Eins mit Ort und Menschen

Kapelle Salgenreute in Krumbach (A)

Ohne das außergewöhnliche Engagement und die immense Tatkraft der Bewohner des Vorarlberger Orts Krumbach hätte die Kapelle Salgenreute nicht verwirklicht werden können. So entstand mit dem kleinen Holzgebäude ein Ort der Stille, dem sich die Anwohner verbunden fühlen, weil er den Gemeinschaftsgeist seiner Entstehungsgeschichte in sich trägt.

Architekten: bernardo bader architekten
Tragwerksplanung: merz kley partner

Kritik: Roland Pawlitschko
Fotos: Adolf Bereuter

Die rund 1 000 Einwohner zählende Gemeinde Krumbach liegt 15 km östlich von Bregenz im Bregenzerwald und hat mit Arnold Hirschbühl einen Bürgermeister, der seit gut 20 Jahren aktiv daran arbeitet, jener Abwanderung junger Menschen entgegenzuwirken, die vielen Dörfern die Existenzgrundlage entzieht. So entstanden rund um die Kirche z. B. ein neues Dorfhaus mit Nahversorgern, Café und Bank (1999), die Modernisierung des Gemeindehauses (2002) und ein neues Pfarrhaus mit Bibliothek und Mehrzwecksaal (2013) – allesamt nach Plänen des Architekten Hermann Kaufmann, letzteres in einer Arbeitsgemeinschaft mit Bernardo Bader und Bechter Zaffignani Architekten. Diese und noch einige andere Projekte treten dabei nicht als isolierte Einzelprojekte auf, sondern bilden ein bemerkenswertes architektonisches und funktionales Ensemble, das auf einer umfassenden, von Bernardo Bader, Rene Bechter und Hermann Kaufmann durchgeführten Ortskernstudie basiert.

Große Aufmerksamkeit erhielt Krumbach auch durch das Bus:Stop-Projekt, bei dem im Jahr 2014 sieben internationale Architekten – darunter Sou Fujimoto, Ensamble Studio und der Pritzker-Preisträger Wang Shu – jeweils ein Bushaltestellen-Häuschen planten. Das wirklich Besondere dabei sind keineswegs die ausgefallenen Bauwerke selbst, sondern vielmehr der Rahmen, in dem sie realisiert wurden. Weil es zur Umsetzung der vom Verein »Kultur Krumbach« an die Gemeinde herangetragenen Idee der Zusammenarbeit mit namhaften Architekten nur so viel Geld gab wie für die ohnehin nötigen Standard-Häuschen, erhielten die Architekten kein Honorar, sondern je eine Woche Urlaub in der Gegend. Darüber hinaus wurden die Projekte ehrenamtlich betreut und von regionalen Architekten und lokalen Handwerkern z. T. aus gespendetem Material gebaut.

Gemeinschaftswerk

Diese Vorgeschichte ist wichtig, um das Projekt der Lourdes-Kapelle Salgenreute besser einordnen zu können. Denn ursprünglich errichtet wurde sie nicht etwa von der Gemeinde oder der Kirche, sondern auf Eigeninitiative einer ortsansässigen Familie. Sie hatte um 1880 auf einem Nagelfluh-Bergrücken eine Holzkapelle gebaut, die von Einwohnern der umliegenden Ortsteile Zwing, Au und Salgenreute genutzt wurde: zur stillen Einkehr, für Maiandachten und Marienfeste, als Wetterglocke und um insbesondere im Winter nicht mehr zur einige Kilometer entfernten Dorfkirche gehen zu müssen. Nachdem die nicht denkmalgeschützte Kapelle im Lauf der Zeit marode geworden war, entschieden sich die Bewohner 2014 für einen Abriss und Ersatzneubau – ohne zu diesem Zeitpunkt genau zu überblicken, was im Folgenden zu tun war. Um in Krumbach an einem solchen Punkt weiterzukommen, bedurfte es freilich keiner öffentlichen Bekanntmachung. Nicht zuletzt, weil die Dorfgemeinschaft dank der vorherigen Projekte gut funktionierte, fanden sich schnell kompetente Helfer. Einer von ihnen war Bernardo Bader, der hier nicht nur aufgewachsen ist, sondern auch lebt. Dass er das Projekt gern in Form einer unentgeltlichen Projektplanung und -koordination unterstützen würde, war ihm sofort klar. Nach gemeinsamen Exkursionen zu vergleichbaren Projekten und zahlreichen, quasi öffentlichen Besprechungen im Gasthaus Löwen, begann Bader mit der Arbeit – einen Vertrag, eine konkrete Beschreibung der Bauaufgabe oder ein definiertes Budget erhielt er bis zum Schluss nicht. Die einzigen Entwurfsvorgaben betrafen den Standort: die Kapelle sollte, wie zuvor, über 24 Sitzplätze verfügen, sie musste aufgrund der exponierten Lage auf dem Bergrücken sowohl gleich breit und in etwa gleich lang als auch möglichst nicht höher als der Vorgängerbau sein. Die daraufhin präsentierten Modellstudien fanden rasch breite Zustimmung und zeigten im Prinzip das heutige Projekt: ein monolithisch wirkendes Gebäude mit steilem Dach und vollflächiger, von einer Tropfkante in Traufhöhe gegliederten Holzschindelbekleidung.

Ortsverbundenheit

Von einer schmalen Straße führt kein richtiger Weg, sondern ein breiter, mit dichtem Gras bewachsener Trampelpfad aus verdichtetem Kies in weitem Schwung zur Kapelle hin. Eine solche Lösung war einerseits nötig, weil die Kapelle nur über eine private Wiese erreichbar ist, deren Bewirtschaftung nicht durch asphaltierte Flächen, Bordsteine o. ä. beeinträchtigt werden durfte. Andererseits zeugt dieser Fußweg auch von der sensiblen Einbettung der Kapelle in die örtlichen Gegebenheiten: sie wird in mehrfachem Wortsinn nicht auf einen Sockel gehoben, sondern ist selbstverständlicher Teil ihres landschaftlichen und sozialen Umfelds.

Ein niedriger, offener Vorraum mit einer festlichen Tür aus gehämmerten Messingstreifen empfängt die Besucher und bremst ihren Bewegungsfluss sanft ab – über dem Vorraum befindet sich, in einem geschlossenen Hohlraum, die Glocke. Sollte die Tür für Menschen, die hier innehalten möchten, je verschlossen sein, erlauben zwei große, seitliche Festverglasungen zumindest den Blick ins schlichte Innere der Kapelle.

Der dem äußeren Gebäudevolumen entsprechende Innenraum ist zweigeteilt. Im vorderen Bereich mit den Tannenholz-Bänken bestehen die unmittelbar in die geneigten Dachflächen übergehenden Wände und die zwölf grazilen Spanten – ebenso wie der Boden – aus unbehandelter Tanne. Anders als diese auf traditionelle bäuerliche Stuben bezugnehmende Materialität erscheint die dreiecksförmige, um eine Stufe erhöhte Apsis als eine Art Schmuckkästchen in weiß getünchter Tannenholztäfelung. Der Raum wirkt sehr natürlich, was nicht nur an seinen Holzoberflächen, sondern v. a. auch an seiner archaischen Form liegt. So verengt sich die Apsis trichterförmig nach Osten hin bis zu einer mittig angeordneten, rahmenlos verglasten Öffnung, die den Blick auf eine nahe Baumgruppe, sowie auf die Felder, Wälder und Wiesen des Bregenzerwalds freigibt. Die stille Symmetrie des Raums wird von der asymmetrischen Platzierung des Altarblocks, der Kerzenständer und der aus der alten Kapelle stammenden Marienfigur – deren blaue Schärpe den einzigen Farbakzent im Innenraum bildet – überlagert: Im Raum ergibt sich eine unaufgeregte Spannung, die der durchweg feinsinnig detaillierten Komposition mit denkbar wenigen Mitteln ein hohes Maß sakraler Würde verleiht.

Über einem Betonsockel, bekleidet mit Bregenzerwälder Sandstein, ist die Kapelle konstruktiv als Holz-Faltwerk aus 6 cm dicken Fichten-Kreuzlagenholzplatten (mit innerer Tannenholz-Deckschicht) konzipiert, das durch die polygonale Dachform ausgesteift wird. Die Spanten minimieren hierbei lediglich die Durchbiegung der Massivholzwände. Eine offene Fuge zwischen Sockel und Holzaufbau ermöglicht eine natürliche Luftzirkulation sowohl im unbeheizten Innenraum als auch im Bereich der gesamten Holzkonstruktion und verhindert so in der kalten Jahreszeit die Kondensatbildung.

Handeln statt reden

Der Bau der Kapelle erfolgte v. a. mithilfe von Geld- und Materialspenden sowie durch verbilligt bzw. kostenlos erbrachte Arbeitsleistungen. Sowohl der Abbruch der alten Kapelle als auch der Neubau erfolgten weitgehend in Eigenregie, wobei sich Menschen aus Krumbach, aber auch aus umliegenden Gemeinden, entsprechend ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten einbrachten: Schreiner, Metallbauer, Holzschindelhersteller, aber auch die Restauratorin der Marienfigur sowie eine Bank, die ein zinsloses Darlehen ermöglichte. Durch das von Anfang an zelebrierte Miteinander entwickelte sich die Kapelle zu einer identitätsstiftenden öffentlichen Angelegenheit. Und so war es geradezu selbstverständlich, dort bereits während der Bauphase gemeinschaftsfördernde Veranstaltungen durchzuführen.

Insgesamt betrugen die Baukosten für die Kapelle knapp 100  000 Euro, von denen lediglich ein Fünftel von der Gemeinde beigesteuert wurde. Ein kleiner Teil der heute noch offenen Rechnungen wird durch den Erlös aus dem Verkauf eines von Bernardo Bader herausgegebenen, ebenso informativen wie ästhetischen Buchs (sowohl im Gemeindeamt als auch in der Kapelle erhältlich) beglichen. In der Kapelle ist hierfür ein kleiner Opferstock aufgestellt und die Chancen stehen gut, dass auch der Restbetrag in nicht allzu ferner Zukunft abbezahlt sein wird.

Was die Kapelle Salgenreute neben ihrer archaischen Ausstrahlung so faszinierend macht, ist ihre raumgewordene Haltung, die für etwas steht, was heute mehr denn je wünschenswert ist: das vertrauensvolle gemeinsame Handeln anstelle des ebenso end- wie ergebnislosen Redens.

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Detailschnitt
Plan: bernardo bader architekten / bearbeitet von Birk Heilmeyer und Frenzel Gesellschaft von Architekten, Stuttgart
Grundriss
Längsschnitt
Querschnitt

  • Standort: Kapelle Salgenreute, A-6942 Krumbach

Nutzung: Lourdeskapelle

Eigentümer, Bauherren: Bewohner der Parzellen Au, Zwing und Salgenreute

Besonderheit: Projekt einer baukulturell regen Gemeinde, geprägt von großem ehrenamtlichen Engagement der Bürger und Handwerker

Architekten: bernardo bader architekten, Dornbirn

Tragwerksplanung: merz kley partner, Dornbirn

Restaurierung Skulptur: Gabi Raid, Krumbach

BGF: 45 m²

BRI: 340 m³

Abmessungen (L/B/H): 10/5/9,5 m

Sitzplätze: 24-30

Bauweise: Holztafelbauweise auf massivem Sockel

Bauzeit: März 2015 bis April 2016

  • Besonderer Dank an:

Bäuerinnen, Chor Pro Musica, Musikverein, Offroader, Pfarre, Gemeinde, Eberle Metall (Hittisau), EHG Stahl Metall (Dornbirn), Erhart Holz (Sonntag), Feuerstein DER Bau (Andelsbuch), Fink Spenglerei (Krumbach), Hirschbühl Holzbau (Riefensberg), KLH Holz (Steiermark), Lässer Schindeln (Lingenau), Marte Glas (Bregenz), Nenning Tischlerei (Krumbach), Peter Kran (Schwarzenberg), Raid Gartenbau (Krumbach), Raid Malerei (Krumbach), Raiffeisenbank Vorderbregenzerwald, Schwarzachtobler Sandstein (Wolfurt), Steurer Holzigmöbel (Krumbach), Steurer Kieswerk (Riefensberg), Aicher Florian, Albrecht Hermann, Ambrosig Joachim, Bader Bernardo, Bader Michaela, Baschnegger Hansjörg, Bereuter Adolf, Berthold Leo, Bilgeri Markus, Blank David, Blank Margit/Mathias, Blattmann Ida/Alfi, Broger Frank, Brunn Elmar, Büsel Rosmarie, Düringer Helma/Helmut, Eberle Erna, Eberle Günther, Eberle Josef, Erhart Joachim, Faigl Bernhard, Faißt Markus, Feuerstein Hubert, Feuerstein Thomas, Feurle Susanne/Markus, Fink Bernhard, Fink Elisabeth, Fink Hugo, Fink Johannes, Fink Kurt, Fink Maria/Albert, Fink Markus, Fink Raimund, Fink Roman, Flatz Andrea/Anton, Fritz Niklas, Galehr Hedwig, Geiger Burkhard, Girardi Stefan, Hammerer Othmar, Hantsche Carmen, Hirschbühl Anton, Hirschbühl Arnold, Hirschbühl Dorlies, Hirschbühl Marlies/Jürgen, Hirschbühl Petra/Roland, Hirschbühl Stephan, Hopfner Ingrid/Edi, Kümmerle Katharina, Künz Wilfried, Lässer Peter, Mennel Sissi/Anton, Mennel Elmar, Mennel Edith/Hans, Mennel Joachim, Merz Konrad, Metzler Hans Peter, Meusburger Elfi, Moufflet Charlotte, Natter Walter, Nenning Martin, Niederacher Rainer, Nußbaumer Marlene, Österle Martin, Peter Georg, Raid Rosmarie/Ambros, Raid Anton, Raid Christian, Raid Claudia, Raid Gabi, Raid Josef, Raid Jürgen, Raid Marianne, Raid Reinhard, Raid Wolfgang, Riedl Klaus, Ritter Martin, Rosian Andreas, Rubner Ida/Karl, Sagmeister Rudolf, Schwärzler Anni/Wolfgang, Steurer Alexander, Steurer Hermann, Steurer Markus, Steurer Marlies, Steurer Luise/Theo, Steurer Walter, Strahammer Gabi/Herbert, Sutter Regina, Trummer Thomas D., Tschofen Alexandra, Türtscher Manuela, Wetz Arthur, Wiedemann Helmut, Wiethege Katrin, Wieser Gertrud, Willam Erwin, Willam Leutfried, Winder Martha, Zeil Jomo


Angesichts der kraftvollen Schlichtheit des Raums und des wohl inszenierten Lichteinfalls verspürte auch unser Kritiker Roland Pawlitschko ein aufkommendes Gefühl des Übersinnlichen.

bernardo bader architekten

 

Bernardo Bader

1993-2001 Architekturstudium an der Universität Innsbruck. Seit 2003 eigenes Büro in Dornbirn. Mitglied in mehreren Gestaltungsbeiräten, gegenwärtig in Salzburg. Tätigkeit als Gastkritiker u. a. an der ETH Zürich, seit 2012 als Dozent an der Universität Liechtenstein.

Roland Pawlitschko

s. db 5/2017, S. 96