Der Heftteil db-Metamorphose

Avantgarde im Altbau

Die db ist das einzige Architektur-Fachmagazin, bei dem Sanierung, Umbau und Denkmalpflege einen festen Platz in der Zeitschrift haben: Viermal im Jahr widmen wir diesem Themenfeld einen eigenen Schwerpunkt. In der umfangreichen Rubrik »db-Metamorphose« zeigen wir, dass Bauen im Bestand weit mehr als eine Schwarzbrot-Tätigkeit sein kann. Wir stellen inspirierende Projekte vor, deren Planer neue Wege beim Umgang mit vorhandener Bausubstanz beschreiten, und behandeln in Fachartikeln energetische, rechtliche und konstruktive Fragen rund um die Altbauerneuerung.

Text: Christian Schönwetter

Avantgarde im Altbau
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Für viele Architekten macht die Beschäftigung mit vorhandener Bausubstanz den Löwenanteil ihrer täglichen Arbeit aus. Sanierung, Umnutzung oder Erweiterung bestehender Gebäude füllen die Auftragsbücher, im Wohnungsbau etwa fließen derzeit rund 70 % aller Investitionen in den Bestand. Im Jahr 2013 beschlossen wir daher in der db-Redaktion, diese Themen regelmäßig zu behandeln – in einem neuen Heftteil »db-Metamorphose«. Er ist aus der Zeitschrift »Metamorphose« hervorgegangen, die beim selben Verlag erschien, und die sich bereits seit 2007 mit der Umwandlung älterer Gebäude für neue Bedürfnisse auseinandersetzte.
Alle drei Monate nehmen wir nun ein anderes Titelthema unter die Lupe: Wie lässt sich die Architektur der 50er Jahre weiterentwickeln? Gibt es Strategien des preiswerten Umbaus, die bezahlbares Wohnen in der Großstadt ermöglichen? Welche Ideen entwickeln Architekten, damit Kirchengemeinden trotz Mitgliederschwund den reichen Bestand an Sakralbauten erhalten und modernisieren können? Oder: Was soll mit all den leer stehenden Scheunen, Ställen und Bauernhäusern geschehen, die der Wandel von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft überflüssig gemacht hat?
Anregung für den Entwurf
Im Zentrum der Berichterstattung stehen anspruchsvoll gestaltete Projekte, deren Planer überzeugende Antworten auf diese Fragen gefunden haben. Wir dokumentieren die Gebäude mit Fotografien vor und nach dem baulichen Eingriff und treiben besonderen Aufwand bei der Darstellung von Grundrissen, Schnitten und Detailzeichnungen, die wir jeweils eigens aufbereiten, um die Fügung aus alter und neuer Bausubstanz auf den ersten Blick kenntlich zu machen. Die Artikel untersuchen die Gebäude aus einer architekturkritischen Perspektive heraus, hin und wieder ergänzt um einen Exkurs zu einem außergewöhnlichen technischen Aspekt im Umgang mit dem Altbau. Bei der Umnutzung des Chemnitzer Kaufhauses Schocken zum Museum warfen wir beispielsweise einen Blick auf CFK-Lamellen und eine Heißbemessung: Durch ihr Zusammenspiel war es möglich, in den Innenräumen das Betontragwerk sichtbar zu belassen, das so charakteristisch für diesen Bau von Erich Mendelsohn ist.
Um auch auf bedeutende Sanierungsprojekte eingehen zu können, die nicht ins jeweilige Titelthema passen, haben wir die Rubrik »Bestandsaufnahme« eingeführt. Wie eine Art Architekturführer gibt sie einen kurzen Überblick über neue Tendenzen der Altbaumodernisierung.
Technik-Knowhow fürs Bauen im Bestand
Der dominierende Aspekt fast jeder Modernisierungsmaßnahme ist die energetische Sanierung, weshalb wir ihr eine eigene Rubrik gewidmet haben. Sie berichtet über den neuesten Stand der Dinge auf einem Gebiet, das immer kürzeren Innovationszyklen unterworfen ist, sei es bei den Möglichkeiten der Technik oder den Rechtsvorschriften der EnEV, die sich zuletzt beinahe im Jahresrhythmus änderten (s. a. S. 62 ff.).
Bei der Erstbegehung eines Altbaus ist es gut, die typischen neuralgischen Punkte zu kennen, bei denen es häufig zu Bauschäden kommt. Mit ihnen beschäftigt sich die Rubrik »Schwachstellen«, in der Experten auch aufzeigen, wie sich die Schäden effektiv und mit angemessenem Aufwand beheben lassen (s. a. S. 72 ff.).
Sehr hilfreich sind dabei Kenntnisse, wie frühere Generationen ihre Bauwerke konstruiert haben: Welche Materialien waren in welcher Epoche üblich? Wie wurden sie bearbeitet und gefügt? Mit welchen Baustoffen muss man z. B. rechnen, wenn man die Oberfläche eines Gewölbes öffnet? Stein? Holz? Oder nur Draht und Putz? Die Kenntnis alter Bauweisen erleichtert die Planung von Instandsetzungsarbeiten enorm. Daher bietet db-Metamorphose unter dem Schlagwort »Historische Konstruktionen und historische Bautechnik« regelmäßige Updates zu früher gängigen Konstruktionsweisen – übrigens ein Thema, das keine andere Architekturzeitschrift behandelt.
Engagement für Qualität
Ein besonderes Anliegen verfolgen wir mit der Rubrik »Verkannte Perle«. Hier weisen wir regelmäßig auf prekäre Bestandsbauten hin, die einmal mit hohem gestalterischen Anspruch errichtet wurden, deren Wert aber vom derzeitigen Eigentümer nicht erkannt wird. V. a. die Architektur der Nachkriegsmoderne hat eine sehr schwache Lobby. Daher müssen wir immer wieder über entstellende Sanierungen, über verfallende Gebäude oder gar über geplante Abrisse von Bauten dieser Epoche berichten. Das erste Objekt, das wir vorstellten, war die Karlsruher Hauptverwaltung der Erdölraffinerie Dea-Scholven, ein in Systembauweise erstelltes Gebäude von Egon Eiermann, das seit Jahren vor sich hin rottete (und erst vor Kurzem behutsam instandgesetzt worden ist). Mitunter reagieren die Eigentümer etwas verschnupft auf die Berichterstattung – einmal schrieb uns ein Oberbürgermeister einen entrüsteten Brief, nachdem wir uns gegen den Abriss eines denkmalgeschützten ›
› Amtsgebäudes aus den 50er Jahren ausgesprochen hatten, das seinen Plänen für die künftige Stadtentwicklung im Wege stand.
Als wir 2007 mit der Rubrik »Verkannte Perle« begannen, waren wir noch allein auf weiter Flur. Doch inzwischen gibt es einige Publikationen, die sich in ähnlicher Weise kontinuierlich für einen sorgsamen Umgang mit gefährdeter Nachkriegsarchitektur stark machen, etwa die Website »www.sosbrutalism.org«, die sich freilich auf einen bestimmten Baustil beschränkt. Dennoch: Der Kreis derer, die sich für mehr Erhalt und weniger Abriss aussprechen, wächst.
Weil uns die Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe am Herzen liegt, haben wir nicht zuletzt den db-Preis »Respekt und Perspektive. Bauen im Bestand« ins Leben gerufen, der seit 2014 alle zwei Jahre anspruchsvolle Lösungen beim Bauen im Bestand prämiert. Die Resonanz von über 350 Einreichungen bei der ersten Auslobung zeigte, wie viele – auch gestalterische – Facetten diese Bauaufgabe zulässt. Die große Bandbreite der eingereichten Arbeiten machte aber v. a. eines deutlich: Die Themen für »db-Metamorphose« werden so schnell nicht ausgehen.

Christian Schönwetter betreut die Rubrik »db-Metamorphose«. Zuvor leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift »Metamorphose – Bauen im Bestand«. Schon als Student war er an der Uni Karlsruhe im Sonderforschungsbereich »Erhalten historisch bedeutsamer Bauwerke« tätig.