… in die Jahre gekommen

Wohnanlage Asemwald in Stuttgart

»Hannibal« ante portas … der inoffizielle Spitzname des Projekts, der dessen ehrgeizige Dimension verdeutlichen sollte, mutierte schnell zum Kampfschrei seiner Gegner. Was ursprünglich Europas größtes einzelnes Wohngebäude hätte werden sollen, entwickelte sich im Zeitraum von zehn Jahren Planung und weiteren vier Jahren Realisierung Schritt für Schritt zu einer – immer noch sehr großen – Wohnanlage aus drei Häusern, Tiefgaragen und einigen niedrigen Infrastrukturgebäuden in ausgedehnter Parkanlage. Nach fast 40 Jahren steht die Siedlung immer noch als Insel mitten im Wald, kämpft mit dem demografischen Wandel, ist inzwischen aber nicht nur bei ihren Bewohnern, sondern auch im Stadtbezirk beliebt.

  • Architekten: Otto Jäger und Werner Müller Gartenarchitekten: Walter Rossow und Hans Luz
  • Text: Rüdiger Krisch Fotos: (1973) Engelbert Reinecke, (1973, 1982) Horst Rudel, (2009) Thomas Fütterer
Das waren noch Zeiten! Die Sechziger Jahre erscheinen im Rückblick als kurze, glückliche Phase, in der Architekten und Kommunalpolitiker große Träume träumen durften – und manch einen sogar realisieren konnten. Zwischen den heute unvorstellbaren Herausforderungen des Wiederaufbaus in der unmittelbaren Nachkriegszeit und der Erkenntnis der Grenzen des Wachstums ab der ersten Ölkrise bildete das Wirtschaftswunder einen guten Nährboden für kühne Utopien. Die Dimension der Wohnanlage im Asemwald ist im Rückblick – nach Jahrzehnten, in denen Wohnungsbau in höchstens mittelgroßen Einheiten stattfand – wohl noch eindrucksvoller als man sie damals empfunden hat. Umso mehr, wenn man sich die Planungsgeschichte anschaut: Die erste Projektstudie aus dem Jahr 1958 zeigte eine einzelne Zeile, die mit 650 m Länge und 50 m Höhe das größte Wohngebäude Europas hätte werden sollen.
Ein solches Haus war schon damals in einer städtebaulich integrierten Lage nicht denkbar. Stattdessen hatten die Planer einen Standort am Rande der Stuttgarter Gemarkung ins Auge gefasst, der zwar verkehrsgünstig in der Nähe von Autobahn und Flughafen gelegen, aber von den benachbarten Vororten durch dichten Wald abgetrennt war. Voraussetzung für den Bau der projektierten 1 200 Wohnungen war die Rodung von einigen Hektar Waldfläche – auch dies wäre heute kaum noch durchzusetzen. Trotz politischer Unterstützung und großer Nachfrage gingen von der Idee bis zum ersten Spatenstich zehn Jahre ins Land. Aus der einen »Wohnmaschine«, die – frei nach dem Vorbild von Le Corbusiers Unité d´Habitation – auf Stützen stehen und auf jedem fünften Geschoss über breite Fußgängerstraßen horizontal erschlossen werden sollte, entwickelte sich über einen Zwischenschritt mit zwei Gebäuden letztlich die ausgeführte Lösung aus drei »Elefanten«. Jedes der drei Scheibenhochhäuser ist zwar »nur« noch 135 m lang, dafür stolze 70 m (23 Geschosse) hoch und enthält sechs Erschließungskerne mit je 60 bis 70 Wohneinheiten. Die Baukörper wurden zur ›
› Minimierung der gegenseitigen Verschattung im rechten Winkel zueinander angeordnet und boten dadurch den Ersterwerbern die Auswahl zwischen verschiedenen Orientierungen der Wohn- und Schlafbereiche zur Sonne (West-Ost oder Süd-Nord) und Aussicht (Schönbuch oder Schwäbische Alb).
Substanz
Neben jeder Hochhausscheibe befindet sich eine Tiefgarage. Im Zugangsbereich entlang der Erschließungsstraße wurde eine Ladenzeile eingerichtet, in der sich bis heute neben einem kleinen Supermarkt und einigen weiteren Läden ein Friseursalon und eine Bank-Filiale haben halten können. Im Winkel südlich der Hochhäuser liegt ein kleines ökumenisches Zentrum mit Kindergarten und Kapelle, östlich der Anlage ein Tennisclub mit Restaurant, und auf dem Dach eines Hauses findet sich nicht nur ein weiteres Restaurant mit spektakulärer Aussicht, sondern sogar ein kleines Hallenbad mit Sauna. Zusammen mit den anspruchsvoll gestalteten und gut gepflegten – wenn auch erkennbar in die Jahre gekommenen – Freianlagen und der Bushaltestelle bilden diese gemeinschaftlichen Orte Katalysatoren einer erstaunlichen Quartiersidentität, die ein Bewohner so zusammengefasst hat: »´S isch a Dorf, bloß senkrecht«. Die Ladenzeile funktioniert als Dorfplatz, die großzügigen zweigeschossigen Eingangsbereiche als Gassen und die Aufzüge als Höfe, in denen sich die Menschen zwangsläufig begegnen. In diesem sorgfältig von öffentlichen zu privaten Räumen abgestuften System funktioniert die soziale Kontrolle bestens. Der Zusammenhalt der Eigentümer manifestiert sich einerseits im – bisher erfolgreichen – Kampf gegen die Bebauung benachbarter Grundstücke (notfalls durch Ankauf derselben), andererseits in umfassender Information, unter anderem in der dreimal jährlich erscheinenden Hochglanz-Zeitschrift »Asemwald intern« (die aktuelle Ausgabe trägt die laufende Nummer 123) und auf der Internet- seite www.asemwald.de.
Trotz der Aufteilung in drei gleich große Hochhausscheiben ist »Hannibal« nicht nur vom Flugzeug, sondern auch aus vielen Kilometern Entfernung über die Filderebene hinweg deutlich zu sehen. Fast jeder Blickwinkel stellt ihn in einen spannungsreichen Dialog mit dem 15 Jahre älteren, nur ungefähr drei km entfernten und 217 m hohen Stuttgarter Fernsehturm: linear versus flächig, hoch versus breit. Die erstaunliche Sichtbarkeit folgt aus der bis heute völlig freien Lage am Waldrand und spiegelt eine der prägenden Eigenschaften der Wohnanlage: den völlig unverbaubaren Blick über Wald und Felder bis zum Horizont.
Angesichts dieser Qualität verwundert es nicht, dass die Verkaufspreise für die Wohnungen von unten nach oben stufenweise ansteigen: ›
› Stufe 1 bis zur Höhe der Baumwipfel (8. OG), Stufe 2 bis zum 20. Geschoss, Stufe 3 die Penthäuser in den oberen drei Geschossen. Zielgruppe des Bauträgers war die obere Mittelschicht, die sich das eigene Häuschen im Grünen vielleicht im weiteren Umland von Stuttgart hätte leisten können, aber lieber stadtnah wohnen wollte. Dieser Klientel wollten die Architekten eine möglichst hohe Wohnqualität anbieten, die man in Hochhäusern nicht erwartet: großzügig geschnittene Wohnungen mit bis zu 160 m² Wohnfläche, geschützte private Freiräume in Form von geräumigen Loggien, vor allem aber das Angebot zur flexiblen Einteilung der Grundrisse innerhalb der vorgegebenen Flächen – der Verkaufsprospekt zeigt für zehn Wohnungszuschnitte insgesamt 21 Grundriss-Varianten. Dies war möglich einerseits durch tragende Haustrennwände und große Deckenspannweiten, andererseits durch geschickt platzierte Versorgungsschächte und intelligent gerasterte Fassaden. Wie in vielen vergleichbaren späteren Projekten zeigte sich allerdings auch hier, dass die angebotene Flexibilität wenig gefragt war und fast ausschließlich Standard-Grundrisse zur Ausführung kamen.
Qualitäten und Defizite
Trotzdem liegt in der strukturellen Flexibilität der Wohnanlage der vielleicht wichtigste Schlüssel für ihr bleibend gutes äußeres Erscheinungsbild und ihre nachhaltige Beliebtheit. Die Fassade ist mehrschichtig aufgebaut, beide Längsseiten weisen durchlaufende Balkone auf, hinter denen der Verlauf der Gebäudehülle für jede Wohneinheit individuell ausgebildet werden konnte. Dadurch bleibt auch bei Veränderungen das homogene Erscheinungsbild, das geprägt ist durch hervorstehende, aufgesteckt wirkende Balkon-Trennwände und einheitlich orangefarbene Markisen, immer gewahrt. Nur an den wenigen geschlossenen Wandabschnitten rund um die Schmalseiten kommt die Fertigteil-Bauweise wenig vorteilhaft zur Geltung. Dort muss eine künftige energetische Optimierung ansetzen, die hoffentlich differenzierter auf die vorhandene Bausubstanz eingehen wird als die kürzlich fertiggestellte, wenig ansprechende Sanierung der Ladenzeile.
Aus den großen Deckenspannweiten ergeben sich zwangsläufig relativ dicke Decken, die durch ihre Masse einen erstaunlich guten Schallschutz bieten – daher überrascht es auch nicht, dass professionelle Musiker gerne im Asemwald wohnen. Auch wurden und werden die Möglichkeiten zu nachträglichen Veränderungen durchaus genutzt, beispielsweise in Form von Zusammenlegungen mehrerer kleiner Einheiten zu einer großen Wohnung oder in altersgerechten Umbauten. Dieses Angebot ermöglicht im Zusammenspiel mit der funktionierenden Nahversorgung, dem gedeckten Fußwegesystem und der durchgehend barrierefreien Erschließung einen ungewöhnlich langen Verbleib von alten Bewohnern im Haus, der sich unmittelbar in der demografischen Statistik widerspiegelt.
Diese ist insofern besonders aussagekräftig, als die Wohnstadt Asemwald aufgrund ihrer Insellage beim Statistischen Amt der Stadt Stuttgart seit ihrer Entstehung als eigener Stadtteil geführt wird. Im Jahr 2008 betrug der Altersdurchschnitt der Bewohnerschaft 61,0 Jahre – und war damit mit 12,2 Jahren Abstand der höchste im gesamten Stadtgebiet. Schon im Jahr 1999 waren deutlich über 50 % der Bewohnerschaft über 65 Jahre alt – die Vergleichszahl von 1975 liegt unter 10 %. Dies spricht Bände nicht nur über die sozialen Verhältnisse in der Siedlung, sondern vor allem über die Verweildauer der Bewohnerschaft: etwa die Hälfte lebt seit über 15 Jahren in derselben Wohnung, nicht wenige davon sogar seit dem Erstbezug. Dies ist einerseits Spiegel der großen Beliebtheit der Wohnlage – andererseits macht es deutlich, dass dem Asemwald der erste große Generationswechsel noch bevorsteht. Dessen Verlauf und Ergebnis, also die künftige Struktur und Zusammensetzung der Bewohnerschaft, werden die Wertigkeit des Stadtteils auf dem Stuttgarter Wohnungsmarkt bestimmen. Werden die quasi-urbanen Qualitäten der Anlage erhalten bleiben und die Nachfrage bestimmen – oder wird die suburbane, verkehrstechnisch mäßig erschlossene Lage, die dem gesellschaftlichen Trend zurück in die Innenstädte zuwiderläuft, sich stärker auswirken? Ein weiterer Blick auf die Filderebene zu »Hannibals« 50. Geburtstag dürfte sich lohnen. •