Verwaltungsgebäude BauService Saarbrücken

Gewinn für den Straßenraum

Vom belanglosen Bürohaus zum ansprechenden Stadtbaustein: Bayer & Strobel Architekten haben die vorhandene Rohbausubstanz weitergenutzt und mit einfachen Gestaltungsmitteln ein einladendes Gebäude geschaffen, das sich bescheiden in sein Umfeld fügt.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2016.
{Architekten: BAYER & STROBEL ARCHITEKTEN, Gunther Bayer und Peter Strobel; Tragwerksplanung: Lederer Ingenieure
{Text: Wolfgang Bachmann; Fotos: Peter Strobel

Ob es auch unter Nachhaltigkeit zu verbuchen ist, wenn eine Verwaltung an ihrem alten Standort bleibt, damit gewohnte Verkehrsverbindungen, Fluchtwege in die Mittagspause und die routinierte Zusammenarbeit der Kollegen erhalten werden, wäre eine eigene Untersuchung wert. Hier geht es lediglich um das Gebäude der Saarbrücker Bauaufsicht. Es wurde bis auf das tragende Gerippe demontiert, mit neuen Räumen ausgebaut und wirbt nun mit einer noblen Fassade für den Fachbereich der Behörde – für Architektur.
Ein wenig anders wollte man die Abteilungen doch organisieren. Das umfangreiche Archiv sollte ausgelagert werden, dafür das Vermessungsamt bei der Unteren Bauaufsichtsbehörde einziehen, außerdem erwünscht war die Einrichtung eines Bau-Bürgerbüros mit einem einladenden Besprechungsraum, der auch für kleinere Veranstaltungen taugen sollte. Unter den fünf in einer konkurrierenden Mehrfachbeauftragung eingeladenen Büros konnten sich die Kaiserslauterer BAYER & STROBEL ARCHITEKTEN mit ihrem Vorschlag durchsetzen. Zwar war es nicht zwingend vorgeschrieben, den Rohbau des vorhandenen Gebäudes zu erhalten, das in seiner Grundsubstanz aus den 20er Jahren stammt und in der frühen Nachkriegszeit stark verändert worden war. Die beauftragten Architekten hatten sich aber zu einer Weiternutzung des Tragwerks entschieden, ohne die wiederverwendete Baumasse oder die eingesparte graue Energie genauer zu überschlagen. Es genügte, dass die vorhandene Struktur stabil war. »Es war sehr naheliegend«, sagt Peter Strobel, »nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen.« An der Nutzung des Gebäudes änderte sich ja nicht allzu viel und irgendwie hat man das Gefühl, den Architekten gefiel es, sich das vorgefundene Gerüst zurechtzulegen und neu zu ordnen. »Bauen mit dem Bestand, nicht im Bestand, ist reizvoll«, resümiert der Architekt. Lediglich eine Eckstütze wurde verschoben, um die ehemals schmale Durchfahrt zu einem trichterförmigen Zugang zu erweitern. Auch das innen liegende Treppenhaus wurde aufgegeben, es rückte an die seitliche, grob gemauerte Brandwand hinter die reguläre Fensterfassade. Der betonierte Aufzugsschacht, den die Treppenläufe umwinkeln, übernimmt die Aussteifung des wie mit gestapelten Tischen aus Stützen, Unterzügen und Deckenplatten errichteten Gehäuses. Nachdem der neue Festpunkt fertiggestellt war, konnte der alte Kern abgebrochen werden.
Funktionsgerecht
Die Stützen sind in Längsrichtung in drei Achsen gereiht, allerdings nicht regelmäßig, sie folgen an den beiden Fassaden und unter einem mittigen Unterzug jeweils einem anderen Rhythmus. Diese Unregelmäßigkeit galt es im 1. und 2. OG mit einer neuen Grundrissräson zu meistern. Zur Hofseite nach Süden ergaben sich dadurch größere Büros mit zwei Arbeitsplätzen, nach Norden zur Straße kleinere Einheiten mit geringerer Tiefe. Ursprünglich lagen zu beiden Seiten eines typischen Behördenflurs, der nur von den Glasausschnitten der Türen belichtet wurde, die Büros der Bauaufsicht. Jetzt hat man diese dröge Anordnung aufgegeben und eine helle breite Mittelzone geschaffen. Die vorhandenen Stützen gliedern die Passage, bisweilen erhalten sie durch unauffällig angefügte Versorgungskanäle stattliche Dimensionen. Sie bieten sich an, um der notwendigen Infrastruktur Halt zu geben, einer kleinen Pantry oder einem Regalmöbel. Zu beiden Seiten sind die Büros durch ein Glasvollwandsystem abgetrennt, später aufgebrachte matte Folien bieten den Mitarbeitern die gewohnte Diskretion. Der Architekt seufzt.
Im Dach, das durch großzügige Gauben fast als Vollgeschoss wahrgenommen wird, reduziert sich nur unter den verbliebenen Schrägen das Volumen, hier sind Besprechungsflächen, Teeküche und Kopierer untergebracht. Das EG wirbt nach außen mit einem einsehbaren Foyer, in dessen Mitte vor den gläsernen Bürowänden eine Treseninsel interessierte Bau-Bürger empfängt. Auch der Besprechungsraum, der neben dem Hofdurchgang über die gesamte Gebäudetiefe reicht, ist wie eine Vitrine verglast und nimmt den dort geführten Auseinandersetzungen jede Heimlichtuerei. Eine besondere Attraktion sind die am Eingang und beim Besprechungsraum rund verglasten Kanten.
Ansichtssache
Überhaupt reklamiert die Fassade besondere Aufmerksamkeit. Sie folgt einer neuen, auf beiden Seiten unterschiedlichen Öffnungsordnung. Zum Hof bilden sich die Büros mit senkrecht stehenden Fenstern ab, die beiden Gauben setzen die Außenwand ungeniert fort, es ergibt sich ein aufrechtes hohes Haus. In den OGs übernehmen Textilrollos den Sonnenschutz, über dem EG ein horizontal auskragendes Lamellengerüst.
Die Straßenfassade ist mit den liegenden Fensterformaten ungleich eleganter ausgeführt. Nach außen zeigen sich die Rahmen mit perlmausgrauen Aluprofilen, auf der Innenseite als weiße Holzkonstruktion. Das 1. OG erhielt den Charakter einer Beletage. Denn während sonst die gemauerten Brüstungen und Stürze unproblematisch rückgebaut werden konnten, verbarg sich hier eine besondere Konstruktion. Um den weiten Stützenabstand am Eingang zu überbrücken, hatte man beim Umbau in den 50er Jahren den Deckenrand an einen Überzug gehängt. Der musste erhalten bleiben. Deshalb kragen die großen Schiebefenster vor dem weiß gestrichenen Betonträger als Baywindows aus. Sie wirken, als wollten sie die Funktion des Ressorts bildlich übersetzen: Bau-Aufsicht.
Die geschlossenen Flächen sind mit Leichtbetonsteinen ausgefacht und einschließlich der ehemals gliedernden Betonlisenen mit einem Wärmedämmverbundsystem verkleidet. Der glatte mineralische Außenputz lehnt sich mit seinem lehmfarbenen Anstrich an die Farbtöne der Umgebung an. Das Dach ist mit Titanzinkblech mit Stehfalzen gedeckt, die Gauben weichen straßenseitig ein wenig zurück, sodass die historische Trauflinie erhalten bleibt.
Die Ausführung der Fenster ist ein Hinweis auf das Energiekonzept, hat aber durchaus eine gestalterische Bedeutung. An der Straßenseite in den OGs sind die verglasten Flächen jeder Öffnung in der Tiefe gegeneinander versetzt, sie schließen einmal außen, einmal innen bündig an, sodass neben der spiegelnden vorderen Scheibe eine dunkle Nische entsteht. Damit wird die Wandstärke plastisch ablesbar, in der Laibung ist eine Lüftungsklappe eingebaut. Diese senkrechte Teilung kehrt sich auf der Rückfassade um. Hier springt die Scheibenebene unterhalb der Brüstung zurück, darüber ist eine Klappe in das Fensterbrett eingesetzt. Eine Untersuchung der energetisch sinnvollen Sanierungsvarianten hatte bei beschränktem Budget zu dieser simplen Lösung für die sommerliche Auskühlung geführt. Die automatisch gesteuerten Lüftungsdeckel erlauben bei offenen Bürotüren über Nacht eine Querlüftung in Nord-Süd-Richtung. Außerdem können die Mitarbeiter die Frischluftzufuhr individuell regeln, auch über die Fenster. Beheizt wird das Haus über Fernwärme, die großen Räume im Erdgeschoss sind an eine Lüftungsanlage angeschlossen.
Was man nicht von außen sieht, ist die neue Lösung der Hofsituation. Die ehemalige enge Stellplatzzufahrt wurde aufgegeben, man denkt in Fahrraddimensionen. Damit konnte das UG teilweise in den Hofraum erweitert werden, darüber ergab sich eine Terrasse. Man sieht auf die alte St. Johanner Stadtmauer, auf der noch die Anschlüsse der abgerissenen Anbauten und der alte Anstrich ablesbar sind. Sogar ein Baum gedeiht vor den hier eingerichteten Personalräumen.

Jurybegründung:

Hier ist ein öffentlicher Bauherr seiner Vorbildfunktion gerecht geworden. Beispielhaft führt der Sitz des Saarbrücker Bauaufsichtsamts vor, wie sich ein belangloses Bürohaus in einen ansprechenden Stadtbaustein verwandeln lässt. BAYER & STROBEL ARCHITEKTEN haben die vorhandene Rohbausubstanz weitergenutzt, transformiert und mit einfachen Gestaltungsmitteln ein einladendes Gebäude geschaffen, das sich ruhig und bescheiden in sein Umfeld einfügt. Die besondere Relevanz des Projekts liegt im Umgang mit dem Erbe der frühen Nachkriegsmoderne, einer Epoche, die in Deutschland immerhin 23 % des heutigen Gebäudebestands ausmacht.


Standort: Gerberstraße 29, 66111 Saarbrücken
Bauherr: GMS Gebäudemanagement Eigenbetrieb der Landeshauptstadt Saarbrücken
Architekten: BAYER & STROBEL ARCHITEKTEN,
Gunther Bayer und Peter Strobel, Kaiserslautern
Tragwerksplanung: Lederer Ingenieure, Heltersberg
HLS-Planung: KMW Ingenieure, Saarbrücken
Energieberatung, technische Bauphysik: Ingenieurbüro Leiser, Würzburg