Das Aktiv-Stadthaus in Frankfurt von HHS Architekten

Aktiv statt passiv

Nach wie vor spielt die Energieeffizienz im Mietwohnungsbau eine eher untergeordnete Rolle, zahlen doch die Nutzer die Nebenkosten. In Frankfurt wurde kürzlich ein vom Bund geförderter hocheffizienter Wohnungsbau bezogen, der hier neue Wege geht: Er vermietet die Wohnungen inklusive einem »auskömmlichen« Energie-Budget – und bringt den Mietern den sparsamen Umgang damit bei.

Text: Christoph Gunßer; Fotos: Barbara Staubach

Wer mit dem Zug nach Frankfurt fährt, sieht kurz vor dem Hauptbahnhof das Heizkraftwerk Westhafen 60 m hoch in den Himmel ragen: 400 000 t Steinkohle, importiert aus den USA und Russland, verfeuert es im Jahr und belastet die Stadtluft erheblich. Es deckt aber bislang einen Großteil des Frankfurter Strombedarfs.
In Sichtweite des Ungetüms steht nun ein Projekt, das die rauchenden Schlote nicht mehr braucht. Das Aktiv-Stadthaus mit seinen 74 Wohneinheiten deckt seinen Energiebedarf komplett selbst. Es erwirtschaftet sogar – einer ersten, rechnerischen Energiebilanz zufolge – einen Überschuss an Primärenergie von 28 %. Und das mit lauter längst bekannten Techniken.
Energiewende vor Ort
Die Stadtverordnetenversammlung hat Frankfurt auf den Nullemissionskurs gebracht. Bis 2050 soll die Stadt nur noch regenerative Energien nutzen. Weitaus früher, 2020, müssen Neubauten nach EU-Verordnung den Niedrigstenergiestandard erfüllen. Höchste Zeit also, mit der Energiewende auch im Wohnungsbau Ernst zu machen.
Das vom Bundesumweltministerium, dem Bundesinstitut für Bau-, Raum- und Stadtforschung (BBSR) und der Forschungsinitiative Zukunft Bau geförderte und begleitete, von HHS Architekten aus Kassel, mit Unterstützung des Steinbeis-Transferzentrums Stuttgart und der TU Darmstadt geplante Haus soll zeigen, dass sich die Energieeffizienz auch im Mietwohnungsbau rechnet. Der Bauherr, die Frankfurter ABG Holding, zählt mit einem Bestand von 51 000 Wohnungen zu den wichtigsten Akteuren im lokalen Wohnungsbau. 2 500 davon erfüllen bereits den Passivhausstandard. Mit dem Aktiv-Stadthaus geht man nun noch einen Schritt weiter.
Das ungewöhnliche Gebäude entstand auf einem Parkplatz an der Speicherstraße im Gutleutviertel. Nur neun Meter breit, aber 160 m lang, galt das Grundstück bis dahin als unbebaubar. Architekt Manfred Hegger, Professor an der TU Darmstadt und seit Langem ein Pionier in Sachen Energieeffizienz, zum Beispiel beim Solar Decathlon, spielte die Idee an seiner Hochschule dennoch durch, und siehe da, es ging. Mit einigen baurechtlichen Kniffen passte ein schlanker Achtgeschosser auf die Parzelle. Da dessen Breitseite nach Südosten weist, ließen sich Hauptfassade und Dach für die aktive wie passive Solarnutzung optimieren.
Für Mieter nachvollziehbare Haustechnik
1 500 m² Photovoltaikmodule auf dem Pultdach und weitere in der Fassade (alles Hocheffizienzmodule mit einer Licht-Ausbeute von 20 %) bilden den aktiven Part. Der Jahresertrag: respektable 300 000 kWh. Was davon nicht gleich im Haus verbraucht wird, speist die Haustechnik in einen Batteriespeicher: Ein 6 m breiter, 2 m hoher und 70 cm tiefer Schrank im Keller birgt zu diesem Zweck Lithium-Eisen-Phosphat-Akkus. Sie sind in der Lage, 250 kWh zwischenzuspeichern – ein rundes Drittel des Tagesbedarfs im Haus. Weitere Speicherkapazität bieten die Akkus der im Erdgeschoss verfügbaren Elektroautos eines Carsharing-Anbieters. Den passiven Part bilden dicke Außenwände und das Dach aus hochgedämmten Holzrahmen-Elementen. 47 cm im Süden, 55 cm im Norden. Während der Rücken des Gebäudes als schlichte Lochfassade über kleinere Öffnungen verfügt, öffnen sich zur Südseite viele geschosshohe Glaselemente an Balkonen und Loggien. Im Süden vorspringende Balkonbänder schützen nicht nur die Verschalung der Wände, sie beugen auch der sommerlichen Überhitzung vor. Im Winter hingegen können die schweren Decken und Schottenwände aus Ortbeton die passiven Energieeinträge speichern.
Dezentrale Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung gibt es in jeder Wohnung. Den Restheizwärmebedarf deckt eine Wärmepumpe von 120 kW im Abwasserkanal unter der Straße: Über 60 m erstreckt sich dort der Wärmetauscher, der die Energie aus der Kloake zieht. Der Enenergiebedarf des Hauses wird mit 27,1 kWh/m²a beziffert, der Primärenergiebedarf mit 65,1 kWh/m²a. Das entspricht dem »Effizenzhaus Plus«-Standard. ›
Eine App zeigt den Status
Damit die Mietparteien an den Leistungen ihres Gebäudes auch teilhaben können, bekommt jeder Mieter beim Einzug einen schicken Tablet-Computer. Die darauf vorinstallierte App zeigt neben dem aktuellen Solarertrag, der Speicherladung und der Verfügbarkeit der Mietfahrzeuge im EG auch weitere relevante Daten zum individuellen Energieverbrauch, der wiederum zum Durchschnitt der anderen Mietparteien in Relation gesetzt wird.
Die Nutzung des kleinen Controllers kann sich direkt auszahlen. Denn die Wohnungen werden mit einem nach Auskunft des Bauherrn »auskömmlichen« Energie-Budget vermietet und Anreize zum Stromsparen gesetzt. Wer seine Waschmaschine also zurzeit hoher Solarerträge laufen lässt, zahlt beispielsweise nichts. Die Wohnungen wurden zudem vor Bezug mit stromsparenden Geräten der A+++-Kategorie ausgestattet.
Man wird sehen, wie nachhaltig solche Angebote die Effizienz steigern können. Auch viele Stromversorger versuchen sich ja an einer solchen »intelligenten« Steuerung der Nachfrage. Solange Energie einen immer noch vergleichsweise geringen Anteil der Wohnkosten ausmacht, dürfte sich gerade im Luxussegment – und dazu zählen diese Wohnungen zweifellos – wenig verändern. Doch nur hier gibt es bis jetzt für Bauherren den finanziellen Spielraum für derartige Anwendungen. Die Erfahrung lehrt indes, dass solchermaßen in Pilotprojekten erprobte Techniken, die mehr als Spielerei und Schnickschnack sind, später einen Massenmarkt erobern können.
Groundscraper als schicke Adresse
Die Kennziffern und das interaktive Monitoring des Aktiv-Stadthauses sind gewiss beachtlich. Doch nicht zuletzt verbirgt sich hinter der stromlinienförmig vor- und zurückspringenden, unaufdringlichen Solarfassade ein gut geplanter Wohnungsbau: Trotz der geringen Tiefe von nicht einmal neun Metern ist er zumeist dreizonig gegliedert, mit innenliegenden Bädern. Die geringe Tiefe ergibt außerordentlich helle, wohnliche Räume. Großzügige Wohnküchen kontrastieren mit eher knappen Schlafzimmern. Vier eher versteckt auf der Nordseite des Gebäudes liegende Treppenhäuser und Lifts erschließen jeweils zwei bis drei Wohnungen pro Etage barrierefrei. Die 74 nicht geförderten Wohnungen messen 60 bis 120 m², insgesamt sind es 6 750 m² Wohnfläche.
Das ist im Vergleich zu den klein parzellierten Häusern aus Nachkriegszeit und Postmoderne auf der Rückseite des Blocks ein ganz schön großer Brocken. Der 120 m lange Bau, der aufgrund seiner geringen Tiefe fast scheibenartig im Raum steht, ließe sich denn auch frech als »Groundscraper« bezeichnen, was eher zur nahen Skyline als zum kleinteiligen Quartier Bezug nimmt. Doch in der extrem hochpreisigen Frankfurter Immobilienszene spielen bürgerliche Einzelbauherren und Kleininvestoren offenbar längst keine Rolle mehr. Gerade im Vergleich zur mainwärts gegenüberliegenden Bebauung mit dem Charme eines Plattenbaus wirkt der Aktivhaus-Riegel indes geschmeidig und elegant gestaltet. Schade nur, dass die Erdgeschosszone in bester Südlage für Müllräume und Garagen des Mietfahrzeugparks herhalten muss. Da nützen die elegantesten Falttore nichts, zwischen denen man die Hauseingänge fast übersieht – eine für diese eigentlich günstige City-Randlage ganz und gar unangemessene Situation.
Beispielhaft mit Ausstrahlung?
Die Resonanz des Pilotprojekts, über dessen Kosten und Akzeptanz wenig zu erfahren war, scheint trotzdem so groß, dass der Bauherr auf Anfragen zur Besichtigung inzwischen schon regelrecht unwirsch reagiert. Nach Aussage der ABG ist das Gebäude derzeit voll vermietet. In den freien Markt färbt es aber ohne die vielfältige Projektförderung offenbar noch eher wenig ab. Nicht weit vom Aktiv-Stadthaus, in Verlängerung der Westhafen-Bebauung, plant ein Investor derzeit zwei eher konventionelle Wohntürme – in unmittelbarer Nachbarschaft zum anfangs erwähnten Kohlekraftwerk. Dessen Betrieb, heißt es, sei nur noch bis 2030 gesichert. Zeit also, mit der Energiewende im Wohnungsbau Ernst zu machen. •
Standort: Speicherstraße, Frankfurt a. M. Bauherr: ABG Frankfurt Holding GmbH Architektur: HHS Planer + Architekten AG, Kassel Tragwerksplanung: B+G Ingenieure Bollinger und Grohmann, Frankfurt a. M. Forschung: TU Darmstadt, Fachbereich Architektur, Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, Prof. Manfred Hegger, Darmstadt; Steinbeis Transferzentrum Energie-, Gebäude- und Solartechnik, Stuttgart Technische Gebäudeausrüstung, Bauphysik: EGS-plan Ingenieurgesellschaft für Energie-, Gebäude- und Solartechnik, Stuttgart Forschungsprojekt: Nutzerinterface für Mehr- familien-Aktivhäuser Förderstelle: Forschungsinitiative Zukunft Bau, Bundesinstitut für Bau, Stadt und Raumforschung Planungs-/Bauzeit: 2012 bis Juli 2015

Energie (S. 76)
Christoph Gunßer
1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Universität Hannover. 1992-97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig.