Wohnbüro in London (GB)

Lässig an die Wand gelehnt

Operation am Rückgrat: Im Londoner Stadtteil Islington hatte hinter einer Mauer aus dem 19. Jahrhundert eine Werkstatt angedockt, die nun aufgrund ihrer maroden Bausubstanz einem Wohnbüro gleicher Dimension weichen musste. Im Zentrum des Entwurfs von Architekt Jack Woolley steht allerdings der Bestand: das alte Mauerwerk.

{Text: Claudia Hildner

Passanten reiben sich die Augen: Gibt es in dieser Mauer in London-Islington etwa eine Geheimtür? Der ortsansässige Architekt Jack Woolley hat es geschafft, den Zugang zu dem hinter der Backsteinwand angelagerten Bau so selbstverständlich in den flämischen Verband zu integrieren, dass sie erst auf den zweiten Blick ins Auge fällt – und bei den Anwohnern für Gesprächsstoff sorgt. Die etwa 24 cm dicke Mauer ist das verbindende Element zwischen zwei viktorianischen Reihenhauszeilen aus der Zeit um 1840; zudem grenzt sie die Gärten, die zu diesen Wohngebäuden gehören, zur Straße hin ab. Dahinter hatte sich auf einer kleinen Restfläche ab etwa 1930 eine kleine Schreinerwerkstatt angelagert. Der Parasit wuchs nach und nach, was unter anderem zu einer sehr speziellen, unsystematischen Anordnung der gartenseitigen Öffnungen führte.
Die neue Eigentümerin wollte an dieser Stelle keine reine Wohnnutzung verwirklichen, sondern ein Gebäude, in dem weiterhin auch gearbeitet werden kann. Um beides unterzubringen, reichten die 55 m2 Fläche der eingeschossigen Werkstatt nicht aus. Bei den umliegenden Straßenzügen handelte es sich allerdings um eine »conservation area«; die viktorianischen Reihenhauszeilen standen also unter einer Art Ensembleschutz. Dies hatte sowohl Auswirkungen auf den Bestand, als auch auf die geplante Erweiterung: Zum einen sollte das Erscheinungsbild der Mauer erhalten bleiben, zum anderen nichts über sie hinausragen, sodass die für dieses Viertel typische Lücke zwischen den Reihenhauszeilen erkennbar bleibt. Die zusätzlich benötigte Nutzfläche ließen die Planer demnach unterirdisch verwirklichen, was wiederum bedeutete, dass ein Großteil des hinter der Mauer gelegenen, ohnehin recht maroden Bestandes weichen musste (s. Seite 112).
Nicht mehr ganz die Alte
Die Mauer zur Straße hatte jahrzehntelang als Rückgrat der Werkstatt gedient und zeigte sich entsprechend mitgenommen: Das obere Drittel hatte sich im Laufe der Zeit leicht geneigt, sodass die Planer zehn Ziegelreihen abtragen und anschließend neu aufsetzen lassen mussten. Dafür verwendeten sie unter anderem Backsteine von der dem Garten zugewandten Außenwand des Gebäudes, die für den Bau des neuen UGs abgerissen und später in alter Gestalt wiederhergestellt wurde. Bei den Ziegeln handelt es sich um den sogenannten »London stock brick«, einen gebrannten Lehmziegel gelblicher Färbung. Das Material dafür stammt aus der Umgebung von London. Die verschiedenen Schattierungen rühren unter anderem daher, dass die Ziegel im 19. Jahrhundert in kleinen Brennöfen vor Ort auf den Baustellen gebrannt wurden. Nach der statischen Ertüchtigung ließen die Planer das Mauerwerk mit Kalkmörtel neu verfugen. Zwischen der eigentlichen Wand und der abschließenden Binderreihe aus hochkant gestellten Ziegeln wurde eine Sperrschicht eingebracht; der obere Abschluss wurde zudem wasserdicht versiegelt. Die beinahe unsichtbar in die Mauer integrierte Tür ist ein aus mehreren Elementen zusammengesetztes Bauteil: 25 mm dicke Riemchen, die man vor Ort aus den vorhandenen Backsteinen schnitt, kleben auf einer Edelstahlplatte; diese wurde auf einen Rahmen aus Eichenholz montiert, der wiederum auf dem Edelstahl-Holz-Türrahmen sitzt. Das Gewicht der Tür und der Anspruch, das Ganze möglichst unsichtbar in das Mauerwerk zu integrieren, machten spezielle Scharniere erforderlich. Dass die Tür nun wirklich fast in der Wandfläche verschwindet, liegt auch an der bemerkenswerten Integration in den flämischen Verband. Wenn Steine durchtrennt werden mussten, wurden die fehlenden Längen auf der Tür ergänzt. Selbst die Fugen ließen die Planer genauso ausführen wie bei der bestehenden Mauer.
Raumpoker und Dämmroulette
Dort, wo Außenwände wiederaufgebaut werden mussten, ließen die Planer sie als zweischaliges Mauerwerk mit 10 cm Mineralwolldämmung ausführen. Da die Ziegel für die äußere Schale von einem Abrisshaus in der Nähe stammen und etwa dasselbe Alter und eine ähnliche Färbung haben wie die im Bestand verbauten Backsteine, wirkt die Fassade insgesamt homogen. Die erhaltenen Mauerteile wurden von innen gedämmt – mit einem etwas unorthodoxen Aufbau, den man alten Wänden normalerweise nicht angedeihen lässt: Zunächst versah man das Mauerwerk mit einer Dampfbremse, auf die dann von innen ca. 10 cm geschlossenzellige Spritzdämmung aufgebracht wurden. Auf eine hinterlüftete Dämmung hatte man aufgrund der beengten Raumverhältnisse verzichtet; die Feuchte, die sich zwischen der Wand und der Dampfsperre ansammelt, soll stattdessen wie bei einer modernen Vormauerung über kleine Entwässerungslöcher entweichen, die man in diesem Fall in die Stoßfugen im unteren Bereich des alten Mauerwerks bohrte.
Die Grundrisse gestaltete der Architekt so, dass sich die Flächen, die die beiden Nutzungen Wohnen und Arbeiten einnehmen, je nach Bedarf variieren lassen. Der Wohnbereich ist im Moment im UG untergebracht, kann sich aber – falls gewünscht – in Teile des EGs erstrecken, das im Moment komplett als Grafikdesignbüro dient. Das UG ragt auf der Westseite leicht unter dem EG hervor, sodass es über begehbare Oberlichter erhellt werden kann. Nicht alles, was abgerissen werden musste, ging komplett verloren: Die Bretter aus Pechkiefer etwa, die Teil des undichten Daches gewesen waren, hat der Architekt vor der Müllkippe bewahrt und im Inneren verbaut. Getrocknet und abgeschliffen, zieren sie nun die Schrankfronten der Küche.
Eine der Vorgaben für die Bauaufgabe war, die Dimensionen des bestehenden Gebäudes im Wesentlichen beizubehalten und nicht über die Mauer hinaus zu bauen, die das Grundstück zur Straße hin begrenzt. Die Erweiterung ließ der Architekt daher unterirdisch verwirklichen. Allerdings erwies sich der Baugrund als nicht tragfähig – man traf nicht auf den in London üblichen lehmigen Untergrund, sondern auf eine Mischung aus Bauschutt und Kies. Um zu verhindern, dass die umliegenden Gebäude durch den geplanten Aushub absackten, musste der Baugrund zunächst stabilisiert werden. Den Raum für die Ertüchtigung konnten die Planer gewinnen, indem sie diejenigen Teile des Bestands, die irreparable Schäden zeigten, abtrugen – zu den betroffenen Bereichen zählten die Außenwände auf der Süd- und Westseite, die Bodenkonstruktion und das Dach. Das Mauerwerk auf der Ost- und Nordseite musste gestützt bzw. abgefangen werden. Anschließend brachte man mit einem Minibohrgerät in Schneckenbohrtechnik rund um die zukünftige Baugrube 95 bis zu 9 m lange Mikropfähle aus Stahlbeton ein. Zusammen bilden sie eine Bohrpfahlwand, die im oberen Bereich den sicheren Aushub der Baugrube ermöglichte und im unteren Abschnitt als Fundament für das neue UG dient. Dass bei den Bohrungen nicht immer alles glatt ging, lässt sich aus dem Grundriss des neuen Geschosses ablesen: Auf der Westseite konnten die Planer nicht alle Mikropfähle exakt senkrecht in den Baugrund einbringen, vor allem im späteren Küchenbereich wurde die Schnecke in einigen Bereichen abgelenkt. Die Kellerwände betonierte man dann direkt im Anschluss an die Bohrpfahlwand und versah sie von innen mit einer Noppenmatte mit Drainagevlies, die das Wasser in eine Sickergrube leitet, von der aus es abgepumpt wird. Um zu verhindern, dass Feuchtigkeit in das EG aufsteigt, wählte man für die Konstruktion der Kellerdecke einen wasserundurchlässigen Beton. •
Standort: Almorah Road, GB-London N1 3EN
Auftraggeber: Polly Weitzman, London
Architektur: Jack Woolley Architect, London, www.jackwoolley.co.uk
Tragwerksplanung: C & R Design, London, www.cr-des.co.uk
Fachingenieure HLSE: Peter Deer and Associates, London, www.peterdeer.co.uk
Generalunternehmer: Skye Building Contractors, London
Nutzfläche: 105 m²
Baukosten: 276 000 Euro
Beteiligte Firmen:
Entwässerungssystem: Delta, Dörken, Herdecke, www.doerken.de
Dachfenster/Oberlichter: Sekon Glassworks, Erith
Geschliffener Betonboden: EJ Lazenby Contracts, Yeovil/Somerset, www.lazenby.co.uk
Türbänder Haupteingang: SIMONSWERK, Rheda-Wiedenbrück, www.simonswerk.de
Lüftungsanlage: Redring Xpelair Group, Peterborough, www.xpelair.co.uk
Beleuchtung: My Green Lighting, Cambridgeshire,
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de
  • 1 Eingang
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  • 8 Terrasse

London (S. 110)

Jack Woolley
In London geboren. Ingenieurstudium an der Universität Edinburgh und Industriedesign-Studium am Royal College of Art, London. Mitarbeit in der Beratungsfirma Isis UK, ab 1992 als Direktor. 1997 Mitbegründer des Beleuchtungsunternehmens Alva. Ab 2004 Architekturstudium an der Metropolitan University London, am Royal College of Art und bei der Architectural Association. Seit 2009 selbstständiger Architekt.
Claudia Hildner
1979 in München geboren. 1999-2005 Architekturstudium an der TU München und der Universität von Tokio. Seit 2007 freie journalistische Tätigkeit in Stuttgart und Tokio, seit 2011 in München. Redaktionelle Mitarbeit bei Baumeister, german-architects.com und Metamorphose. Publikation der Bücher »Wand« (dva) und »Kleine Häuser« (Birkhäuser).