Erweiterungsbau der Dresdner Semperoper umgenutzt

Rabiat respektvoll

Zu den baukulturellen Höhepunkten der DDR zählen die drei Gebäude, mit denen die Semperoper 1985 erweitert wurde. Im Kantinentrakt haben meyer-bassin und partner nun mit großem Einfühlungsvermögen eine zweite Spielstätte für die Oper geschaffen. Text: Christian Schönwetter Als die kriegszerstörte Dresdner Oper 1985 wiedereröffnet wurde, erfuhr v. a. die zurückgewonnene Architektur Gottfried Sempers internationale Aufmerksamkeit. Weniger Beachtung dagegen fanden die drei Pavillons, mit denen der Hauptbau während der Rekonstruktion erweitert worden war, um Platz für Künstlergarderoben, Kantine und eine Probebühne zu schaffen. Dabei gehören diese Gebäude zu den architektonischen Spitzenleistungen aus DDR-Zeiten. In einer fein austarierten Komposition hatte ein Team um Wolfgang Hänsch die quadratischen Baukörper locker im Park hinter der Semperoper verteilt und mit Brücken verbunden – ein Ensemble, das etwa an Paul Baumgartens Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe von 1965 denken lässt. Jedoch zeigen die Dresdner Bauten die zeittypisch schwere, kraftvolle Formensprache der 80er Jahre. Die Konsequenz, mit der dabei Entwurfsthemen wie das quadratische Raster bis ins kleinste Detail durchexerziert wurden (man findet beispielsweise keine einzige angeschnittene Bodenplatte), hätte selbst einen Oswald Mathias Ungers vor Neid erblassen lassen. Weil die Bauwirtschaft der DDR zu diesem Zeitpunkt schon stark auf das standardisierte Großtafelsystem ausgerichtet war, musste für Sonderprojekte wie die Semperoper jedes Detail individuell entworfen werden – Produktkataloge wie im Westen gab es nicht. Daher ist vom Fensterprofil bis zum Türgriff jeder Teil der Pavillons eine Spezialanfertigung. 2012 wurden die Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und sind seitdem die bauzeitlich jüngsten, die in Dresden diesen Status genießen. Semper Zwei Im Kantinentrakt war auch ein öffentliches Restaurant untergebracht, für das sich zuletzt kein Pächter mehr fand, weil die Räumlichkeiten zu groß waren. Nach über zehn Jahren Leerstand hat die Semperoper dort nun eine zweite Spielstätte eingerichtet, einen Ort, an dem experimentelles Musiktheater für ein jüngeres Publikum aufgeführt wird. Nach einem VOF-Verfahren durfte das Dresdner Büro meyer-bassin und partner den Umbau planen. Im Gebäudeinnern gestattete die Denkmalpflege größere Eingriffe, während die äußere Hülle nicht angetastet werden durfte, selbst das Flachdach nicht. Der Bauprozess glich daher dem Aushöhlen eines rohen Eies: Sämtliches Abbruchmaterial – und davon gab es reichlich –  musste durch die vorhandenen kleinen Fassadenöffnungen abtransportiert werden. Denn im Innern hatte die Nutzungsänderung eine komplette Umstrukturierung aller drei Stockwerke zur Folge. Ursprünglich lag die Kantine im 2. OG und darunter befand sich das zweigeschossige Restaurant. Doch dessen Höhe hätte für einen Theatersaal nicht ausgereicht. Daher verlegten die Architekten die Kantine nach unten ins EG und fassten die beiden oberen Etagen durch Herausbrechen der Zwischendecke zusammen. Da das oberste Geschoss zusätzlich über einen laternenartigen Dachaufbau verfügt, stand somit mehr Höhe für den Saal bereit und gestattete den Einbau eines Schnürbodens für die Bühnentechnik. Die Statik berechneten Leonhardt, Andrä und Partner. Respekt auch für die ungeliebten 80er Jahre Dass insgesamt sehr viel Bausubstanz ausgetauscht wurde, merkt man den Räumen nicht an. Denn die neuen Einbauten wirken, als wären sie schon immer dagewesen. Während manch anderer Planer die Gelegenheit genutzt hätte, der Architektur der 80er Jahre etwas sichtbar Neues entgegenzusetzen, hat Lür Meyer-Bassin sich auf sie eingelassen und in ihrem Duktus weitergebaut. Auf diese Weise entsteht ein harmonischer, stimmiger Gesamteindruck. Was sich zunächst nach einer Verfälschung des Denkmals anhören mag, nach einem Verwischen von Original und Ergänzung, überzeugt jedoch, wenn man es vor Ort im Detail betrachtet. Beispielsweise im Foyer. Zum Teil liegt dort noch der alte Bodenbelag, ein Lausitzer Granit. Die neuen Flächen zeigen nun das gleiche Material, aber in einem etwas helleren Grauton. Insofern macht sich die Ergänzung durchaus als solche bemerkbar, jedoch auf eine sehr zurückhaltende Weise. Die neue Treppe, über die Besucher hinauf zum Theatersaal gelangen, greift diesen Belag auf und führt ihn weiter bis ins obere Foyer. Ihr schwerer, überbreiter Handlauf aus Holz zeigt genau jene üppigen Abmessungen, die in den 80er Jahren verbreitet waren, während die eingespannte Ganzglasbrüstung dezent darauf verweist, dass sie jüngeren Datums sein muss – solche Konstruktionen waren in den 80ern noch nicht möglich. Der Saal überrascht mit seiner Tageslichtfülle und seinem Ausblick in den angrenzenden Park. Davon profitieren v. a. die Künstler bei den Proben – eine Qualität, die die wenigsten Theater bieten. Lichtdichte Vorhänge erlauben es, den Raum bei Bedarf vollkommen abzudunkeln, gleichzeitig verbessern sie die Akustik. Helles Holz bedeckt den gesamten Boden. Um eine flexible Bespielung zu ermöglichen, gibt es keinen Niveauunterschied zwischen Bühne und Zuschauerraum. Die Lage der heraussgerissenen Decke ist an einem umlaufenden horizontalen Band an der Innenseite der Fassade abzulesen, das auch den Lüftungskanal birgt. Da der Raum insgesamt stark von der modernen Bühnentechnik geprägt wird, sind vom Ursprungsbau hier am wenigsten Spuren erhalten. Bauteile wiederverwendet Ganz anders im zweiten Treppenhaus, das ausschließlich von den Theaterleuten genutzt wird. Es führt von der Kantine im EG hinauf zu der Brücke, die wiederum die Anbindung zum Garderobenpavillon gewährleistet. Der Boden des Treppenraums ist zum Teil mit rötlichen Terrazzoplatten belegt, die im Bestand geborgen und an neuer Stelle wiedereingebaut wurden. Da das Material nicht ausreichte, machte man das Werk ausfindig, das die Platten seinerzeit produziert hatte, um neue in Auftrag zu geben. Doch glücklicherweise fanden sich dort noch einige alte massive Terrazzoblöcke, aus denen sich Platten schneiden ließen. Sie weichen im Farbton leicht ab, sodass sich originales und zugefügtes Material wiederum dezent unterscheiden. Auch in der neuen Kantine findet das Personal viel Vertrautes. Als Referenz an den massiven Kern in der Mitte, der von rotem Backsteinmauerwerk gekennzeichnet war, gibt es dort heute eine Sitznische mit rot gestrichener Wand. Über den Tischen hängen die Originalleuchten, deren große halbkugelförmigen Metallschirme nach Befund wieder rot lackiert wurden. Die neue Theke trägt wie ihre Vorgängerin eine Bekleidung aus dunkel gebeiztem Holz und sogar die originalen Vertikalschiebeläden über der Speisenausgabe wurden hier wieder eingebaut und erlauben es, nach Küchenschluss die Theke zu schließen. Selten werden Bauten der 80er Jahre bei Umbau und Sanierung mit solchem Respekt behandelt wie dieser Pavillon der Semperoper. Seine Anmutung ist trotz schwerer Eingriffe fast unverändert erhalten geblieben. Und durch das Translozieren einiger Originalbauteile konnte auch der Substanzverlust begrenzt werden. Diese Herangehensweise birgt großes Potenzial, auch jene anspruchsvoll gestalteten Gebäude aus der gleichen Zeit zu retten, die derzeit noch nicht unter Denkmalschutz stehen.   Weitere Theaterumbauten: Theater Wolfsburg von Hans Scharoun Studio Moliere in Wien Thalia Theater in Lissabon   Siehe auch Heftteil db-metamorphose in Ausgabe 06.2017 der db