Lessing-Gymnasium in Frankfurt a. M.

Knicken und Falten

MEIXNER SCHLÜTER WENDT fanden einen neuen Gestaltungsansatz für die Standardaufgabe Schulsanierung: Der Bodenbelag des Pausenhofs und die Fassade des Klassentrakts verbinden sich zu einer mehrfach abknickenden Fläche, die den Außenraum einfasst.

{Architekten: Meixner Schlüter Wendt Architekten; Tragwerksplanung: Lenz Weber Ingenieure
{Text: Hartmut Möller; Fotos: Christoph Kraneburg
Mit Wurzeln, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, gilt das humanistische Lessing-Gymnasium als eine der traditionsreichsten Schulen in Frankfurt. Nach schwerer Beschädigung im Krieg wurde 1967 ein Neubau errichtet, bei dem sich drei Trakte wie Windmühlenflügel um ein zentrales Treppenhaus gruppieren. Unweit des wuchtigen I.G.-Farben-Hauses von H. Poelzig im gründerzeitlich geprägten Westend gelegen, wirkt v. a. der markante Aula-Baukörper der Schule ungemein leicht und modern. Das von G. Balser, L. Menzel und K. Egli entworfene Sichtbetonfaltwerk bildet ziehharmonikagleich Dach und zwei gegenüberliegende Außenwände. Die Fassade zum Haupteingang am Treppenhaus ist durch ein 13 x 10 m großes Keramik-Relief des emeritierten Städelschul-Rektors F. Lammeyer geschmückt.
Ziehharmonika wieder erkennbar
In zwei Bauabschnitten hat das ortsansässige Büro Meixner Schlüter Wendt nun bauliche, brandschutztechnische und energetische Mängel des Schulgebäudes beseitigt. 2003–2005 wurde zunächst die Aula denkmalpflegerisch überarbeitet. Oberste Prämisse für die Innenraumgestaltung war dabei die Freilegung des Faltwerks, das u. a. wegen nachträglicher Verkofferungen nicht mehr zur Geltung kam. Wo zuletzt schwere Beleuchtungsschienen das Deckentragwerk verunklärten, erlauben heute abgependelte Einzelleuchten den freien Blick auf die Konstruktion. Große Einbauten wie Bühne und Zuschauerempore tragen einen dunkelgrauen Farbton, setzen sich gemeinsam mit dem dunkelbraunen Räuchereichenparkett vom hellen Betongrau des expressiven Faltwerks ab und betonen selbiges somit in seiner Eigenständigkeit. Vor der Nordwand steht mit ca. 1,30 m Abstand eine neu vorgeblendete zweite Schale, die als Faltwand aus Gipskarton ausgeführt ist und Fallrohre, Lüftungskanäle, Lager- und Technikräume versteckt. Außen erhielt der Veranstaltungsraum eine Beton-Frischekur und das Dach eine neue Blecheindeckung.
Fassade gefaltet
2010–2014 folgte als zweite Bauphase die Modifikation des Südflügels. Weil die Unterrichtsräume dem heutigen Platzbedarf nicht mehr genügten, wurden sie nach Norden erweitert und dort entsprechend ein neuer Flur angefügt. Auf der Südseite des Riegels greifen die Architekten das Motiv der Faltung auf. Durch Neigung der Außenwand in der Attikazone und im Parterre überformen sie den Baukörper; den Boden des vorgelagerten Schulhofs behandeln sie als »heruntergespiegelte« Fassadenansicht, sodass er mit der Wand zu einer Einheit verschmilzt. Dunkle Flächen und farbige Intarsien aus Kunststoffgranulat durchbrechen den hellen Bodenbelag im Rhythmus der Fensteranordnung. Der zur Straße hin »aufgeklappte« Teil des Hofs fungiert als Pendant zur gekippten Attika. Dadurch wird der Außenraum, dieser für die Schüler wichtige Aufenthaltsbereich, in umarmender Geste deutlich eingefasst. Verstärkt wird der Effekt einer zusammenhängenden gefalteten Fläche, weil Schulhof-Boden und vorgehängte Verkleidung des Parterres mit identischen Betonplatten ausgeführt sind. Oberhalb der Schräge schließt sich ein WDVS an, das zum Erreichen des Passivhausstandards beitragen soll.
Das Leitmotiv »Faltung« zieht sich durch das gesamte Bauwerk – so knicken im Innern etwa auch die Treppenhauswände auf Brüstungshöhe leicht nach hinten weg, um Platz für Handläufe zu schaffen.
Das Herausarbeiten des aus akustischen Gründen geplanten Faltwerks in der Aula zeugt vom respektvollen Umgang mit dem Bestand. Es stärkt das Herzstück des Lessing-Gymnasiums, einer Institution mit musikalischem Schwerpunkt. Mit der Übertragung des Themas auf den Klassentrakt gelingt es den Planern, diesen architektonisch bislang weniger anspruchs-vollen Gebäudeteil an das gestalterische Niveau der Aula anzunähern. So entsteht eine neue Identität bei Verstärkung bereits vorhandener Qualitäten.
Jurybegründung
Ein neuer Lösungsansatz für die Standardaufgabe Schulsanierung: Der Bodenbelag des Pausenhofs und die Fassade des Klassentrakts bilden eine Einheit, sie verbinden sich zu einer mehrfach abknickenden Fläche, die den Außenraum einfasst. Mit einfachen Mitteln haben Meixner Schlüter Wendt Architekten das Schulgebäude überformt und ihm einen starken neuen Charakter gegeben. Das Gestaltungsthema der Faltung ist dabei sinnfällig von der denkmalgeschützten Aula und ihrem Betonfaltwerk abgeleitet.

Standort: Fürstenberger Straße 166, 60322 Frankfurt a. M.
Bauherr: Stadt Frankfurt a. M., Hochbauamt
Architektur: MEIXNER SCHLÜTER WENDT Architekten, Frankfurt a. M.
Tragwerksplanung: Lenz Weber Ingenieure, Frankfurt a. M.
Haustechnik: ICRZ-Ingenieur-Consult, Hoppegarten Hönow
Elektroplanung: IBS Ingenieurbüro Auerwein, Großostheim