Überdämmung und Überputzen von WDVS

Doppelt hält länger

Wenn ältere WDVS heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen, lassen sie sich unter bestimmten Voraussetzungen mit einem zweiten WDVS aufdoppeln. Oder sie werden aus optischen Gründen schlicht überputzt. Welche Fallstricke gilt es dabei zu umgehen?

Text: Bodo Buecher, Fotos: Bodo Buecher u. a.
Mit WDVS kann man den Wärmedurchgang durch eine Außenwand effektiv und ohne bauphysikalische Nachteile in nahezu jedem gewünschten Ausmaß reduzieren. Wie bei allen Dämmmaßnahmen wächst die Energieeinsparung jedoch nicht linear mit der Dämmstoffdicke – nur die ersten Zentimeter einer Wärmedämmung bieten den größten Nutzen. Im Fall der Überdämmung eines bereits angebrachten, älteren WDVS sind diese »ersten Zentimeter« bereits vorhanden, man kann also nur die weniger effizienten Folge-Zentimeter nutzen. Daher ist das Überdämmen eines WDVS allein aus Gründen der Energieeinsparung meistens unwirtschaftlich. Dies ändert sich jedoch, wenn im Rahmen einer Aufdopplung sowieso anstehende Instandsetzungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Obwohl man seit Jahrzehnten WDVS erfolgreich überdämmt bzw. aufdoppelt, besteht eine bauaufsichtliche Regelung hierfür erst seit 2007. Sie sieht vor, dass zum Überdämmen nur WDVS mit einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung für diesen Anwendungsfall (Z-33.49-xxx) verwendet werden dürfen. In dieser Zulassung werden nicht nur die Produkte des Neusystems beschrieben, sondern auch Anforderungen an die vorhandene Außenwand, bestehend aus Wand und Alt-WDVS, gestellt.
Anforderungen an bestehende Wände
Die unter dem Alt-WDVS vorhandene Gebäudewand muss den Anforderungen genügen, die heute für die Anwendung eines WDVS gestellt werden. Dies bedeutet im Regelfall, dass sie aus Mauerwerk oder Beton bestehen und für den Einsatz der neu zu verwendenden Dübel geeignet sein muss. Für welche Wände dies zutreffend ist, lässt sich aus der jeweiligen Dübelzulassung entnehmen. Sollte die vorhandene Wand nicht den Vorgaben entsprechen, kann deren Tauglichkeit über Dübelauszugsversuche überprüft und ggf. nachgewiesen werden.
Anforderungen an das alte WDVS
Im Hinblick auf die Eignung des bestehenden WDVS ist in der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung des Neusystems folgende Aussage enthalten: »Das WDVS (Altsystem) muss für sich standsicher sein und hinsichtlich der Befestigung und Eigenschaften der Dämmstoffplatten sowie der Ausführung des WDVS den Anforderungen vergleichbarer zugelassener WDVS mit angeklebtem oder angedübeltem und angeklebtem Wärmedämmstoff entsprechen.« Es dürfen nur WDVS mit Dämmstoffplatten aus Polystyrol-Hartschaum, Mineralwolle-Platten oder Mineralwolle-Lamellen überdämmt werden.
Das bedeutet also, dass nicht nur die Dämmplatten des Alt-WDVS vergleichbar mit den derzeitverwendeten Dämmplatten sein müssen, sondern insbesondere auch die Verklebung (Klebemethode und Klebeflächenanteil) und die Verdübelung (Eignung der Dübel, Haftung im Untergrund) den heutigen Anforderungen genügen müssen. Ein Überdämmen schienenbefestigter WDVS ist über eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung nicht abgedeckt.
Ein Planer muss sich davon überzeugen, dass die o. g. Anforderungen eingehalten werden. In Zweifelsfällen und immer dann, wenn sich bei einer sorgfältigen Inspektion des Alt-WDVS Hinweise auf diesbezügliche Mängel ergeben haben, sollte das WDVS geöffnet (Abb. 1 und 6) und die o. g. Punkte überprüft werden. Hierzu führt die allgemeine bauaufsichtliche Zulassung aus: »Art und Zustand des vorhandenen Wandaufbaus, einschließlich Altsystem bzw. HWL-Platten, dessen Standsicherheit sowie Tragfähigkeit und die Tauglichkeit für eine WDVS-Aufdopplung ist in jedem Fall rechtzeitig vorher durch einen Sachkundigen feststellen zu lassen. (…). Das Eigengewicht des Altsystems, insbesondere des Putzsystems (Unter- und Oberputz) sowie die vorhandene Dämmstoffdicke (…) sind zu ermitteln.«
Da die Einstufung des Brandverhaltens des Gesamtsystems vom Dämmstoff des Altsystems abhängt, benötigt der Planer auch eine Information über die Baustoffklasse des im Alt-WDVS verwendeten Dämmstoffs. Dabei kann man davon ausgehen, dass EPS-Dämmplatten – zumal dann, wenn sie nach 1980 eingebaut wurden und mit einem Rollenstempel auf der Schmalseite gekennzeichnet sind – den Anforderungen eines schwerentflammbaren Baustoffs genügen. Reguläre Mineralfaserdämmstoffe in WDVS – unabhängig davon, ob als Platte oder Lamelle – erfüllen immer die Anforderungen nichtbrennbarer Baustoffe. In Zweifelsfällen sind weitere Überprüfungen vorzunehmen oder es ist die jeweils niedrigere Baustoffklasse anzunehmen. ›
Neusystem
Das zum Überdämmen verwendete, neue WDVS wird über die allgemeine bauaufsichtliche Zulassung beschrieben. Für die Anwendung gelten prinzipiell die gleichen Anforderungen wie bei der Erstanwendung auf massiv mineralischem Untergrund. Insbesondere betrifft dies die folgenden Punkte:
    • Produkte: Es dürfen nur die in der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung aufgeführten Produkte in der beschriebenen Art und Weise verwendet werden.
    • Standsicherheit: Die Befestigung erfolgt generell durch eine Verklebung und eine zusätzliche Verdübelung in der tragenden Wand. Die erforderliche Dübelmenge ergibt sich aus der in der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung angegebenen Lastklasse und den herrschenden Windlasten.
    • Dämmstoffdicken: Die Dicke des Wärmedämmstoffs des Neusystems muss mind. 40 mm betragen.
    • Putzgewicht: Bei Dämmstoffdicken über 200 mm (alt+neu) darf das Putzgewicht des Neusystems (Summe der Gewichte des Unterputzes und des Oberputzes) 22 kg/m² (nass) nicht überschreiten.
Gesamtsystem
  • Die Kombination von Alt-WDVS und Neu-WDVS wird als Gesamtsystem bezeichnet. Dessen Standsicherheit ist nachgewiesen, wenn die Verarbeitung entsprechend der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung erfolgt ist. D. h. insbesondere, dass
  • das Alt-WDVS standsicher ist,
  • die Befestigung durch Verkleben und Verdübeln in der beschriebenen Art und Weise erfolgte und
  • sich die Summe der Gewichte der Putze des Alt- und des Neusystems auf max. 30 kg/m² (trocken) beschränkt.
Wegen des höheren Schubtragverhaltens darf die gesamte Dämmstoffdicke bei ausschließlicher Verwendung von EPS-Dämmstoffen im Alt-und Neusystem max. 400 mm betragen. In allen anderen Fällen ist sie auf max. 200 mm begrenzt.
Das Brandverhalten des Gesamtsystems orientiert sich am jeweils ungünstigsten Baustoff. Dabei sind die in Tabelle 5 genannten Kombinationen möglich. Voraussetzung hierfür ist eine Ausführung von Brandschutzmaßnahmen, wie sie heute in den allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassungen gefordert werden. Brand- und Abschlussriegel sind jeweils durch das Alt- und Neusystem bis auf den massiv mineralischen Untergrund zu führen, vollflächig zu verkleben und ggf. zu verdübeln.
Hinweise zur Planung und Ausführung
Wie sich aus dem Vorstehenden ergibt, erfordert eine Aufdopplung eine sorgfältige Planung. Um alle hierzu notwendigen Informationen zu erhalten, ist eine Systemöffnung erforderlich, bei der
  • der Untergrund (Beton oder Mauerwerk, Dübeleignung) beurteilt,
  • der Dämmstoff hinsichtlich Art, Dicke und Baustoffklasse eingestuft,
  • das Putzgewicht des Altsystems ermittelt und
  • die Befestigungsart (keine Schienenbefestigung, ausreichende Verklebung) beurteilt werden kann.
Insbesondere im Hinblick auf den letzten Punkt können ggf. großflächige Öffnungen an mehreren Stellen des Gebäudes erforderlich werden. Dieser Umstand stellt für die Abgabe eines verbindlichen Angebots eine große Hürde dar: Kaum ein Bauherr wird bereit sein, seine Fassade zerstören zu lassen – um dann möglicherweise zu erfahren, dass ein Überdämmen nicht möglich ist und er nun mit einer zerstörten oder geflickten Fassade leben muss. Der Bauherr sollte daher im Vorfeld auf diese Schwierigkeit hingewiesen und über die ggf. erforderlichen (und kalkulierbaren) Kosten von Abriss und Neubau informiert werden.
Überputzen von WDVS
Unter Überputzen von WDVS versteht man das Auftragen eines neuen Putzsystems auf ein vorhandenes WDVS, z. B. zur Beseitigung von Ausführungsmängeln (neues WDVS) oder zur Instandsetzung schadhafter Oberflächen (altes WDVS). Auch diese Art der Überarbeitung wird seit vielen Jahren mit gutem Erfolg ausgeführt.
Auf den Aachener Bausachverständigentagen wurde darüber bereits 1998 [1] und 2014 [2] referiert. Insbesondere das letzte Referat stand unter der Behauptung, dass eine derartige Vorgehensweise – unabhängig von der jahrelangen problemlosen Anwendung – aus baurechtlichen Gründen nicht zulässig sei.
Aufgrund dieser Rechtsunsicherheit wurde eine technische Bewertung des Überputzens von WDVS durch das Leipziger Ingenieurbüro Sahlmann und Partner erstellt und Empfehlungen abgegeben [3]. Auf dieser Basis erarbeitete eine vom Deutschen Institut für Bautechnik eingesetzte Arbeitsgruppe einen Vorschlag, der Eingang in das WTA-Merkblatt 2–13 »Wärmedämm-Verbundsysteme – Wartung Instandsetzung Verbesserung« [4] gefunden hat. Demnach stellt das Überputzen eines WDVS eine nicht wesentliche Abweichung von der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung dar, wenn die in Tabelle 7 aufgeführten Bedingungen eingehalten werden. Darüber hinaus müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein: ›
  • Die Standsicherheit des Alt-WDVS muss gegeben sein.
  • Es müssen beim Neu-Putzsystem nur Unterputze, Gewebe und Oberputze verwendet worden sein, die in dieser Kombination in einer WDVS-Zulassung geregelt sind.
  • Die Haftung, Verträglichkeit, Steifigkeit und der Regenschutz müssen den allgemeinen putztechnischen Anforderungen genügen.
  • Das Gesamtputzgewicht des Alt-und des Neuputzes darf 30 kg/m² (ausgehärtet) nicht überschreiten.
  • Alle Anschlüsse müssen funktionstauglich sein.
Die Einstufung des überputzten WDVS in Hinblick auf den Brandschutz erfolgt gemäß Tabelle 8.
Werden all diese Bedingungen eingehalten, dann darf ein Überputzen ohne zusätzliche bauordnungsrechtliche Nachweise oder Genehmigungen ausgeführt werden. Sollten hiervon abweichende Bedingungen vorliegen, ist ein Überputzen nur möglich, wenn hierfür Nachweise erbracht werden und eine Zustimmung im Einzelfall eingeholt wird.
Schönheits-OPs
Die o. g. Vorgehensweise beschreibt die Anforderungen bei einem vollflächigen Überputzen eines WDVS. Bei kleinflächigen oder punktweisen Putzbeschädigungen können diese auch lokal ausgebessert werden. Auch hierbei sollten Putze verwendet werden, die – wenn bekannt – vom Hersteller des WDVS stammen oder aber den o. a. Kriterien entsprechen. Je nach Tiefe der Beschädigung sind entweder nur der Oberputz oder der Oberputz in Verbindung mit Unterputz und Gewebe oder sogar zusätzlich der Dämmstoff auszubessern. Bei Ausbesserung des Unterputzes ist auf eine Gewebeüberlappung zu achten. Dämmstoff darf nur durch artgleiches Material ersetzt werden. Weitere Einzelheiten über verschiedene Ausführungsschritte sind in [4] beschrieben. Bei all diesen Maßnahmen stellt die EnEV in der neuesten Fassung keine Anforderungen an die Dämmstoffdicke.

Weitere Informationen:
[1] Karl-Ludwig Oster, Die Nachbesserung und Sanierung von Wärmedämmverbundsystemen. In: Tagungsband Aachener Bausachverständigentage 1998, S. 50
[2] Bodo Buecher, Ist das Überputzen und Überdämmen von WDVS zulässig? In: Tagungsband Aachener Bausachverständigentage 2013, S. 105
[3] Mathias Reuschel und Antje Proft, Gutachterliche Stellungnahme zum Aufbringen von neuen Putzschichten auf bestehende Wärmedämm-Verbundsysteme (2014), s. auch: www.farbe-bfs.de/wp-content/uploads/2015/12/05_Reuschel_Proft_Doppelte-Putzschichten.pdf
[4] WTA-Merkblatt 2–13 Wärmedämm-Verbundsysteme – Wartung, Instandsetzung, Verbesserung, Ausgabe: 09.2015/D, Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege e. V. (Hrsg.), s.: wta-international.org/fileadmin/Susanne/2–13–15.pdf

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Zum Autor
Bodo Buecher
1944 in Reinheim geboren. Chemiestudium in Darmstadt und Freiburg, 1977 Promotion. 1978-98 Mitarbeit bei einem WDVS-Hersteller. Seit 1998 Sachverständigengemeinschaft Wärmedämmung, für Putze und WDVS. Mitarbeit in Gremien wie EOTA, DIN, DIBt bei Normen, Prüfrichtlinien, Regelwerken für WDVS.