Wohnung in der Berliner Unité d’Habitation

Der Geist Le Corbusiers

In der Berliner Wohnmaschine von Le Corbusier hat sich der Stuttgarter Architekt Jörg Aldinger eine Ferienwohnung eingerichtet. Weder kopiert, noch kontrastiert er den Bestand, vielmehr entwickelt er die Formensprache des Altmeisters weiter. Als West-Berlin sich anschickte, auf die Ost-Berliner Zuckerbäckerarchitektur der Stalinallee im Rahmen der Interbau 1957 mit moderner, zeitgemäßer Architektur zu antworten, war auch Le Corbusier unter den dazu eingeladenen Architekten. Er sollte eine seiner Unités d’Habitation bauen, der Größe wegen auf einem Sonderstandort draußen am Olympiastadion. Le Corbusiers Maßsystem Modulor prangt zwar als lebensgroßes Betonrelief am EG, doch ihn beim sozialen Wohnungsbau anzuwenden, war mit den deutschen Behörden nicht zu machen. So sind denn die Wohnungen 2,50 m hoch und die Räume 4 m breit gegenüber 2,26 m und 3,66 m in den französischen Unités. Auch das Gemeinschaftsgeschoss, die Läden, den Kindergarten und den Dachgarten mochte man beim »Typ Berlin« nicht realisieren. Für Kinder erachtete man die Wohnform Hochhaus ohnehin als nicht geeignet, und so wurden 428 Ein- oder Zwei-Zimmerwohnungen und lediglich 99 Drei-Zimmerwohnungen gebaut, ohne Zutun Le Corbusiers, der sich längst verärgert zurückgezogen hatte. Neun »Innenstraßen« erschließen die zum Großteil zweigeschossigen Wohnungen. Auch die Einteilung und Ausgestaltung geschah individuell, weshalb es im Haus eigentlich keine Wohnung im »Corbusier-Originalzustand« geben kann und nur die Fassaden mit der ursprünglichen, exaltierten Farbgebung des Altmeisters unter Denkmalschutz stehen. Der Stuttgarter Architekt Jörg Aldinger, der sich eine der Drei-Zimmerwohnungen als Feriendomizil einrichtete, hatte deshalb freie Hand, fühlte sich jedoch irgendwie an LC gebunden. Schickes, zeitgeistiges Design kam also nicht infrage. Die Wohnung hatte auf der Zugangsebene einen kleinen Windfang, eine Küche mit Trennscheibe zum Wohnraum und treppab vom zentralen Flur aus ein Zimmer nach Osten, eines nach Westen, Bad und Toilette. Da der Architekt abgeschlossene Zimmer nicht mehr benötigte, entfernte er alle Trennwände. Es entstanden eine offene Küche mit Essbereich und Loggia oben, eine offene Treppe und auf der unteren Ebene ein durchgesteckter, knapp 20 m langer Raum, der am Ostende als Schlafzimmer (mit einer zweiten Loggia) und nach Westen als Wohnbereich dient. Im dunklen Mittelsektor wurden das Bad und ein Alkoven als gemütlicher Schlafplatz für den gelegentlich mitreisenden halbwüchsigen Sohn untergebracht. Gedeckte Farben kamen zum Einsatz, graues Linoleum, wenige, durchdachte Einbaumöbel – das Küchenregal entstand streng nach Modulor-Maßen! Fazit: Wie in kaum einer der anderen Wohnungen ist heute in dieser der Geist Le Corbusiers zu spüren – erstmals übrigens. ~Falk Jaeger