Wohn- statt Geschäftshaus in Zürich (CH)

Taktvolle Referenz

Kampf gegen den Wohnungsmangel: Bei der Umwandlung von Büroflächen zu Apartments in Zürich haben Ken Architekten konsequent den Charakter des Ursprungsbaus mit starkem Bezug zum Außenraum erhalten. Selbst die EG-Wohnungen sind bodentief verglast.

Wie in den meisten Großstädten herrscht auch in Zürich ein Überangebot von Gewerbeflächen, während Wohnraum rar gesät ist. Eine ressourcenschonende Nutzungsumwandlung entsprechender Bestandsbauten liegt also nahe. Unweit des Zürcher Hauptbahnhofs und Hochschulareals plante der renommierte Architekt Werner Stücheli 1971 in seiner Spätphase ein Büro- und Geschäftshaus, dessen Lage inmitten eines gehobenen Wohnquartiers eine Umwidmung geradezu herausforderte. Unter maximaler Ausnutzung des Grundstücks verfügte der Ursprungsbau über eine recht eigenwillige, polygonale Geometrie. Dafür gestattete die Skelettbauweise mit offenem Bürogrundriss jetzt eine freie Raumaufteilung. So schufen Ken Architekten auf vier Etagen acht 2,5- bis 3,5-Zimmerwohnungen. Die Wohn- und Essbereiche fügen sich in die schiefwinkligen Situationen ein und sind von einem eher dynamischen Raumeindruck geprägt, während sich die Schlafzimmer orthogonal ausrichten. Als Reminiszenz an die ehemalige Büronutzung bestimmen dezente Grau- und Beigetöne das Innenleben. Bad und Boden erhielten eine dichte Polyurethanbeschichtung mit Flächenwirkung. Da die abgewinkelten Schmalseiten des Gebäudes durch sanft geschwungene Balkone ergänzt wurden, verfügt jede Einheit über einen eigenen Austritt.

Zur energetischen Ertüchtigung ummantelt den ehemaligen Sichtbeton ein WDVS mit Rillenputz. Seine vertikalen Riefen zeichnen in die Oberfläche ein Muster, das ein wenig die Optik der früher sichtbaren Lattenschalung imitiert. Die Fassade, die Brüstungs- und Fensterbänder im Wechsel schichtet, erinnert eher an die klassische Moderne, denn an die wilden 70er Jahre. Die fein profilierten Holz-Metall-Fenster mit Dreifach-Isolierverglasung sind außen angeschlagen, wodurch die monolithische Erscheinung des Bauwerks bestehen bleibt. Blickscheu dürfen die Bewohner des EGs bei raumhohen Öffnungen zur Straße indes nicht sein. Als Kunstgriff verlegten die Architekten den Eingang jedoch von der Front- auf die Stirnseite und schufen so Platz für einen schmalen Vorgarten, der eine gewisse Pufferwirkung bietet. Erschlossen wird das Wohnhaus nun direkt über den halbrunden, massiv aufragenden Treppenhausturm; Zutritt erlangt man ein halbes Geschoss tiefer. Obwohl kein Denkmalschutz besteht, haben die Architekten hier den Bestand mit großen Respekt behandelt: Trotz einer radikalen Nutzungsänderung hat das Bauwerk seinen Charakter behalten.

~Hartmut Möller

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