Eine persönliche Revision der Rubrik »Alltag in …«

Ohne Worte

Ab der Märzausgabe 1994 gab die db-Redaktion ihrem Unbehagen darüber Ausdruck, dass Architekturzeitschriften ein geschöntes Bild der Wirklichkeit erzeugen, indem sie allein das Hervorragende zeigen, den weniger befriedigenden Durchschnitt hingegen ausklammern. Über zwei Jahrzehnte lang gab es in jeder db-Ausgabe eine – auf gestalterischer, konzeptioneller oder technischer Ebene – besonders schaurige Entgleisung zu sehen, wie sie den Alltag in Städten, Dörfern, Landschaften prägen und am ästhetischen Empfinden ihrer Erbauer zweifeln lassen. Die Rubrik war stark an die Person des damaligen Chefredakteurs Wilfried Dechau und seinen fotografischen Fundus gebunden und endete daher auch mit seinem Weggang. Selbstkritisch schaut er auf sein eigenes Tun und die Schwierigkeit, Architekturkritik auch jenseits des Elfenbeinturms zu betreiben.

Ohne Worte

Text: Wilfried Dechau
Die Serie »Alltag in …« begann im Märzheft 1994 eigenartig laut- und kommentarlos. Zur Einführung der Serie konnte man – versteckt in einem längeren Text zum ersten Relaunch der db seit 1981 – auf Seite 11 lediglich folgendes lesen: »Neu hinzu kommt die Seite ›Alltag in …‹, mit der wir der Tatsache zu Leibe rücken wollen, daß die schöne Welt auf dem Papier der Bau-Wirklichkeit meist so ganz und gar nicht entspricht … Doch schauen Sie selbst, auf Seite 221.«
Und was gab es dort zu sehen? Eine innerstädtische Situation in Schwäbisch Gmünd: »Kaufhaus und Parken unter einem Dach«. Dem mitgedruckten Filmrand konnte der Fachmann Informationen über das verwendete Filmmaterial entnehmen. Eine Marotte aus analogen Zeiten. Vielleicht wollte ich damit dokumentieren, dass auch die architektonische Entgleisung ganz seriös aufgenommen wurde – nämlich mit Stativ, Linhof Technika und Drahtauslöser. Ich erinnere mich noch genau, dass ein Passant verständnislos, aber doch neugierig fragte, warum ich denn das fotografiere (Betonung auf das). Meine knappe, barsche Antwort »Weil ich das aufgesattelte Parkhaus unmöglich finde« hat ihn mutmaßlich an meinem Verstand zweifeln lassen. Jedenfalls zog er kopfschüttelnd von dannen.
Zurück zur Seite 221: Links neben dem Foto konnte man den Text lesen, der gut zehn Jahre lang, bis zum Ende der Serie immer wieder unverändert auf der Seite »Alltag in …« zu lesen war:
»Städte, Dörfer, Landschaften werden v. a. von Bauten geprägt, die nicht in Architekturzeitschriften veröffentlicht werden. Dadurch entsteht auf dem Papier ein geschöntes Bild der Wirklichkeit. Um das wieder etwas gerade zu rücken, wird auf dieser Seite gezeigt, wie der Alltag wirklich aussieht.«
Sonst nichts. ›
› Ein bisschen wenig. So jedenfalls will es mir heute, in der Rückschau scheinen. Ich hätte doch wenigstens die Gedanken zu Papier bringen können, die mir bei der Auswahl des Objekts und beim Fotografieren durch den Kopf gegangen sind. Also in diesem Fall z. B.: Das Kaufhaus tut sich schwer mit der Altstadt. Auskragendes OG und 45-Grad-Gezickel gehen auf Konfrontationskurs zu den einfachen, giebelständigen Häusern links und rechts. Auch die Geschoßhöhen wollen sichtlich nichts mit der Nachbarschaft zu tun haben. Ja, und was ist eigentlich mit dem Dach los? Ist das nicht ganz dicht? Nein, muss es gar nicht. Es soll nur so aussehen wie ein Dach – als Paravent für zwei Parkgeschosse. So viele Autos haben in der engen Altstadt ohnehin nichts verloren. Was soll dann die Kulissenschieberei mit Dächern, die keine sind? Die Unsitte, zu massig geratene Volumina mit steilen, hohen Mansarddächern zu verniedlichen, verstecken zu wollen, ist keineswegs selten. In Norddeutschland stieß ich mal auf ein »5-Sterne-Hotel im Landhausstil« (Waldhaus Reinbek), bei dem hinter einer Schein-Mansarde ganze drei Vollgeschosse versteckt werden (sollten). Ein derart gestrecktes, mit mehreren Dutzend niedlichen Erkerchen überzuckertes Walmdach konterkariert den Begriff »Landhaus« und wirkt nur noch lächerlich. So ähnlich kam mir auch das Schein-Dach über dem Parkhaus vor.
Solche Worte hätte ich diesem Bild mit auf den Weg geben können. Auch alle weiteren, im Monatsrhythmus folgenden Bilder hätten so einer Lesehilfe bedurft. Wie kam ich darauf anzunehmen, jeder Leser würde sich schon selbst seinen Vers darauf machen? Mein Kollege Peter Davey, seinerzeit Chefredakteur der renommierten englischen Zeitschrift AR, Architectural Review, hat es mir vorgemacht, wie ich es hätte anpacken können (und sollen). Das in der db 8/98 vorgeführte »Wohn- und Geschäftshaus in Aalen« hat er im Architectural Review zitiert und ausführlich kommentiert. In der db blieb die Serie dennoch weiterhin unkommentiert, blieb als Bildersammlung kurioser Absonderlichkeiten zu kryptisch und hat die Chance verspielt, mit deutlichen, die Fotos begleitenden Worten Architekturkritik auch jenseits des Elfenbeinturms zu betreiben.
In guter Erinnerung wird die Serie wohl nur bei jenen Lesern sein, die nicht fürchten mussten, ihre Bauten auf der »letzten Seite« der db wiederzufinden. Es wurden zwar keine Namen genannt, aber unter Kollegen war dennoch auf Anhieb klar, welche »Bausau diesen Saubau da hingesetzt« hat – dieser Spruch hat offenbar viele Väter, mal wird Theodor Heuss als Autor genannt, mal Prof. Arnold Knöpfli, und Bänz Friedli meint, er sei der erste gewesen, der diesen Spruch auf eine Betonwand gesprayt habe …

Wilfried Dechau war von 1980 bis 2004 in der db-Redaktion tätig, ab 1988 als Chefredakteur. In dieser Zeit setzte er die Maßstäbe für die hohe Qualität der Zeitschrift, trieb die Anerkennung der Architekturfotografie als eigenständige Disziplin voran und weitete auch darüber hinaus den Blickwinkel der Fachleute in Bezug auf so manches zunächst randständig erscheinende Thema.