Kemenate Hagenbrücke in Braunschweig

Aller guten Dinge sind zwei

Wie man ein lokalhistorisch wertvolles Gebäude stärken kann, das im Laufe der Jahrhunderte in eine städtebaulich prekäre Lage geraten ist, zeigen O.M. Architekten in Braunschweig. Mit einem eigenwilligen Anbau verhalfen sie einer Kemenate zu mehr Präsenz im Stadtraum. Und das bereits zum zweiten Mal.

Der Begriff »Kemenate« leitet sich aus dem Lateinischen ab und bezeichnet ursprünglich einen Kaminraum. Als mittelalterlicher Bautyp in zahlreichen norddeutschen Städten ist damit jedoch etwas anderes gemeint: In Zeiten häufiger Stadtbrände und Unruhen war die rückwärtig im Hof gelegene, steinerne und beheizbare Kemenate im Vergleich zum vorherrschenden Fachwerkhaus vor Feuer und Eindringlingen gut geschützt. Sie bot angenehmen, hochwertigen Wohnraum und diente als Lager für wertvolle Güter. Allein das wohlhabende Braunschweig zählte bis zum Zweiten Weltkrieg weit über 100 Exemplare dieses Bautyps, heute hingegen sind lediglich noch drei davon in der Stadt vollständig erhalten.

Daher hat die seit Mai der Öffentlichkeit zugänglich gemachte, zweistöckige »Kemenate an der Hagenbrücke« eine besondere Bedeutung. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert, erhebt sich auf einem nahezu quadratischen Grundriss und wurde einst nördlich eines Wohnhauses errichtet. Diverse Erweiterungen und Umbauten führten im Laufe der Geschichte zu ihrer hofseitigen Erschließung. Nach starker Beschädigung 1944 und dem Wiederaufbau mit östlicher Hofeinfriedung aus Bruchstein (1946-1951) liegt das Gebäude eingequetscht zwischen einer vierspurigen, stark befahrenen Straße und einem großmaßstäblichen Gewerbebau.

Dank der »Karin und Joachim Prüsse Stiftung« ist es unter Federführung von O.M. Architekten gelungen, eines der ältesten Bauwerke der Stadt als Ausstellungsort öffentlich zugänglich zu machen. Das eingespielte Team konnte dabei im wahrsten Wortsinn auf gemeinsame Erfahrungen bauen: Beide Parteien hatten sich bereits im Jahr 2006 ein paar Straßenecken weiter der Jacob-Kemenate angenommen und dafür viel Lob erhalten. Wie damals fanden sie auch jetzt wieder eine kulturelle Nutzung für das Objekt und setzten bei der notwendigen Erweiterung auf Cortenstahl. Das ruppige Material passt bei beiden Kemenaten gut zum bestehenden Bruchsteinmauerwerk und symbolisiert mit seiner augenfälligen Korrosion die Vergänglichkeit der historischen Fachwerkhäuser.

Die bauliche Ergänzung – östliche Teilüberdachung des Innenhofes mit nördlich aufgesetztem OG – ist rundum in Cortenstahlplatten gehüllt; da man aus der Nachbarschaft auf die Dachflächen hinab blickt, zeigen sie ein perfekt durchkomponiertes Fugenbild. Ganz klassisch trennen Glasflächen die neuen Bauglieder vom Bestand.

Vom Foyer, das durch die Überdachung des Hofs entstand, führt eine einläufige Treppe in den oberen Galerieraum. Er ist als langgestreckte geschlossene Box konzipiert, die sich nur an den Stirnseiten öffnet und einen fernrohrgleichen Ausblick bietet. Neue Durchbrüche im historischen Mauerwerk gestatten auf beiden Etagen den Übergang in den Altbau. Zudem erlaubt die zusätzliche Treppe nun einen musealen Rundgang im Zusammenspiel mit dem Bestandsgebäude und ist bei öffentlicher Nutzung gleichzeitig dessen notwendiger Fluchtweg. Bauherr und Planer sind zu beglückwünschen: Sie haben den zuletzt verloren wirkenden Solitär gestärkt und damit städtebaulich aus der Schmuddelecke geholt, gleichzeitig ermöglichen sie dem Publikum, die denkmalgeschützte Anlage wieder neu zu erleben.

~ Hartmut Möller