Architekturkritik – eine Annäherung

Um eine Architekturkritik relevant für einen kulturellen Diskurs zu gestalten, sollte ihr Autor einige Fähigkeiten mitbringen: u, a. Fachwissen, Neugierde und den Blick für die Nutzbarkeit der Architektur. Bestenfalls nähert er sich dem Gebäude aus gänzlich unterschiedlichen Blickwinkeln.

Architekturkritik – eine Annäherung

Text: Bernhard Schulz
Manfred Sack, der jahrzehntelange Architekturkritiker der »Zeit«, war voller Bewunderung für Julius Posener. In der Besprechung von dessen Autobiografie zitiert er 1993 Poseners Eingeständnis: »Ich war jetzt sechzig. Ich gestehe, dass ich als Lehrer der Geschichte in noch stärkerem Maße Dilettant war als beim Entwurf.« Und Sack fügt hinzu: »Er kannte seine Begabung, sich sprachlich über Nicht- und Halbwissen hinwegzuhelfen. Es hört sich an wie die Absolution für Journalisten wie mich.«
Das aus der Feder von Manfred Sack zu lesen, klingt nach Koketterie. Es ist Koketterie. Denn wenn je ein Kritiker penibel darauf geachtet hat, dass sein Urteil wohl begründet sei, auf nachprüfbare Tatsachenfeststellungen gegründet, dann war es Manfred Sack. Und doch ist es wiederum auch keine Koketterie, sich selbst »Nicht- und Halbwissen« wenn schon nicht grundsätzlich zu attestieren, so es doch im Zweifelsfall für sich in Anspruch zu nehmen. Denn wie genau und vollständig wüsste der Kritiker jemals über den Gegenstand seiner Kritik Bescheid, dass er sich rühmen dürfte, diesen Gegenstand tatsächlich zu kennen, ihn zu »wissen«?
Julius Posener ist allen, die sich für die Geschichte der Architektur, besonders die Vor- und Frühgeschichte der Klassischen Moderne interessieren, als sprachmächtiger Historiker in Erinnerung, und selbst wer ihn nicht mit dem Zeigestock in der Hand vor der Tafel im Hörsaal hat reden hören, meint den Klang einer, seiner Stimme zu hören. Posener war ein Erzähler, ein Geschichtserzähler und gern auch mal ein Geschichtenerzähler. Doch lange, bevor er Geschichtsprofessor wurde, war er ein Kritiker, der sich im Exil mit dem Verfassen von Kritiken über Wasser hielt, dabei doch eigentlich ganz in seinem Metier war. Wenn Manfred Sack den Älteren rühmt, so sagt er damit etwas über ein Idealbild des Kritikers. Was über Architekturkritik zu sagen wäre, gilt mutatis mutandis für alle Kritik, die in den verschiedenen Sparten an kulturellen Hervorbringungen geübt wird. Immer geht es darum, im Medium der Sprache – gesprochen oder geschrieben – eine konkrete Hervorbringung, sei sie zu sehen, zu hören oder allein intellektuell zu erfassen, zugleich zur Anschauung zu bringen wie zu würdigen.
Würdigen? Als Aufgabe der Kritik? Man muss sich nicht lange mit griechischer Philologie aufhalten, um auf die Wortbedeutung des zugrunde liegenden Verbums krínein hinzuweisen: trennen, unterscheiden, urteilen. Ebenso wie Kritik ein zunächst neutrales Wort ist, so verhält es sich mit Würdigung. In der Würdigung steckt die Aufgabe, einer Sache gerecht zu werden. Ihr ihre Würde zu geben und zu lassen. Das ist das Gegenteil des Zerreißens, das der Kritik gern als Antrieb unterstellt und in manchen Fällen tatsächlich auch so gehandhabt wird. Würdigen bedeutet, die Aufgabe zu verstehen, die zu bewältigen der Künstler oder hier der Architekt sich vorgenommen hatte, die Umstände, unter denen diese Bewältigung vonstatten ging, und das Ergebnis, das sich der Wahrnehmung, im Falle der Architektur gar der konkreten Benutzung, darbietet. Der Kritiker verfolgt also im Geiste den Entstehungsprozess des Werks nach, um zu erkennen und sodann zu beurteilen, ob die zugrunde liegende Aufgabe gelöst wurde. Die Aufgabe wird sicher nicht allein darin bestanden haben, etwa eine funktionierende Nasszelle in einen Wohnungsgrundriss zu integrieren – obgleich auch das in manchen Fällen Aufgabe genug sein kann –, es wird auch ästhetische Rahmenbedingungen gegeben haben, und es wird, bei einem nutzbaren Ding wie einem Bauwerk, zweifellos und durchaus nicht zuletzt auf die Ökonomie angekommen sein, etwas, das heutzutage, im Sinne einer zunehmend wahrgenommenen ökologischen Verantwortung, nicht mehr als auf das Budget des Bauherrn oder der Gebäudenutzer beschränkt zu denken ist.
Als Picassos Name einem breiten Publikum zum Synonym für moderne Kunst geworden war, andererseits aber noch erhebliche Aversionen dieser Moderne gegenüber bestanden, wurde gern dahingesagt, »so kann mein Kind auch malen«. Warum, kam die Entgegnung, warum tut es das dann nicht? So leicht, wie es aussah, war auch die moderne Kunst nicht aus dem Handgelenk zu schütteln. Um wie viel mehr gilt das für die Architektur. Noch der grimmigste Verächter moderner Architektur wird nicht behaupten, dass er selbst es mindestens ebenso, ja eigentlich viel besser könne. Die Architektur genießt mithin einen Vorteil, der zugleich ihr Nachteil ist. Der Vorteil ist, dass sie ganz augenscheinlich nur von dem geübt werden kann, der sie erlernt hat, und es ist ersichtlich, dass dieses Lernen ein langes und umfangreiches gewesen sein muss, ehe der erste Stein auf dem anderen ruht und ein Dach die Mauern deckt. Der Nachteil – oder doch wiederum ein Vorzug – ist, dass Architektur von jedermann genutzt und darum auch beurteilt werden kann. Ob eine Tür hoch genug ist, ein Fenster genügend Licht einlässt, der Boden eben, das kann jeder beurteilen. Muss es beurteilen, denn Architektur ist zum Gebrauch bestimmt. Eben darum wollte Adolf Loos bekanntlich nur zwei Bauaufgaben der Sphäre der Kunst zurechnen, das Grabmal und das Denkmal; und Loos, der vor und neben seiner Tätigkeit als Architekt journalistisch tätig war und zu formulieren verstand, spitzte etwas für die Kritik sehr Wesentliches zu: »Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ.«
Das lässt sich dahingehend verallgemeinern, dass der Zweckcharakter der Architektur ihr eine Zurückhaltung auferlegt, die andere Sparten der Kultur im Zuge der Moderne vollständig ablegen konnten. Der Kritiker ist der Anwalt dessen, was Loos absichtsvoll mit »konservativ« bezeichnet. Die Kritik muss sich den Standpunkt des Nutzers zu eigen machen, zumindest auch zu eigen machen; der Architekturkritik ist dadurch ein Element von Naivität zu eigen, insofern sie nicht im Fachdiskurs oder auch nur -jargon verharren und Einverständnis vortäuschen kann, sondern immer wieder die schlichte Frage stellt: Warum macht er das, der Architekt? Und warum macht er es womöglich anders, als es bislang üblich war? Musste er überhaupt etwas anders machen? Kurzfristige Moden haben in der Architektur keinen Bestand; dazu ist sie in ihrem Entstehungsprozess zu langwierig und in ihrer Nutzungsdauer zu langfristig. Das ist ein weiteres Element dessen, was Loos mit konservativ umschreibt. Und das ist, was der Kritiker, gerade auch im Vorgriff darauf, dass gebaute Architektur so bald nicht aus dem Gesichtskreis verschwindet, als Maßstab seiner Kritik heranziehen muss.
Diesem, man könnte es nennen: retardierenden Moment der Kritik steht ein progressives gegenüber. Architektur, da sie nie nur auf sich selbst bezogen sein kann, nimmt gesellschaftliche Strömungen auf, spiegelt sie wider, befördert sie oder widersetzt sich ihnen. Aber sie kommt nicht drum herum. Wenn es Zeit ist für Neues, wie beispielhaft für das »neue bauen« zwischen den Kriegen, für das sozial verantwortliche Bauen, kommt dem Kritiker die Rolle des Wegbereiters zu. Die Formulierung gesellschaftlicher Ansprüche ist eine Aufgabe der Kritik; und da wir gerade eine Zeit neuer Herausforderungen im Zuge der weltweiten Migration, oft zur »Flüchtlingskrise« verkürzt, erleben, ist es an der Kritik, die Architektur zur Bewältigung solcher neuen Aufgaben zu erinnern.
Es liegt auf der Hand, dass Architekturkritik nicht durchweg denselben Kriterien genügen kann und muss. Sie ist anders in der Fachzeitschrift als in der Tageszeitung. Das erforderliche Maß an Professionalität, an Vorbildung, steigt mit der Professionalität der Leser. Es droht, wie immer, die Falle der bloßen Selbstbezüglichkeit: Kritiker und Kritisierter sprechen dieselbe Sprache, sie bewegen sich im Zirkel des Einverständigen. Da kommt der eingangs zitierte Julius Posener in den Blick. Er vermochte es, ein stupendes Wissen mit der Naivität oder besser Neugier des ersten Blicks zu verbinden. Es war ein Architekt – noch einer, der für seine Aperçus berühmt ist –, der diese Frische des Blicks, so unabdingbar für den Kritiker, auszudrücken vermochte: Ludwig Mies van der Rohe. Er beschrieb, wie er der Montage des Stahldachs über der Neuen Nationalgalerie in Berlin zusah: »Und als das große Dach sich lautlos hob, da habe ich gestaunt.«
Nicht immer sind technische Kühnheiten zu erleben, ästhetische vielleicht noch eher; aber eines sollte dem Kritiker gegeben sein, bevor er an seine sprachliche Arbeit geht: das Staunen. Manfred Sack, der die Berufsbezeichnung Kritiker nicht gerne hörte, hat es in seiner uneitlen Art einmal so gesagt: »Man ist eben neugierig.« Wenn sich der Neugier, dem Staunen das Wissen zugesellt und die Ernsthaftigkeit der Perspektive der Nutzer, dann wäre eine Kritik möglich, die Unterscheidung ist und Urteil zugleich.

Der Kritiker Bernhard Schulz ist seit 1987 Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegel. Er absolvierte ein Politologie-, VWL- und Kunstgeschichtsstudium und war 1977-87 als Kurator in Berlin tätig.