Haus im Hintergrund

Aufsehen erregt das neue Haus an der Greiffenhagener Brücke nicht gerade. Am Ende einer Blockrandbebauung, kurz vor dem nördlichen Graben des Berliner S-Bahnrings im Bezirk Prenzlauer Berg, fügt es sich eher unauffällig ins bunte Stadtleben ein. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man die Besonderheiten des Baugruppenhauses, das seinen Standort geschickt zu nutzen versteht.

  • Architekten: roedig . schop Tragwerksplanung: Dierks Babilon und Voigt
  • Kritik: Claus Käpplinger Fotos: Andrea Kroth
Direkt an der S-Bahn und so kurz vor ihrer steilen Böschung hätte wohl kaum jemand ein Wohnhaus für möglich und attraktiv gehalten. Doch gemeinsam mit Ulf Maaßen von »AREA – Agentur für räumliche Entwicklungsalternativen« entwickelten Roedig Schop Architekten für diesen schwierigen Standort ein Konzept, das nicht nur finanziell, sondern auch räumlich überzeugt. Das Erd- und Kellergeschoss des Hauses wurden vom Bahndamm abgerückt, was einerseits die Baukosten erheblich senkte, andererseits den begrünten Hof von der Straße aus sichtbar macht. Eine adäquate Einfassung der Rasenfläche lässt allerdings noch auf sich warten, derzeit begrenzt ein mit Plakaten beklebter Wellblechzaun das Grundstück.
Der Clou sind jedoch die Grundrisse der sechs Wohnungen in den fünf Geschossen darüber – vier Vollgeschosse und ein Staffelgeschoss –, die erstaunlicherweise nach Norden, zur unbebauten Seite des Bahndamms orientiert und kompakt um zwei Versorgungskerne organisiert sind. Hell und licht öffnen sich die Wohnungen nach drei Seiten hin und bieten dabei Ausblicke, die inmitten der dichten alten Stadt kaum möglich schienen. So tauften die Architekten das Projekt auf den treffenden Namen »Trainspotting«, wobei sich aus den Wohnungen nicht nur die S-Bahn, sondern auch das quirlige Treiben auf der nahe gelegenen Bahnstation beobachten lässt.
flexible Räume
Jedes Vollgeschoss bietet eine Gesamtwohnfläche von rund 163 m², die sich je nach Lebensabschnitt unkompliziert teilen oder erweitern lassen. Denn recht unterschiedlich waren hier die Wünsche der Baugruppe aus elf Erwachsenen und neun Kindern. Auf zwei der vier Vollgeschosse befindet sich jeweils eine große Wohnung, hingegen teilen sich zwei Wohnungen mit 66 bzw. 91 m² eine Etage. Zuoberst folgen dann noch zwei große, geschickt ineinander verschränkte Maisonettewohnungen mit 145 bzw. 157 m² Wohnfläche und großzügigen Dachterrassen.
So entsprechen die Grundrisse den Bedürfnissen der Bewohner eher mittleren Alters, denen mit dem begrünten Hof, je einem Balkon zur Straße und zum Garten sowie einem Erker viele Freiräume und Teilhabe am Stadtleben geboten werden. Die großen Etagenwohnungen sind als Umläufer organisiert, die ganz unterschiedliche Raumsituationen erlauben und besonders die Kinder erfreuen. Kein trister Korridor, sondern eine wertvolle und vielseitig nutzbare Lebensfläche wurde so geschaffen, die immer auch einen Blick zum Außenraum eröffnet.
Zuwendung zum Stadtraum
Nicht Abschottung, sondern Öffnung zur Stadt, das prägt auch die Erdgeschosszone des Hauses. Damit unterscheidet es sich von vielen der neuen Berliner Wohnhausprojekte, die sich, suburbanem Einfamilienhausdenken entsprungen, von der Stadt abgrenzen und immer mehr »Gated Communities« gleichen. So befinden sich im EG zwei Geschäfte, deren Grundrisse ebenso sorgfältig wie die der Wohnungen geplant wurden. Trainspotting ist ein durch und durch urbanes Haus, das nicht zuletzt dank gut schallisolierter Fenster Schutz vor dem Lärm der Stadt und des Bahnbetriebs gewährt.
Das prägende Grau des Hauses ließe sich auch als Anspielung auf den in den 90er Jahren populären Roman Trainspotting von Irvine Welsh und dessen ›
› Verfilmung durch Danny Boyle beziehen, zumal Architekt Christoph Roedig damals in Schottland studierte. Doch jenseits des einprägsamen Titels dachten die Architekten nur an den eigentlichen Wortsinn, ans Zügebeobachten.
Wobei die Frage bleibt, warum das Haus mit den unterschiedlichen graufarbenen Streifen seines Wärmedämmputzes so wenig auf sich aufmerksam machen will. Da folgten die Architekten eher Karl Kraus, der sich für Gemütlichkeit selbst verantwortlich hielt. Dank der grauen Streifen ist das Haus mehr selbstverständlicher Teil der Stadt als ein besonderer Event. Mit seinen unregelmäßig proportionierten Fenstern, die ganz nach den Wünschen seiner Bewohner angeordnet wurden, hätte es nämlich leicht aus der Strenge seiner Mietskasernen-Umgebung herausfallen können. Die graufarbenen Putzbänder ziehen das Haus nun zu einer Einheit zusammen und bilden den Hintergrund fürs bunte Stadtleben im Szeneviertel.
Unauffällig auch in der Bauweise
Konventionell zeigt sich ebenso die Konstruktion des Hauses mit Betonfertigteildecken, Ortbeton, Mauerwerk sowie einem 20 cm dicken Wärmedämmputz, um den KFW60-Standard zu erreichen. Allein das Staffelgeschoss wurde in Holztafelbauweise errichtet, um das Gewicht zu reduzieren. Die Fassade wurde mit einem neuen antistatischen Mineralputz ausgeführt. Eine kompakte Kubatur, eine kleine Solaranlage auf dem Dach für die Warmwasserbereitung und ein begrünter Innenhof – das sind darüber hinaus leider schon die einzigen »nachhaltigen« Elemente des Entwurfs.
Da wäre sicher mehr möglich gewesen, zumal Christoph Roedig auch Mitbegründer des noch jungen »Instituts für urbanen Holzbau ist, das aus einem Braunschweiger Forschungsprojekt hervorging. Längst plant und baut er mit seinem Partner Ulrich Schop ein Modellprojekt in Berlin und ein weiteres, »Wood-Cube« genannt, für die Internationale Bauausstellung in Hamburg-Harburg.
Ökonomie und Grundriss: Gratwanderung in neuen Rollen
Pragmatische, an den Bewohnern orientierte Planung ist das Credo der Architekten. Das verbindet sie mit einigen anderen jungen Berliner Büros, die Anfang des neuen Jahrtausends mit Baugruppenprojekten auf sich aufmerksam gemacht haben. Erfrischend funktional, gestalterisch wenig ambitiös sind ihre Projekte. Viele der jungen Architekten arbeiten wieder mit Grundrissen und zwängen diese nicht mühsam in eine bereits festgesetzte Form hinein. Spezialisieren und Professionalisieren lautet die Devise: Neben dem Leistungsspektrum des klassischen Architekten treten sie immer häufiger auch als Projektentwickler auf, neigen also dazu, die Gestaltung der Ökonomie unterzuordnen. Dabei wandern sie auf einem schmalen Grat. Doch wenn Projekte wie Trainspotting daraus hervorgehen, ist dies gewiss kein Verlust an Architektur, sondern ein Zugewinn an attraktiven Lebensräumen in der Stadt. •
Adresse: Greifenhagener Straße 19, 10437 Berlin Bauherr: Baugruppe Trainspotting, Berlin Architekten: roedig . schop architekten, Berlin Projektteam: Christoph Roedig, Ulrich Schop, Annette Haubner, Lattitia Michel, Lara M, Martin Wolf Bauleitung: roedig . schop architekten Projektsteuerung: Winfried Härtel, Berlin Tragwerksplanung: Dierks Babilon und Voigt, Berlin Haustechnik: PB Roth, Berlin Landschaftsplanung: Mettler Landschaftsarchitektur, Berlin BGF: 1 596 m2 BRI: 4 779 m3 Baukosten: 2,17 Mio. Euro (Kostengruppe 300/400) Bauzeit: August 2008 bis November 2009 Energiestandard: KfW 60
Beteiligte Firmen: Rohbauer: ANES Bauausführungen, Berlin, www.anesbau.de WDVS: KEIMFARBEN, Diedorf, www.anesbau.de Estrich: CEMEX OstZement, Rüdersdorf, www.anesbau.de Trockenbau: Lafarge Gips, Oberursel, www.anesbau.de Lehmbau: CLAYTEC, Viersen, www.anesbau.de Armaturen: Grohe, Porta Westfalica, www.anesbau.de Sanitärobjekte: Keramag, Ratingen, www.anesbau.de; Kaldewei, Ahlen, www.anesbau.de Linoleum: Armstrong DLW, Bietigheim-Bissingen, www.anesbau.de Parkett: Parkett Hinterseer, Berlin, www.anesbau.de