Hansemuseum in Lübeck

Vielschichtigkeit als Prinzip

Wie richtet man ein Museum in einem Ensemble aus unterschiedlichen Epochen ein? Andreas Heller reagiert mit differenzierten Herangehensweisen – von der Integration einer archäologischen Grabungsstätte bis zur Ergänzung neuer Fassaden aus Baubronze.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2016.
{Architekten: Andreas Heller Architects & Designers; Tragwerksplanung: Baubüro Kröger & Steinche
{Text: Jürgen Tietz; Fotos: Werner Huthmacher

Welche architektonische Kraft große Handelskonzerne entfalten, beweisen die weltweiten Unternehmenszentralen der Gegenwart. Doch Architektur als Ausdruck von Einfluss und Wohlstand kennzeichnete bereits die Bauten der mittelalterlichen Kaufmannsvereinigung Hanse. Ausgehend vom 1143 am Ufer der Trave gegründeten Lübeck, baute sie mit ihren Segelschiffen ein gewaltiges wirtschaftliches Imperium auf. In seiner Blütezeit erstreckte es sich rund um die Ostsee und besaß darüber hinaus Niederlassungen in Bergen, Nowgorod und mit dem »Stalhof« sogar in Britanniens aufstrebender Metropole London. Mit ihrem ökonomischen Erfolg entwickelte sich die Hanse auch architektonisch zu einem länderübergreifenden Impulsgeber, dessen vorherrschendes Baumaterial der rote Ziegel war. Auch wenn der Städtebund der Hanse heute nur noch Geschichte ist, lebt er in den Namen der Städte und in ihren großartigen Backsteinbauten fort.
In Lübeck hält man die Erinnerung an diese Vergangenheit nun mit dem Europäischen Hansemuseum wach. Ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte des 50 Mio. Euro teuren Projekts. Allein 40 Mio. davon hat die verdienstvolle Lübecker Possehl-Stiftung aufgebracht. Unter der Regie von Andreas Heller Architects & Designers entstanden nicht nur Gebäude und Ausstellungsgestaltung, sondern auch die inhaltliche Konzeption des Museums.
Durchlässiges Ensemble
Das Europäische Hansemuseum besetzt einen kleinen Hügel am Rand der Innenstadt, ein Areal von rund 7 000 m². Dort stapelt sich die Geschichte, so viele Überformungen hat das Gelände im Lauf des letzten Jahrtausends erfahren: Auf eine slawische Burg folgte eine deutsche, dann ein Dominikanerkloster mit der Maria-Magdalenen-Kirche, eine Schule, später ein Gerichts-gebäude und einiges andere. Alle Nutzungen haben mehr oder weniger sichtbare Spuren hinterlassen, die nun Teil des neu geschaffenen Museums sind. Die noch erhaltenen Gebäude ergänzte Heller um einen zusätzlichen Baukörper, der sich in zurückhaltender Weise an den Fuß des Hügels schmiegt und geschickt zwischen dem Ufer der Trave und dem höher gelegenen Burgkloster vermittelt.
Mit dem Museumsbau verfolgten Stadt und Architekt die Absicht, dem historischen Quartier, das etwas abseits der üblichen Touristenströme im Altstadt-Welterbe Lübecks liegt, frisches Leben einzuhauchen. Zentrale Bedeutung für das städtebauliche Konzept besitzt daher die allgemein zugängliche Durchwegung des Geländes. Eine öffentliche Treppe durchmisst den neuen Baukörper und führt von der Uferstraße hinauf zur Aussichtsplattform auf dem Burghügel, die einen wunderbaren Blick auf Fluss und Stadt bietet. An Stellen, an denen die historische Baustruktur allzu fragmentiert ist, hat Heller dabei architektonische Lesehilfen eingefügt: So setzt er die alte Burgmauer fort – als Betonwand, die in weitem Schwung einen Hof einfasst und mit vertikalen Schlitzen das Zinnenmotiv mittelalterlicher Wehrbauten verfremdet. Auf einer Platzfläche zeichnet er mit dunklen Streifen im weißen Betonboden den Grundriss und die Gewölbebögen der Maria-Magdalenen-Kirche nach, die leider im 19. Jahrhundert abgebrochen wurde.
Gesichert und bewahrt
Von der Kirche haben sich lediglich drei Seitenkapellen erhalten, die direkt an das Kreuzganggebäude des Klosters anschließen und mit licht- und witterungsempfindlichen Wandmalereien ausgeschmückt sind. Um sie zu schützen, wurden die Kapellen mit einer durchlaufenden Fassade geschlossen. Fugen in der Bekleidung aus Baubronze deuten die Lage der dahinterliegenden Räume an, Bronzetore, die sich kurzzeitig öffnen lassen und mit einem eigens entwickelten abstrakten Zeichencode als Dekor auf lateinische Inschriften verweisen, gewähren Einblick. Ein wenig artifiziell greifen hier die erhaltene historische Bau-substanz und ihre moderne Interpretation ineinander.
In einem bemerkenswert radikalen Schritt entschied sich Heller dafür, die historischen Bauten aus konservatorischen Überlegungen (leitende Restauratorin Elke Kuhnert) von ihren bisherigen Nutzungen frei zu räumen. Stattdessen dienen sie nach der Restaurierung nun als eigenes Ausstellungsstück und sprechen für sich selbst – von den zauberhaften gotischen Spitzbögen und Pfeilern samt Ausmalungsresten des Dominikanerklosters über den historistischen Gerichtssaal bis zu den Ausbesserungen des 19. Jahrhunderts. Im Interesse eines größtmöglichen Bestandsschutzes verzichtete man zudem darauf, die Sakristei der Klosterkirche mit ihrem im 15. Jahrhundert verlegten, empfindlichen Fußboden aus Ziegelmosaik wieder zugänglich zu machen. Der Blick auf das Mosaik, die Wandgemälde und die Mittelstütze der Sakristei mit ihrer hölzernen Baldachinverkleidung ist aber durch eine Glastür möglich, sodass sowohl dem Besucherinteresse als auch den konservatorischen Anforderungen Genüge getan wird.
Beziehungsreiche Fassade
Bei dem neuen Gebäude am Fuß des Burgklosters räumte Heller dem typisch hanseatischen Baustoff Backstein besondere Bedeutung ein. In Zusammenarbeit mit der dänischen Ziegelei von Christian Petersen entwickelte er einen Spezialstein im Format 302 x 105 x 65 mm, das sich an dem in der Backsteingotik verwendeten Klosterformat orientiert. So entstanden mit dem Neubau große, weitgehend geschlossene Mauerflächen, die dem Burghügel vorgelagert sind und eine Erinnerung an die frühere Befestigung wachrufen. Unterstützt wird dieser Eindruck durch das unregelmäßige Erscheinungsbild der Ziegel. So gibt es vor- und zurückspringende Steine und ungleichmäßige Mörtelfugen, die teils fassadenbündig, teils zurückgezogen eingebracht wurden. Zudem verleiht die Einstreuung dunklerer Steine dem Mauerwerk einen differenzierten Charakter und erzeugt einen stimmigen Zusammenklang zwischen dem neuen kubischen Baukörper und seinem historischen Umfeld.
An der Straße zur Untertrave läuft das Gebäude darüber hinaus in einer zeitgenössischen Interpretation eines giebelständigen mittelalterlichen Bürgerhauses aus und nimmt konkreten Bezug auf die angrenzende Bebauung. Hier übersetzt Hellers Ziegelhülle ein Vierpass-Fenster des Klosters in ein großflächiges modernes Fassadenornament.
Ambivalentes Innenleben
Von der öffentlichen Treppe im Neubau zweigt auf halber Strecke der Zugang ins Museum ab, um hinter Museumsladen, Restaurant und Ticketverkauf in langsamer Fahrt gleich wieder mit einem Fahrstuhl quasi durch die Zeitschichten in die Tiefen der Hansewelt abzutauchen. Der Weg für den Besucher führt vorbei an Brunnen und mittelalterlicher Kloake, die bekanntlich zu den besonders ergebnisreichen Fundorten bei archäologischen Grabungen zählen, sowie einer modernen Bohrpfahlwand zur Hangsicherung. Weiter geht es durch das ehemalige Grabungsareal am Traveufer, das nun vom Museum umschlossen wird. Historisch reichen die Funde und Befunde bis zu den slawischen Ursprüngen der Lübecker Siedlungsgeschichte in das 9. Jahrhundert zurück und eröffnen dem Publikum dadurch faszinierende Einblicke in die Entwicklungsgeschichte des Ortes.
Diesem besonderen Lübecker Realienraum folgt eine inszenierte Ausstellungswelt. Großformatige, multimedial aufgerüstete Informationswände liefern harte Fakten zur Geschichte der Hanse. Ergänzt werden sie durch bühnenbildartige Rauminszenierungen, die Schlaglichter auf ausgewählte Zeitabschnitte werfen – etwa mit verstreut herumliegenden toten Ratten im Kapitel über die Pestepoche. Zwischen diese Räume einer hanseatischen Mimikry schiebt Heller kleinere »Gelenkräume«. Dort wird an (wenigen) originalen Fundstücken und Dokumenten die Geschichte der Hanse auf einer zweiten, »konventionellen« Ebene erzählt.
So vermittelt das Museum sein Thema über unterschiedlichste Kanäle. Gerade im Zusammenspiel mit der sorgfältig konservierten Anlage des Burgklosters wird das Gesamtkonzept erkennbar, das den inszenierten Bildwelten die puren Räume der authentischen Lübecker Hansegeschichte gegenüberstellt.
Jurybegründung:
Die Vielschichtigkeit der Bauaufgabe auf historisch bedeutendem Areal präsentiert sich als fein austariertes Ensemble von Freiräumen, behutsam sanierten Baudenkmalen sowie einem Museumsneubau. Auf den heterogenen Bestand aus unterschiedlichen Epochen reagiert Andreas Heller mit differenzierten Herangehensweisen – von der Integration einer archäologischen Grabungsstätte über die restauratorische Instandsetzung mittelalterlicher Mauern bis zur Ergänzung neuer Fassaden aus Baubronze. Die Gestalt des Erweiterungsbaus leitet sich nachvollziehbar vom Bestand ab, ohne ihn zu kopieren.

Standort: An der Untertrave 1, 23552 Lübeck
Bauherr: Europäisches Hansemuseum Lübeck
Architekten: Andreas Heller Architects & Designers, Hamburg
Tragwerksplanung: Baubüro Kröger & Steinche, Lübeck
Statik Bohrpfahlwand: WTM Engineers, Hamburg
Technische Gebäudeausstattung: Schlüter + Thomsen, Neumünster
Klimatechnische Ausstattung Burgkloster: Transsolar, Stuttgart
Akustische Planung: Lärmkontor, Hamburg
Beteiligte Firmen:
Ziegelfassade Erweiterungsbau: Steine in den Maßen 302 x 105 x 65 mm, in englischem Ton, spezialgefertigt in drei Varianten mit unterschiedlichen Schlämmegraden mit 30 %, 60 % und 90 % Schlämme. Hersteller: Petersen, Broaker (DK), www.petersen-gruppen.dk