Museum für Pop, Rock und Jugendkultur in Roskilde (DK)

Der Eingang als Bühne

Üppiges Gold und karger Beton sind wesentliche Elemente des Rockmuseums in Roskilde. Besucher betreten den faszinierenden Bau zwar über einen bereits kurz nach Fertigstellung verblassten »Roten Teppich« aus Asphalt, werden von der spektakulären Auskragung des Bauvolumens aber überbordend willkommen geheißen. Diese – teils unfreiwillige aber sehr passende – Dramaturgie führt bildhaft vor Augen, welche zwei Seiten das unstete Musikgeschäft hat.

Der Eingang als Bühne

Architekten: COBE und MVRDVTragwerksplanung: Norconsult, Denmark
Kritik: Clemens BomsdorfFotos: Rasmus Hjortshøj – COAST Studio; Ossip van Duivenbode
Sollte der dänische, in Los Angeles lebende, Regisseur Nicolas Winding Refn wieder einmal in seiner Heimat filmen wollen, gäbe es derzeit wohl kaum eine bessere Kulisse als den Ragnarock genannten Museumsneubau in Roskilde.
Es hätte gut gepasst, das Gebäude in der Schlussszene seines aktuellen Films »Neon Demon« plötzlich in einer kargen Landschaft auftauchen zu lassen: Wie ein kopfstehender l-förmiger Baustein des Computerspielklassikers Tetris kragt das Bauvolumen in 11 m Höhe spektakulär 22 m über dem Eingangsbereich aus. Dessen mit glänzend goldenen Pyramiden bestückte Fassade und die knallrote Eingangspartie symbolisieren jenen Glamour und jene Perfektion für die auch die Models sowie einige nicht minder stylishe Gebäude im Film von Refn stehen.
Die Umgebung des glamourösen Neubaus könnte jedoch – mit ihren alten Fabrikhallen und Industrieruinen sowie wild wachsendem Unkraut – kaum trostloser und karger sein. Doch genau durch diese Szenerie führt ein Weg aus eingefärbtem Asphalt auf den Museumseingang zu, der für einen jener roten Teppiche stehen soll, wie sie frisch gewaschen vor VIP-Eingänge gelegt werden. Dass er sich bereits eineinhalb Jahre nach Eröffnung des Museums in verblichenem Rosa zeigt, als habe er Jahrzehnte unbeachtet in der Sonne gelegen, hat etwas Tragisches – wie bei einer ehemals gefeierte Rockband, die statt auf angesagten Festivals nun bei Autohauseröffnungen spielt. ›
Glanz und Verfall
Der vormals rote Asphaltteppich sollte ursprünglich, wie das Gebäude selbst, Glamour versprühen und evoziert nun unfreiwillig genau das Gegenteil. Das passt aber dennoch bestens: Es ist das Zusammenspiel aus Glanz und Verfall, das die Architekturbüros COBE und MVRDV bewusst für den Neubau des Rockmuseums gewählt haben. »Wir wollten, dass erkennbar bleibt, dass hier einmal ein Industriegebiet war und gleichzeitig all das zeigen, was mit der Welt der Musik verbunden wird«, so Thomas Krarup, projektverantwortlicher Architekt bei COBE in Kopenhagen.
Ragnarock steht inmitten einer alten Betonfabrik auf halber Strecke zwischen dem Stadtzentrum von Roskilde und dem Gelände des international bekannten »Roskilde Festival« auf dem jährlich Tausende bei Rock- und Popkonzerten zusammenströmen. Als Gewinner des Wettbewerbs für den Masterplan des vormaligen Industriegeländes – zur Ansiedlung kreativer Unternehmen auf dem Areal unter Erhalt seines historisch gewachsenen Charakters – sowie für die im Zentrum projektierten Neubauten ging 2011 der gemeinsame Beitrag der Büros hervor. Beide stehen bereits seit Jahren in engem Austausch. Krarup hat selbst sieben Jahre in den Niederlanden und dort auch bei MVDRV in Rotterdam gearbeitet.
Offiziell heißt das Haus »Museum für Pop, Rock und Jugendkultur«. So pädagogisch dieser Name bereits klingt, so didaktisch aufbereitet zeigt sich auch die Ausstellung, die den Großteil des 3100 m² großen Gebäudes im 2. und 3.  OG einnimmt. Recht konventionell, aber dank der vielen Hör- und Mitmachstationen dennoch anregend, wird hier durch die jüngere Musikgeschichte und die mit der jeweiligen Zeit verbundene Jugendkultur, angepasst oder aufbegehrend, geführt. Auf überdimensionierten Schallplatten liegend können Besucher Musikstücke erraten und ein Bühnenraum bietet Platz für kleinere Konzerte.
Blick zu den Sternen
Das Äußere samt Umgebung vermittelt ästhetisch, was das Leben vieler letztlich ausmacht: das Streben nach Ruhm und gleichzeitig den unaufhaltsamen (Ver-)Fall. Es ist, als hätte Oscar Wilde für diesen Bau und seine Platzierung Pate gestanden – »We are all in the gutter, but some of us are looking into the stars. – Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns betrachten die Sterne.« [1] COBE und MVRDV haben gewagt, die Tristesse der Umgebung zu erhalten und ihr mit dem auffallenden Bau etwas entgegenzusetzen – ganz so wie Popmusik das Versprechen eines aufregenden Lebens in sich birgt.
Es sind die Außenansicht, v. a. die Fassade und der Eingangsbereich von Ragnarock, die dies versprechen. Die lichtreflektierende Bekleidung aus goldenen Aluminiumpyramiden lässt an jenen »Glitzer« denken, der spätestens seit Abba mit dem Eurovision Song Contest, dem Schlager und anderer leichter Musik verbunden wird. »Glanz und Form der Fassadenbekleidung ›
› stammen vom Nietengürtel, den manche Musiker und Fans zur alten Jeans tragen«, so Krarup. Teile der Fassade bestehen aus durchbrochenen Versionen der Pyramiden – die Verwaltungsetage im 1. OG sowie ein größerer Ausstellungsraum darüber erhalten so natürliches Licht und zugleich wirkt das Gebäude durch die Perforierung etwas leichter.
Tor in eine andere Welt
Die enorme Auskragung des Bauvolumens sorgt für die Beschattung der durchgängig verglasten EG-Fassade am Haupteingang und ermöglicht zudem, dass der Vorplatz viel besser genutzt werden kann. »Wir wollen ein lebendiges Haus und dabei hilft das große Vordach, denn darunter können Konzerte stattfinden, selbst wenn das dänische Wetter nicht mitspielt und es mal wieder regnet«, so Museumsdirektor Jacob Westergaard Madsen.
Als regulärer Zugang zum Museum dient ein Windfang in der roten Pfosten-Riegel-Fassade des EGs. Bei größeren Veranstaltungen kann das Foyer mit Museumsshop und Kasse anhand eines rund 4 m breiten ebenfalls verglasten Hebeelements weit geöffnet werden. Meist allerdings geht es nur durch eine gewöhnlich dimensionierte Tür hinein und schon ist das goldfarbene Äußere beinahe vergessen. Denn im Foyer erstrahlt alles in Rot. Die Wände und Decken des Foyers sind mit den gleichen Pyramiden ausgestattet wie die Fassade, hier jedoch erhielt die Farbbeschichtung eine samtene Textur und so erinnert der Raum an ein Tonstudio. Die Nebenbereiche, wie Garderoben und die Bar leiten dann in zweiter Reihe mit Sichtbeton und schwarz beschichteten Oberflächen bereits in die ebenfalls dunkel gehaltenen Räume des Museums über.
Die Farbigkeit des Gebäudes hat mit Politischer Symbolik nichts zu tun, vielmehr steht auch sie für die beiden Seiten des Musikgeschäfts: Der Glamour (Rot und Gold) der Rockmusik trifft auf deren Ehrlichkeit, die so viele an ihr schätzen (Schwarz und Sichtbeton). »Innen wollten wir eine Black Box haben, die möglichst neutral ist und von den Ausstellungsmachern gut bespielt werden kann«, so Architekt Krarup. Sozusagen die Rock Version des White Cube der Kunstmuseen. So wurde, neben anderen Bauteilen, auch die Stahlkonstruktion des angehobenen Museums, die im Foyer auf vier Quadern u. a. für Erschließung, Leitungsführung und Nebenräume ruht, der Industriearchitektur entlehnt.
Den Architekten lag viel daran, einen großen Teil der alten Fabrik, die teilweise für temporäre Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt wird, und damit die Erinnerung an die Lokalhistorie zu erhalten, gleichzeitig aber schon aus der Entfernung sichtbar zu machen, dass sich das Industrieareal gewandelt hat und neue Institutionen Einzug gehalten haben. »Unser Masterplan sah vor, drei Bauten – das Rockmuseum, eine Hochschule und die Büros ›
› des Roskilde-Festivals – auf den alten Hallen der Fabrik zu platzieren, als seien es drei Bandmitglieder auf einer Bühne«, so Thomas Krarup. Die Gebäude sollten durch ihre Form auffallen, aber nicht zu verspielt sein. Schließlich ist auch Rock-Musik alles andere als filigran. Also wurde für deren Formen die Grundelemente Kreis (Hochschule), Quadrat (Festivalbüro) und Quader (Rockmuseum) gewählt. Realisiert wurde bisher einzig das Museum, an der Umsetzung der Hochschule arbeiten die Architekten derzeit. Die Umsetzung des Festivalbüros ist bislang aus Kostengründen nicht absehbar.
Es bleibt zu hoffen, dass der reizvolle Kontrast zwischen dem Bestand und dem Museumsneubau mit seiner außergewöhnlichen Eingangssituation erhalten bleibt – auch dann noch, wenn die beiden Ergänzungen, die der Masterplan noch vorsieht, verwirklicht wurden.
[1] Lady Windermere’s Fan, Oscar Wilde

Standort: Rabalderstræde 16, Musicon, DK-4000 Roskilde
Bauherr: ROMU, Roskilde
Architekten: COBE, Kopenhagen und MVRDV, Rotterdam
Projektteam COBE: Dan Stubbergaard, Thomas Krarup, Eik Bjerregaard, Caroline Nagel, Jens Kert Wagner, Morten Andersen, Morten Emil Engel, Christian Sander, Antonia Szabo, Rasmus Bernhard Nielsen, Rune Veile, Tabea Treier, Hiroshi Kato, Guillaume Ros Hoffmann, Agnieszka Krasuska, Oskar Tranum, Helen Chen
Projektteam MVRDV: Winy Maas, Jacob van Rijs, Nathalie de Vries, Fokke Moerel, Klaas Hofman, Jaap Baselmans, Yiyi Yang, Doris Goldstein, Maria Lopez, Nicholas Berdon, Francisco Pomares, Matias Thomsen, Buster Christensen, Mette Rasmussen, Sara Bjelke, Rune Veile, Francesca Becchi, Nas Alkhaldi, Sara Impera
Tragwerksplanung: Norconsult, Herlev
Landschaftsarchitektur: LIW, Kopenhagen
BGF: 3 100 m²
Baukosten: 16,8 Mio. Euro
Wettbewerb: 2011, erster Preis
Bauzeit: Juli 2014 bis Dezember 2015
Beteiligte Firmen:
Bauunternehmer: B. Nygaard Sørensen, Herlev, www.bns.dk
Aluminiumfassade: Alutec, Jyllinge, ww.alutec.dk
Außenwand-Elemente: Pro Montage, Sunds, www.pro-montage.dk
Flachdachelemente: SkanDek, Skanderborg, www.skandek.dk
Stahlkonstruktion: GIVE Stålspær, Brande, www.givestaalspaer.dk
Stahlbetonfertigteitreppen: Dalton, Tilst, http://dalton.dk
Aufzüge: Schindler, Ebikon, www.schindler.com

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Für Kritiker Clemens Bomsdorf (links im Bild, mit Museumsdirektor Jacob Westergaard Madsen) liegt der Reiz des Projekts darin, dass Glamour und Trash aufeinandertreffen  ganz so wie in »Neon Demon«, dem neuesten Film des dänischen Regisseurs Winding Refn.

Roskilde (DK) (S. 42)
COBE
Dan Stubbergaard
1995-2001 Architekturstudium an der Kunstakademie Kopenhagen. 2001-05 Mitarbeit u. a. bei MVRDV. 2005 Gründung von COBE. Seit 2004 externer Prüfer an der Kunstakademie Kopenhagen und der Architekturschule Aarhus.
MVRDV
Winy Maas
Studium der Landschaftsarchitektur an der RHSTL Boskoop, 1984 Master. Studium der Architektur und Stadtplanung an der TU Delft, 1990 Master. Mitarbeit im Büro OMA, Rotterdam. 1993 Gründung von MVRDV in Rotterdam. Professur an der TU Delft.
Jacob van Rijs
Architekturstudium an der TU Delft, 1993 Master. Mitarbeit im Büro OMA, Rotterdam. 1993 Gründung von MVRDV. Professur an der TU Berlin. Vorsitz von Archiprix. Aufsichtsratsmitglied des Dutch Trade Board.
Nathalie de Vries
Architekturstudium an der TU Delft, 1993 Master. Mitarbeit im Büro Mecanoo, Delft. 1993 Gründung von MVRDV. Professur an der Kunstakademie Düsseldorf. Vorsitz des BNA Bond van Nederlandse Architecten.
Clemens Bomsdorf
s. db 3/2012, S. 84