Der Hamburger Cityhof wird wahrscheinlich abgebrochen

Schöner Schwan oder hässliches Entlein?

Die zähe Debatte um Abriss oder Erhalt des Cityhofs in Hamburg zeigt, wie sehr Fassaden Bauten machen. Wäre das strahlend weiße Hochhaus-Ensemble aus den 50er Jahren 1977 nicht mit grauen Faserzementplatten eingepackt worden, stünde das herausragende Beispiel der Hamburger Nachkriegsmoderne jetzt wohl kaum zur Disposition.

Text: Sylvia Necker

Noch zur Fertigstellung wurden die Hochhäuser des Cityhofs 1956 in der Lokalpresse als »Manhattan an der Elbe« gefeiert, das Abendblatt etwa schrieb: »Ihre klaren Linien verkörpern ein Stück Hamburger Nüchternheit und geben der Innenstadt einen neuen eindrucksvollen Blickpunkt«. Doch die positive Konnotation hielt nicht lange an, vielmehr ist der Cityhof in den Hamburger Baukulturdebatten seit nunmehr einem Jahrzehnt heftig umkämpft [1]. Inzwischen steht er unter Denkmalschutz und befindet sich im Besitz der Stadt – doch die möchte ihn abreißen. Dabei gehört er zu den wenigen noch erhaltenen Zeugnissen der Hamburger Nachkriegsmoderne, zu denen auch das Spiegel- und das IBM-Haus von Werner Kallmorgen, das Hamburg-Süd-Bürohochhaus von Cäsar Pinnau oder das Unilever-Haus von Hentrich, Petschnigg & Partner zählen. Trotz prominenter Lage der Cityhof-Hochhäuser schräg gegenüber des Hamburger Hauptbahnhofs und ihrer zeitgenössisch positiven Rezeption ist der Architekt des Baus, Rudolf Klophaus, heute fast vergessen. Gleichwohl ist es Klophaus, der mit seinen Gebäuden das nahegelegene Kontorhausviertel prägt, das jüngst auf die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste gesetzt wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft des Cityhofs hatte er schon in den 30er Jahren einen Wohnblock und Bürobauten wie das Pressehaus errichtet, in dem heute die Redaktion der Wochenzeitung »DIE ZEIT« arbeitet. [2]
Erste Planungen für den Cityhof begannen 1952. Für das Baugrundstück am östlichen Rand der Innenstadt entwarf Klophaus einen Komplex, der dem Leitbild der »gegliederten und aufgelockerten Stadt« entsprach. Über einer zweistöckigen Ladenpassage erheben sich Büros in vier schlanken Hochhausscheiben, die sich hintereinander den Hang hinaufstaffeln und den Blick auf das alte Kontorhausviertel freihalten. Mit ihren bis zu 13 Geschossen bilden sie einen neuen städtebaulichen Merkpunkt, der bei der Einfahrt in die Stadt weithin sichtbar ist. Für die Begründung zur Eintragung in die Denkmalliste Hamburgs spielt diese städtebauliche Setzung eine große Rolle, da der Cityhof als einzige Bebauung in der Innenstadt die Topografie des Hamburger Geesthanges in idealtypischer Weise spiegelt.
Dass nicht nur die Lage, sondern auch die Fassade das Ensemble auszeichnete, lässt sich heute nur noch auf bauzeitlichen Fotos ablesen. Klophaus verwendete erstmals in Deutschland einen neuartigen Baustoff, die sog. Leca-Platte (Light Expanded Clay Aggregate), die dem Bau ein weißes Leuchten verlieh. Erst 1977 entschied sich die damalige Bauherrengemeinschaft wegen technischer Probleme mit den Platten, diese mit Faserzement-Tafeln zu überdecken. Aus dem strahlenden Schwan der Nachkriegsmoderne wurde ein hässliches Entlein, das seitdem alle Bahnreisenden bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof mit seinem muffigen Grau begrüßt. Und statt des raffiniert ausgearbeiteten Plattenrasters aus kleinen Quadraten überzieht nun ein etwas ungelenkes Raster großformatiger Rechtecke die Fassade. Die nun triste Ansicht und der wenig gepflegte Zustand der Gebäude, in die in den letzten Jahrzehnten nur wenig investiert wurde, gibt den Abriss-Befürwortern eine Steilvorlage. Die Eternitfassade verstellt im wahrsten Sinne des Wortes den Blick auf den Bau und lässt in der Diskussion seine städtebaulichen Qualitäten vollkommen in den Hintergrund treten.
Ein 2014 ausgeschriebener Wettbewerb für eine Revitalisierung war zudem so zugeschnitten, dass für Investoren ein Neubau allemal günstiger schien, als sich mit der Bausubstanz des Cityhofs auseinanderzusetzen (s. dazu auch Kommentar db 4/2015, S. 3). Eine Initiative – u. a. mit dem ehemaligen Hamburger Denkmalpfleger Frank Pieter Hesse – kämpfte dennoch seit 2013 tapfer um den Erhalt des Gebäudes, zumal der Cityhof nun in der Pufferzone des UNESCO-Weltkulturerbes steht und ein Abriss den gerade zuerkannten Titel gefährden könnte. [3] Doch gegen mächtige Gegner wie den Hamburger Oberbaudirektor Jörn Walter konnte sie sich nicht durchsetzen, sodass das Ende des Baus nun besiegelt ist. Und das, obwohl in den Innenräumen noch zahlreiche Details der 50er Jahre erhalten sind und hinter der Faserzement-Fassade die originalen Leca-Platten hängen. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Schwan hinter der Ente hervorzuholen. •
[1] Necker, Sylvia: Cityhof. Ein Streitfall um die Moderne (Hamburger Bauheft 9), Hamburg 2015.
[2] Lange, Ralf: Kontinuität durch Wandel – Leben und Werk von Rudolf Klophaus (1885-1957), in: Architektur in Hamburg. Jahrbuch 2014, hg. v. Hamburgischen Architektenkammer, Hamburg 2014, S. 198-205.