Hotel Nomad in Basel (CH)

Alt oder neu?

Bei der Umnutzung eines Apartmenthauses zum Vier-Sterne-Hotel gingen Buchner Bründler Architekten äußerst einfühlsam mit dem Denkmal aus den 50er Jahren um. Zeitschichten und Brüche lassen sich ablesen, aber erst auf den zweiten Blick.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2016.

{Architekten: Buchner Bündler Architekten; Tragwerksplanung: Walther Mory Meier Bauingenieure
{Text: Jolanthe Kugler; Fotos: Ruedi Walti, Mark Niedermann

Neben zahlreichen Highlights international renommierter Architekten gibt es in Basel eine ganze Reihe unscheinbarer und doch qualitativ hochwertiger Gebäude der Ersten Nachkriegsmoderne. Im Glanz der Stararchitekturen führen sie unverdienterweise ein Schattendasein. Dazu gehört auch das 1952 erbaute Wohn- und Geschäftshaus der Architekten Bräuning, Leu, Dürig, einem der erfolgreichsten Basler Büros in der Mitte des letzten Jahrhunderts, das auch international Anerkennung erlangte durch den Bau des Schweizer Pavillons auf der Weltausstellung in Paris 1937.
Gemässigte Moderne
Im zurückhaltenden Ensemble aus einem höheren Vorder- und einen niedrigeren Hinterhaus in einer Seitengasse am Rande der Basler Altstadt wird die Suche nach einer gemäßigten, soliden Moderne erkennbar, die das Gesamtwerk der Architekten bestimmt. Zugleich weist es mehrere Besonderheiten auf, die zu seiner Aufnahme in das Inventar der schützenswerten Bauten geführt haben. Bedeutend ist das Vorderhaus als seltene Variante eines in dieser Zeit aufkommenden Gebäudetyps: Das Apartmenthaus bot Platz für möblierte Kleinwohnungen mit Hotelservice und Gemeinschaftsräumen. Seine für die Erste Nachkriegsmoderne typische Rasterfassade besticht durch eine besonders feingliedrige Gestaltung aus sichtbarem Tragwerk, Feldern mit vertikaler Leistenstruktur und Fenstern mit aufgesetzter Einfassung. Den oberen Gebäudeabschluss bildet ein auffälliges, an eine Pergola erinnerndes Attikageschoss mit weit vorgezogener Dachplatte. Das verglaste EG springt hinter die keilförmigen Stützen zurück und verleiht der Fassade dadurch eine erstaunliche Leichtigkeit. Ebenfalls zeittypisch ist die optimierte Stahlbetonkonstruktion. Im EG werden die Lasten der darüber liegenden Geschosse über mehrere Unterzüge und zwei Rundstützen abgetragen. Die OGs bestehen jeweils aus vier tragenden Wandscheiben aus Stahlbeton.
Altes neu interpretieren
Bei der Umnutzung des Gebäudes zu einem Vier-Sterne-Hotel mit Meeting-Räumen, Bibliothek, Restaurant und Bar wurde darauf geachtet, so viel wie möglich von der alten Bausubstanz zu erhalten und dort, wo die Struktur verunklärt war, ihren ursprünglichen Charakter wieder hervorzuholen, um dem Gebäude eine starke, unverwechselbare Identität zu verleihen. Wo Neues ergänzt werden musste, wurde es jeweils kenntlich gemacht, ohne aber den starken Kontrast zu suchen. Vielmehr zielte der Entwurf darauf ab, das Alte neu und zeitgemäß zu interpretieren, ein Ansatz, den die Denkmalpflege von Anfang an guthieß und aktiv mittrug. So wurde die Fassade behutsam mit Wasserdampf von der Farbe befreit, die, wie vertiefte Untersuchungen überraschenderweise zeigten, erst in den 80er Jahren aufgetragen worden war. Aus denkmalpflegerischen Gründen verzichtete man darauf, die beschädigten Betonschichten abzutragen und neu aufzubauen. Vielmehr wurde der von der Farbe befreite Sichtbeton vorsichtig geflickt und anschließend tiefenhydrophobiert. Die Flickstellen sind sichtbar gelassen, jedoch teilweise vom Restaurator sanft bearbeitet, damit sie nicht zu sehr ins Auge springen. Die bestehenden Fenster wichen neuen, die sich durch einen breiten, aufgesetzten Rahmen aus Aluminium als Element unserer Tage zu erkennen geben. Ebenfalls aus Aluminium ist die Hülle des neuen Attikageschosses, in dem eine Suite und weitere Zimmer untergebracht sind. Durch raumhohe Fenster kann der Gast auf eine schmale Terrasse treten, die sich hinter der Brüstung verbirgt. Die alte Konstruktion dieses Geschosses musste entfernt werden und machte Platz für eine neue, die sich formal aber stark an ihre Vorgängerin anlehnt. Durch all diese Eingriffe gewinnt die Fassade eine neue Klarheit und einen zeitgemäßen Ausdruck, ohne jedoch das Alte zu leugnen.
Statische Anforderungen als gestalterisches Element
Während die bestehende Zimmerstruktur im Vorderhaus weitestgehend beibehalten werden konnte, musste das Hinterhaus aus ökonomischen Gründen einem Neubau weichen. Ganz in Sichtbeton ausgeführt, korrespondieren seine unterschiedlich rauen Oberflächen mit dem Vorderhaus. Raumbreite Fenster mit tiefer Brüstung auf Sitzhöhe lassen auch in den hofseitig gelegenen Zimmern genügend Licht herein. Das eher harte Ambiente mildern Fenster, Türen und Einbauten aus Holz ebenso ab wie die weich gepolsterten Möbel, die mit bunten Stoffen in kräftigen Farben bezogen sind.
Die Anforderungen an den Brandschutz, die Fluchtwegverordnungen und die Erdbebensicherheit erforderten jedoch auch im Vorderhaus einige größere Eingriffe. So wurde der Erschließungskern mit Treppe und Aufzug an die hofseitige Fassade verlegt und dient dort der Aussteifung des Gebäudes. Kenntlich gemacht ist dies durch aufgesetzte Betonkassetten auf der Außenfassade anstelle der bestehenden Fenster. Durch diesen Eingriff mussten auch die Geschossdecken und Trennwände zwischen Zimmern und flurseitigen Nasszellen teilweise erneuert werden. Im EG hingegen wurden die bestehenden Unterzüge durch weitere Träger ergänzt. Sie variieren in Breite und Höhe und dienen nicht alle der Erdbebensicherheit: Einige nehmen die Haustechnik auf, andere wiederum sind nur gestalterisches Element. Zusammen strukturieren sie die Decke und unterstützen durch unterschiedliche Decken- und Unterzugshöhen visuell die Einteilung der EG-Fläche in Bar, Restaurant und Rezeption. Der offene Raum mit fließenden Übergängen zwischen den einzelnen Funktionsbereichen wird zudem von drei Stützen, zwei runden und einer quadratischen, gegliedert. Die quadratische Stütze ist neu, ihre Oberfläche aus rauem Sichtbeton korrespondiert jedoch mit den beiden runden Stützen, von denen die eine im Original erhalten werden konnte. Die zweite wurde im Bauprozess beschädigt und musste ersetzt werden. Auf den ersten Blick unterscheidet sie nichts vom Original. Der zweite Blick aber enthüllt eine breite Schattenfuge unter der Decke – eine charmante Art, auf ihre Andersartigkeit hinzuweisen. Und mit unvorhergesehenen Schwierigkeiten umzugehen, die Umbauten so mit sich bringen.
Zwar mag dem neuen Hotel Nomad auch das eine oder andere Problem anhaften, das die weitgehende Beibehaltung der historischen Bausubstanz mit sich bringt, wie beispielsweise beim Schallschutz zwischen den Zimmern, der einem Haus dieser Kategorie nicht ganz angemessen ist. Dennoch ist es Buchner Bründler gelungen, in Zusammenarbeit mit einer aufgeschlossenen Denkmalpflege und einem diskussionsbereiten Bauherrn zu zeigen, dass auch die lange so verachtete Nachkriegsmoderne architektonisches Potenzial zu bieten hat, das Ausgangspunkt für eine zeitgemäße Nutzung sein kann.

Jurybegründung:

Bei der Umnutzung eines Apartmenthauses zum Vier-Sterne-Hotel gingen Buchner Bründler Architekten äußerst einfühlsam mit der denkmalgeschützten Bausubstanz aus den 50er Jahren um. Zeitschichten und Brüche lassen sich ablesen, aber erst auf den zweiten Blick: Neue Elemente wie die Aluminiumfenster oder das Attikageschoss zeichnen sich dezent als heutige Ergänzungen ab, der geänderte Standort des Treppenhauses macht sich mit Betonkassetten in der Rückfassade bemerkbar. Der Erweiterungsbau im Hinterhof variiert mit vorgesetzten Fenstern und unterschiedlichen Betonoberflächen Merkmale des Bestands, sodass ein harmonisches Ensemble entsteht.


Standort: Brunngässlein 8, CH-4052 Basel
Bauherr: UBS Immobilienfonds »Swissreal«, c/o UBS Fund Management (Switzerland), Basel
Mieterausbau: Krafft, Basel
Architekten: Buchner Bündler Architekten, Basel
Tragwerksplanung: Walther Mory Meier Bauingenieure, Basel
Bauphysik: Gruner, Basel
Haustechnik: Waldhauser + Hermann, Münchenstein
Bauleitung: Losinger Marazzi, Basel