Heustadl in Kneiting

Brett für Brett

Werden Scheunen für eine landwirtschaftliche Nutzung modernisiert, geschieht das selten mit gestalterischem Anspruch. Beim Sanieren eines Stadls in Kneiting jedoch hat Max Zitzelsberger die Holzkonstruktion mit einem dezenten Ornament verfeinert.

Viele alte Hofstellen gibt es nicht mehr in dem kleinen Dorf Kneiting nordwestlich von Regensburg. Doch das Anwesen der einstigen Schmiede hat überlebt: Charakteristisch für den Ort, gruppieren sich hier drei Bauten um einen zentralen Hof. Während das Wohnhaus und die ehemalige Werkstatt giebelständig zur Straße platziert sind, schließt quer zur Firstrichtung der beiden Hauptgebäude ein knapp 100 Jahre alter Holzstadl das Anwesen nach Süden hin ab. Die nach wie vor als Lager genutzte Scheune ist als einfacher Ständerbau mit Satteldach konstruiert und mit schweren unbesäumten Fichtebrettern verschalt. Ihre Wetterseite liegt zum Hang und war über die Jahre entsprechend stark abfallendem Wasser ausgesetzt. Kontinuierliche Frosteinwirkung hatte das Bruchsteinfundament dort so mürbe gemacht, dass der Stadl schließlich im Westen um ein gutes Stück abgesackt war.
Ein Abriss des charakteristischen Nebengebäudes kam für die Bauherren und Schwiegersohn Max Zitzelsberger, Architekt in München, nicht infrage. Sie lieben ihr Anwesen, das ist auf Schritt und Tritt spürbar – sogar die hauseigenen Puten bewohnen hier ein architektonisch anspruchsvoll gestaltetes Häuschen. So ließ man den Stadl im Westen und Süden anheben und an beiden Seiten ein neues Fundament aus Stahlbeton einbringen. Verfaulte oder zerborstene Konstruktionshölzer wurden ersetzt, gut erhaltene Bauteile wiederverwendet. Dabei beschränkte man sich auf rein zimmermannsmäßige Verbindungen.
Auf die fertige Unterkonstruktion des Westgiebels wurde eine Schicht neuer senkrechter Fichtebretter genagelt. Da der Stadl insgesamt zu hoch ist, um eine durchgehende Brettlänge zu verbauen, ist an den drei Querhölzern der Fassade jeweils eine Fuge angeordnet. Dies machte den Einbau von horizontalen Regenbrettern erforderlich, die – auf Höhe je eines Querriegels gelegen – das Stirnholz der Schalung vor Wasser schützen. Sie teilen die Fassade in vier Felder. Für die Regenbretter wiederum waren Stützkonstruktionen nötig; Max Zitzelsberger setzte dazu schwertartige Konsolbretter ein, die vertikal von Regenbrett zu Regenbrett reichen und die in jedem Feld einen anderen Abstand zueinander einhalten. Die senkrechten Fugen zwischen den Konsolen ließ er mit gesäumten Schalbrettern aus der alten Hülle verschlagen. Auf diese Weise entstand nicht nur ein spannender Wechsel aus Alt- und Neuhölzern, sondern auch eine dynamische Rasterung der Giebelfront. Die Konsolbretter sind mit der Handstichsäge wellenförmig bearbeitet, um der stark gegliederten Fassade mehr Leichtigkeit zu verleihen. Mit einfachen Mitteln ließ sich somit ein Erscheinungsbild schaffen, das Tradition auf moderne Weise weiterentwickelt, das die Konstruktion ablesbar macht und sie gleichzeitig mit einem Ornament verfeinert. (s. auch S. 95)
~Tanja Feil