Teil des Gedächtniskirchen-Ensembles instandgesetzt

Eiermanns Dauerbaustelle

Berühmt wie berüchtigt ist die Gebäudegruppe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Egon Eiermann 1957-63 in Berlin errichtete: Von Anfang an musste die Gemeinde mit Schäden kämpfen. Nun hat die Wüstenrot Stiftung die Kapelle instandsetzen lassen.

Es gibt nicht viel, das die Bauten der Moderne mit der Gotik gemeinsam haben. Beim Ensemble der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist das anders: Wie bei einer mittelalterlichen Kathedrale steht fast immer an irgendeiner Stelle ein Baugerüst. 1963 von Egon Eiermann fertiggestellt, haben die vier Gebäude – Kirche, Glockenturm, Foyer und Kapelle – bereits eine dramatische Instandsetzungs- und Sanierungsgeschichte hinter sich. Schon 1969 waren die ersten Schäden derart umfangreich, dass eine Reparatur an allen Bauwerken vorgenommen werden musste. Danach folgten Kampagnen im Abstand von zehn bis 15 Jahren. 2007 berichtete die Zeitschrift Metamorphose ausführlich über die damals letzte Betonsanierung. Seit 2013 befindet sich der Glockenturm erneut in einem Zustand, der es nötig macht, das Bauwerk mit einem Schutzgerüst zu versehen.

Wichtiges Wahrzeichen

All dieser Aufwand würde nicht getrieben, wenn es sich nicht um eines der bedeutendsten Kirchenensembles in Deutschland handeln würde. Seit langem genießt es Denkmalschutz. Die Gebäude stehen nicht nur für eine neue Sachlichkeit im Sakralbau, sondern nehmen auch eine zentrale Stelle im Werk von Egon Eiermann ein, einem der einflussreichsten Architekten der deutschen Nachkriegsmoderne. Gleichzeitig sind sie ein Symbol für den Wiederaufbau West-Berlins in Zeiten der geteilten Stadt. Und durch die Verbindung von Neubauten mit der Ruine der alten Gedächtniskirche, die 1943 durch Fliegerbomben zerstört wurde, stellt die Gebäudegruppe nicht zuletzt ein eindrückliches Mahnmal des Zweiten Weltkriegs dar.

Die vier Bauten Eiermanns sind als Stahlskelettkonstruktion errichtet, ausgefacht mit Betonfertigteilen. Sie stehen auf einem Podest erhöht über dem Breitscheidplatz und flankieren die Ruine. Den östlichen Abschluss des Ensembles bildet die Kapelle, ein flacher rechteckiger Baukörper mit Glasfassade, der von einem offenen, gartenartigen Wandelgang umgeben ist. Zum Stadtraum grenzt sich dieser Umgang durch eine Wand aus Holz- und Betonwaben mit dezent farbigen Dickgläsern ab. So entsteht eine kontemplative Atmosphäre inmitten des großstädtischen Trubels.

Neustart für die Kapelle

2013 hat sich die Wüstenrot Stiftung beispielhaft der Kapelle angenommen und damit Wege, Möglichkeiten und Umfang einer Instandsetzung geprüft. 2014 wurde beschlossen, die Arbeiten durchzuführen. Voraussetzung dafür war, dass die Kapelle auch zukünftig sakral genutzt wird. Zudem sollte der Charakter von Eiermanns klarem und hellem Innenraum gestärkt werden. Die Planung übernahm das Berliner Architekturbüro adb.

Die Stahlkonstruktion der Kapelle und der Gartenumfassung ist von langjähriger Korrosion und schadstoffhaltigen Anstrichen befreit worden. Dafür musste das gesamte Gebäude luftdicht eingehaust werden, um angesichts der Innenstadtlage eine Gefährdung von Mensch und Umwelt auszuschließen. Der Stahl, der zuletzt einen verblichenen hellgrauen Farbton zeigte, erhielt seine ursprüngliche mattschwarze Erscheinung zurück.

Die Betonwaben

Die Fassadenelemente aus Beton prägen das Äußere des Kirchenensembles in besonderem Maße. Für sie hat sich die Bezeichnung »Betonwaben« durchgesetzt, auch wenn ihre Form nicht sechseckig ist. Auf den ersten Blick scheinen sich die Fassadenelemente zu gleichen, doch bei genauer Betrachtung verfügt jedes Gebäude über eine eigene Ausprägung und Struktur der Waben. Bei Kirche und Turm nehmen die Betonelemente die berühmten blau-bunten Dickglasscheiben aus der renommierten Glaswerkstatt Gabriel Loire in Chartres auf. Die Kapelle ist hingegen von weißen Glasscheiben mit wenigen Farbakzenten eingefasst. Auch die Geometrie der Betonwaben wurde für jedes Gebäude individuell gestaltet. Allen gemeinsam ist jedoch ihre Filigranität.

Dieses ästhetisch motivierte Konstruktionsprinzip ist zugleich Verhängnis für die Waben. Die an vielen Stellen sehr geringe Betonüberdeckung kann die konstruktive Eisenbewehrung nicht ausreichend schützen und lässt sie korrodieren. Dies führt zu Betonabplatzungen großen Umfangs. Die Betoninstandsetzung bei der Kapelle hatte zum Ziel, die älteren Schutzbeschichtungen zu entfernen und den besonderen Charakter des speziellen Waschbetons wieder voll zur Geltung zu bringen: Egon Eiermann hatte den damals noch sehr jungen Baustoff Dyckerhoff-Weißzement verwendet und weißen Quarzbruch beigemischt. Bei der Ergänzung von Fehlstellen haben Restauratoren die körnige Waschbetonoberfläche detailgetreu nachgebildet und in den Bestand eingepasst.

Der Gartenumgang

Auf der Gartenseite sind die Holzraster erneuert worden, die die plastisch ausgebildeten Betonwaben zieren. Nach über 50 Jahren Standzeit waren die Hölzer unrettbar verrottet. Eiermann hatte die Gitter als kompliziertes Steckwerk entwickelt, das ohne jede Schraube auskam. Der höchst individuelle Dreiklang aus Holz, Beton und den leicht farbigen Dickgläsern ist der gestalterische Höhepunkt, der den Raumeindruck von jeder Stelle in der Kapelle bestimmt.

Der schmale Gartenumgang zwischen dem gläsernen Kapellenraum und der Umfassung ist nach den Plänen Egon Eiermanns und verfügbaren Archivalien originalgetreu wiederhergestellt worden. Japanische Vorbilder sollen den Architekten bei der Gestaltung aus runden Trittplatten, Kiesstreifen und begrüntem Boden inspiriert haben. Die zurückhaltende Akzentbepflanzung aus Rosen und Wein geht ebenfalls auf Egon Eiermann zurück und lässt den Blick auf das subtile Farbspiel der Betondickgläser frei. Die unauffällig und neu eingebrachte Installation einer automatisierten Bewässerungsanlage wird den Pflegeaufwand künftig erheblich reduzieren.

Innenraum und Haustechnik

Der lichte Kapellenraum erhielt eine neue Verglasung, die die oft beklagte Aufheizung des Innenraums im Sommer reduziert und im Winter eine bessere Dämmung bietet. Restauratoren haben sämtliche Holzfurnieroberflächen aus gedämpfter Buche einer umsichtigen Reinigung und Politur unterzogen sowie – wo erforderlich – Reparaturen ausgeführt, ohne Alters- und Gebrauchsspuren gänzlich zu beseitigen. Der Fußboden aus keramischen Rundplättchen, ein wiederkehrendes und variierendes Thema im Ensemble, wurde repariert und ergänzt.

Die Erneuerung der überalterten Haustechnik war ein Schwerpunkt der Instandsetzung. Die Heizung und Lüftung nutzt weiterhin das ausgeklügelte System aus unterirdischen Betonkanälen. Durch eine zusätzliche Wärmerückgewinnung arbeitet die neue Lüfterzentrale nun energieeffizient. Der Kapellenraum lässt sich bei Bedarf ebenfalls energiesparend auch so ausleuchten, dass gemeindliche Nutzungen wie Chorproben nun ohne zusätzliche Scheinwerfer abgehalten werden können. Zwei neue Toiletten und eine Teeküche in ehemaligen Abstellräumen des UGs kommen nun dem Gemeindeleben zugute.

Resumee

Die Gestaltungskraft Egon Eiermanns mit seinen vielfältigen Einfällen für das Detail wird durch die Instandsetzung der Kapelle wieder erleb- und erfahrbar. Der helle und lichte Raum wirkt wie eine Oase auf dem belebten Breitscheidplatz. Er kann dank technischer Anpassungen, aufgefrischter Oberflächen und des wiederhergestellten Gartens seine meditative Wirkung wieder uneingeschränkt entfalten. Aber v.a. ist der prägnante Kontrast zwischen hellem Beton mit lebhafter Oberfläche und den dunklen glatten Stahloberflächen an der Kapelle wieder erlebbar und dient als Vorbild für künftige Instandsetzungen der anderen Gebäude im Ensemble.

Der Text basiert auf einer Mitteilung der Wüstenrot-Stiftung, wurde jedoch von Christian Schönwetter stark überarbeitet.


Bauherr: Wüstenrot Stiftung, Gemeinschaft der Freunde Deutscher Eigenheimverein e.V., www.wuestenrot‐stiftung.de
Eigentümer: Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Nutzer: Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde Berlin
Architekt Instandsetzung: adb | Ewerien und Obermann Büro für Architektur, Denkmalpflege und Bauforschung
Kosten der Instandsetzung: 1,5 Mio. Euro brutto inkl. Nebenkosten

 

Weitere Gebäude von Egon Eiermann:

Siedlungshaus in Hettingen

Kaufhäuser in Pforzheim und Erlangen

IBM-Zentrale in Stuttgart