Die Zwanzigerjahre

Aus 150 Jahren db

Neulich traf ein großes Paket in der db-Redaktion ein: die Jahrgänge der »Deutschen Bauzeitung« der »Goldenen Zwanziger« (1925-28) in fantastischem Zustand. Überlassen wurden sie uns von Bernd Allkämper aus Münster, dessen Vater sie sorgsam gehütet hatte und nur in Ausnahmefällen den Kindern erlaubte, darin zu blättern. Dennoch haben die Hefte (neben anderen) das Architekturverständnis des Sohns geprägt und insbesondere seine Liebe zu historischer Architektur geweckt – ähnliche Erinnerungen werden viele Architekten haben. Und wie spannend ist es, die Ereignisse von damals nachzuvollziehen: der Kampf um eine Architektenkammer; die Entwicklung neuer Baustoffe und Konstruktionen, etwa der Großmarkthallen in Leipzig oder der Herstellung attraktiver Betonoberflächen; die »Einstellung des Architekten zum Heizungsproblem« (samt dem Begriff »k-Zahl«!) und ob es effizienter sei, die Zentralheizung eines Mietshauses zweimal die Woche oder dreimal in zwei Wochen anzuwerfen (Überraschung: Durchlaufenlassen zieht am wenigsten Verschleiß nach sich); die große Frage, wie brauchbare Autostraßen zu bauen seien und wie der Autoverkehr die Stadtentwicklung prägen würde; aber auch der Blick in die Vergangenheit: Barockarchitektur, Beginenhöfe usw. Manche Themen und Diskussionen zeigen, wie lang diese Zeit her ist, anderes ist so aktuell wie heute: der Anspruch, gute Architektur mit Wirtschaftlichkeit zu verbinden oder der Gegensatz von Baukunst und Moderne (jawohl). Die Weißenhofsiedlung in Stuttgart beispielsweise wurde keineswegs hoch gelobt. Fünf Mal im Jahr 1927 kommentierten verschiedene Autoren die Werkbundausstellung, begleitend zu der noch die »Deutsche Tagung für wirtschaftliches Bauen« stattfand. Die Autoren sahen »Wohnungen für den ebenso ästhetischen wie kinderlosen Menschen der Zukunft«; den Bauten fehle die »Erdverbundenheit« mit der Stuttgarter Scholle; die angewendeten Prinzipien seien zu akademisch und widersprächen den Geboten »echter« Sachlichkeit, die »nie Selbstzweck (sei), sondern (…) selbstverständliche Voraussetzung bei der Lösung einer Aufgabe«. U. a. gehe es um günstiges Bauen, und dafür seien etwa die »Häuser des Herrn Corbusier« zu kompliziert, und man brauche »nicht Wohnmaschinen, sondern Wohnstätten«. Eine Stimme relativierte allerdings, dass man der Siedlung und dem »neuen Stil« Zeit zur Bewährung geben müsse.
Was im Ausland so vor sich ging, hatte man ebenfalls im Blick – die »neue Türkei«, rationelles Bauen in den USA, Italien – wenn das auch ein etwas anderer Blick war als heute: Dem italienischen Volk gestand man durchaus zu, seine »Wiedervereinigung« mit allem nationalen Stolz auch baulich kundzutun, kritisierte aber an einem geplanten monumentalen Hochhaus, es zerhaue Roms Stadtzentrum weiter, nachdem schon das Victor-Emmanuel-II-Denkmal von 1911 sämtliche Maßstäbe gesprengt habe – wovon man sich noch heute überzeugen kann. Diese rein fachliche Betrachtungsweise mutet eigenartig an, wenn man weiß, was später kam – auch in Berlin, wo etwa ein Erweiterungsbau an die Reichskanzlei und ein Stadion für Leibesübungen (Olympiastadion) diskutiert wurden. Oder wenn die »Deutsche Bauzeitung« in ihrem Editorial zum Neuen Jahr 1928 meldet, dass die Berliner Bauausstellung 1930/40 nun gesichert sei. Hier war eine Dauerausstellung geplant, die sich mit neuen Baustoffen, ihrer Gewinnung und Qualitätssicherung, technischen Neuerungen samt Maschinen, wissenschaftlichen Forschungen etwa zur Hygiene, nicht zuletzt aber auch mit Architektur, Städtebau und Kunst befassen sollte. Im selben Editorial wurde allerdings auch schon die schwierige aktuelle Wirtschaftslage thematisiert, 1929 folgte bekanntermaßen die internationale Depression – und die Interbau 1957 war dann eine ganz andere Art von Bauausstellung.
Es wird spannend sein, die Jahre dazwischen zu betrachten. Bleiben Sie dran – wir stöbern weiter. ~dr