Anspruch auf Wohngeld hat, inzwischen als billig. Doch der allergrößte Teil der Wohnungen wird für mindestens 10 Euro Kaltmiete auf den Markt kommen. Auch Aldi handelt also nicht als Wohltäter, sondern als ganz normaler, renditeorientierter Investor.

Es geht darum, die neuen großen Verkaufshallen im »ANIKo-Stil« (ALDI Nord Instore Konzept) mit einer Größe von bis zu 1 400 m2 akzeptabel werden zu lassen und zugleich den kostbaren Baugrund maximal auszunutzen. Es sind v. a. innerstädtische Grundstücke, die nach der Zerstörung der Häuser im Krieg nur locker bebaut wurden – davon gibt es in Berlin noch erstaunlich viele – , sowie solche, die im direkten Anschluss an innenstadtnahe Siedlungsgebiete der 20er Jahre wie der Wohnstadt Carl Legien oder in der Nachbarschaft von Siedlungen der Nachkriegszeit liegen und derzeit durch die Ausweitung des Baubestands zunehmend zum Teil der Innenstadt werden. Die Senatsbauverwaltung rechnet vor, dass auf solchen Grundstücken alleine in Berlin Platz für insgesamt 14 000 bis 36 000 Wohnungen sei, je nach Bebauungsdichte. Hier zu bauen, ist angesichts der Wohnungskrise keinerlei Risiko und wird von den Stadtverwaltungen wohlwollend behandelt: Inzwischen werden Überbauungsquoten genehmigt, die jene der Kaiserzeit übertreffen, dürfen Neubauprojekte einfach nur banal jeden verfügbaren Kubikzentimeter ausnutzen, den bereits vorhandenen Gebäuden jede »Licht, Luft, Sonne« wegnehmen, die doch auch zum Zivilisationsversprechen der Moderne gehören. Hauptsache Wohnungen.

Von den berüchtigten, frei stehenden Discounter-Einkaufshallen nach amerikanischem Vorbild aber ist bisher gar nicht die Rede. Hier wird Aldi weiter an der autobasierten Lebensform verdienen, und in den Innenstädten an der vom Auto möglichst befreiten Verdichtung. Das hat schon etwas Ironisches.

Der Autor ist Kunstwissenschaftler und Architekt. Er arbeitet als Architekturkritiker in Berlin.