Laubenganghäuser von Hannes Meyer in Dessau

Volksbedarf statt Luxusbedarf

Fünf schmale Häuser in Dessau-Törten gelten als Schlüsselwerk des Bauhauses unter der Leitung von Hannes Meyer. Am Sonntag sind sie in die Liste des Welterbes aufgenommen worden. Für die anstehende Sanierung werden sie derzeit gründlich erforscht. Noch bis zum 12. Juli findet die 41. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees statt. Darin wurde u.a. entschieden, auf der Liste des Kulturerbes den Eintrag »Das Bauhaus und seine Stätten« um fünf Gebäude zu erweitern: Laubenganghäuser in Dessau-Törten, deren Planung Hannes Meyer in seiner Zeit als Direktor der legendären Institution verantwortete. Die schmalen Backsteingebäude zeugen wie kein anderes Projekt von einer Kernidee der Bauhauslehre, denn sie entstanden in einer »vertikalen Brigade«, einer Zusammenarbeit, bei der Lehrende wie Ludwig Hilberseimer gemeinsam mit Studenten die Gebäude planten und realisierten. Auch städtebaulich beschritten die Laubenganghäuser mit einer geplanten Mischung von Hoch- und Flachbauten neue Wege. Und gestalterisch markieren sie die Abkehr von der puristisch weißen Formensprache, die unter Meyers Vorgänger Gropius das Bauhaus geprägt hatte. Realisiert wurden nach Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929/30 fünf Zeilen. Sie stehen als »Wohnen am Existenzminimum« beispielhaft für Meyers Motto »Volksbedarf statt Luxusbedarf«. Daher orientierte man sich verstärkt an Wirtschaftlichkeit und Gebrauch. Dies führte u. a. zur Verwendung lokaler Baustoffe wie Ziegel für die Fassaden und zur Installation neuer Haustechnik wie Zentralheizung oder Müllschlucker. Seit Ende 2016 widmet sich nun eine Forschungsgruppe unter Leitung von Philipp Oswalt, Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel, diesen Bauten. Untersucht wird zum einen, wer genau als Lehrender und Studierender an den Ideen und Planungen beteiligt war. Dabei geht das Team um Oswalt auch der Frage nach, wie die Entwurfslehre, aber auch die Praxis in den Bauabteilungen konzipiert und welche Werkstätten des Bauhauses an der Umsetzung beteiligt waren. Aber auch die Nutzungsgeschichte bzw. die Nutzbarkeit der Bauten ist Gegenstand der Forschung. Neben Interviews mit den Bewohnern sollen restauratorische Befunduntersuchungen, archäologische Grabungen und die Auswertung des Planmaterials Aufschluss darüber geben, wie die Häuser sich im Alltag bewährten, wie sie verändert und saniert wurden. Die Erkenntnisse daraus können dann in ein Konzept für die Modernisierung der Bauten einfließen, die derzeit sanierungsbedürftig sind. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 300 000 Euro finanziert und durch Eigentümer, die Denkmalpflege und die Stiftung Bauhaus Dessau unterstützend begleitet. Es kam auf Anregung der Wohnungsgenossenschaft Dessau eG als Eigentümerin der Gebäude zustande. Beteiligt sind neben Oswalt Andreas Schwarting, Professor für Baugeschichte und Architekturtheorie an der Hochschule Konstanz und Thomas Will, Professor für Denkmalpflege und Entwerfen an der Technische Universität Dresden. Als Ergänzung werden bis Oktober 2019 auch drei Kolloquien zu den Forschungsergebnissen stattfinden. Die Themen dazu sind: – Städtebaulehre von Ludwig Hilberseimer am Bauhaus – Das Konzept der Mischbebauung und der CIAM-Diskurs um rationelle Bebauungsweisen – Die Debatte um die Wohnung für das Existenzminium 1929/1930 – Architektur und Ausbaulehre am Bauhaus unter dem Direktorat von Hannes Meyer 1928-30 Die Wertschätzung, die den Laubenganghäusern durch das Forschungsprojekt und die Aufnahme in die UNESCO-Welterbe-Liste zuteil wird, ist berechtigt: Sie sind, neben dem zerstörten Haus Nolden, die einzigen Gebäude, die die Architekturabteilung des Bauhauses realisieren konnte. Zur Liste der diesjährigen UNESCO-Kanditaten geht es hier