Wohnhaus in Obstalden (CH)

Hülle aus Holz

Einen alten Stall, der vor Jahren zu einem Ferienhaus umgewidmet worden war, hat Lilitt Bollinger in ein normales Wohnhaus verwandelt. Der Umbau zeigt, wie sich mit preiswerten Materialien eine banale Ausgangsarchitektur deutlich aufwerten lässt.

Das Projekt erhielt eine Anerkennung beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2016.

{Architektin: lilitt bollinger studio; Tragwerksplanung: Jürgen Metz
{Text: Tanja Feil; Fotos: Mark Niedermann
Eine schöne Hanglage mit herrlichem Ausblick auf den Walensee und das gegenüberliegende Bergpanorama: Kaum verwunderlich, dass man den alten Stall bereits in den 80er Jahren zum Ferienhaus umgewandelt hatte. Doch die Transformation des Holzbaus war damals mit wenig Fingerspitzengefühl erfolgt: Für die Fenster hatte man einige Balken recht grob ausgeschnitten, neues Holz war nachlässig zur Verstärkung zwischen die alten Träger genagelt, das Gebälk vielfach für verschiedenste Leitungen durchlöchert worden. Hochwertige Zimmermannsarbeit sieht anders aus. Dennoch entschied sich Architektin Lilitt Bollinger nun beim erneuten Umbau in ein Wohnhaus für eine vierköpfige Familie dafür, diesen Teil aus der Geschichte des Gebäudes sichtbar zu belassen. Weil es ehrlicher sei und weil gleichzeitig durch den Gegensatz zwischen alt-grob und neu-fein etwas Neues, Kraftvolles entstehe, meint sie selbst dazu. Als Zitate aus den 80ern sind beispielsweise das Kunststoffsprossenfenster der Küche oder die teilweise abgeschnittenen Heizungsrohre mitten im OG erhalten geblieben.
Raum und Ausblick
Diese Haltung des Weiterbauens zieht sich durch die gesamte Umgestaltung; sie hinderte die Architektin aber auch nicht daran, verloren gegangene Qualitäten des alten Stalls wiederaufzugreifen. So reaktivierte sie beispielsweise dessen ursprüngliches Eingangstor zur Straße hin; als hohes Fenster mit Klappladen ausgebildet, ermöglicht es nun einerseits den Blick hinauf zum Berg, andererseits holt es die Mittagssonne ins Haus. Letzteres ist deshalb so wichtig, da sich die Tal- und Aussichtsseite des Gebäudes nach Nordosten orientiert. Hier und auch partiell an der Nordwestfassade wurde eine Art Fensterkasten mit raumhohen Verglasungen außen vor die alte Tragstruktur gesetzt; er öffnet den Blick in die Ferne und fängt zugleich die Morgen- und Abendsonne ein.
Mit der kleinteiligen Raumstruktur des Ferienhauses räumte die Architektin radikal auf und ließ im EG stattdessen einen offenen, großzügigen Wohnraum entstehen, der lediglich durch einen hölzernen Kern zoniert wird. Dessen runde Form erzeugt ungerichtete Orte, die es erlauben, dass man sich in jeder Ecke dennoch dem großen Raum zugehörig fühlt. Zugleich entsteht dadurch ein fließender Bewegungsraum mit einer Vielfalt an unterschiedlichen Blickwinkeln und -beziehungen. Rund um den Kern verteilen sich die einzelnen Bereiche zum Kochen, Arbeiten, Wohnen und Spielen. Der Einbau selbst nimmt die zwei Treppen ins OG und in den Keller, ein Bad, eine Sitznische und eine Vorratskammer auf.
Um die relativ niedrige Raumhöhe von knapp 2,20 m auszugleichen, wurde die Zone entlang der Südwestfassade nach oben hin geöffnet. Dieser zweigeschossige Bereich lenkt nun den Blick in die Höhe auf das alte Gebälk.
Material und Farbe
Da das Budget klein war, verwendete die Architektin für Boden-, Wand- und Deckenoberflächen lediglich geölte Seekieferplatten; Kern, Möbel, Fenster und Außenverschalung sind aus Fichtenholz, das im Innenraum dunkelgrün gebeizt, im Außenbereich grün oder schwarz geölt wurde wie die Scheunen der Nachbarschaft. Damit greift es die bestimmenden Farbtöne der Umgebung auf, v. a. das Dunkelgrün des Sees und der Wälder, die den Ort maßgeblich prägen. Die differenzierte Gestaltung der verschiedenen Holzarten verweist auch auf deren unterschiedliche Funktionen: Während das unbehandelte Altholz, also die Tragstruktur, eher warme Brauntöne zeigt, ist die geölte innere Raumschale sehr nüchtern ausformuliert. Alles, was objekthaft und raumhaltig ist, erhielt wiederum die markante grüne Farbe – auch das Band aus eingebauten Möbeln, das sich entlang der Wände erstreckt: einfache Regale, Arbeitstische, Sitzbänke und Küchenmöbel, die den großen Raum fassen.

Jurybegründung
Geschickt nutzte Lilitt Bollinger bei einem ehemaligen Stall die Fähigkeit des alten Dachtragwerks, weite Distanzen zu überspannen. Sie entfernte überflüssige Zwischenwände eines früheren Umbaus und schuf im Innern einen großzügigen Wohnraum, der die ursprüngliche Proportion des Stalls anklingen lässt. Mit preiswerten Materialien hat sie dabei eine banale Ausgangsarchitektur deutlich aufgewertet.

Standort: Oberdorf 46, CH-8758 Obstalden
Bauherr: Michael Meier & Eveline Sperry
Architektin: lilitt bollinger studio, Basel
Tragwerksplanung: Jürgen Metz, Maisprach
BGF: 111 m²
BRI: 576 m³
Baukosten: 400 000 SFr
Beteiligte Firmen:
Zimmermann: Rohr + Partner Holzbau, Obstalden, www.rohr-holzbau.ch
Schreiner: Agosti Meier, Waldkirch, www.agostimeier.ch
Fensterbauer: Hunziker Schreinerei, Schöftland, www.ihrschreiner.ch