Handwerk wird modern (Dessau)

~Oliver G. Hamm

Vom Spannungsfeld zwischen Handwerk und Industrie und vom Versuch des Bauhauses, eine Brücke zwischen den Antipoden zu schlagen, erzählt eine Ausstellung im Dessauer Bauhausgebäude – am Originalschauplatz der früheren Weberei im Werkstattflügel. Der erste Raum ist indes einer aktuellen Positionsbestimmung vorbehalten, die belegen soll, wie Designer heute, oft mit einem besonderen sozialen oder ökologischen Impetus, weltweit neue Handwerkskonzepte ausprobieren – mit oft verblüffendem Ergebnis: So verknüpft Alvaro Catalán de Ocón PET-Flaschen, traditionell gewebte Materialien (Pflanzenfasern, Wolle, Baumwolle) und industrielle Beleuchtungstechnik zu einer originellen Leuchte »PET Lamp« – und Dirk Vander Kooij druckt mithilfe eines wiederverwerteten, umgebauten Roboters Möbel aus recyceltem Kunststoff.
Der zweite Raum widmet sich der Werkstattpraxis am Bauhaus und den z. T. heftigen Diskursen um sein Selbstverständnis zwischen handwerklichem Fundament und angestrebter industrieller Massenfertigung. Walter Gropius hatte bei seinem Bauhaus-Konzept von 1916 noch eine Lehranstalt »für Industrie, Gewerbe und Handwerk« vorgeschwebt. Doch schon 1923 – noch in Weimar – grenzte er sich zunehmend vom Handwerk ab: »Das Bauhaus will (…) keine Handwerkerschule sein, (…) sondern es sucht bewusst die Verbindung mit der Industrie; denn das Handwerk der Vergangenheit existiert nicht mehr.« Und retrospektiv (1955) hielt er gar fest: »Die handwerkliche Ausbildung in den Werkstätten des Bauhauses war nicht Endzweck, sondern unersetzliches Erziehungsmittel. Ziel dieser Ausbildung war es, Gestalter hervorzubringen, die durch ihre genaue Kenntnis von Material und Arbeitsprozess in der Lage waren, die industrielle Produktion unserer Zeit zu beeinflussen.«
Von Anfang an herrschte eine gewisse Diskrepanz zwischen den traditionellen Handwerkstechniken und -materialien, die im Grundkurs erlernt und von lokalen Handwerkern, den sogenannten Werkmeistern, in der Tischlerei, der Metallwerkstatt, der Weberei und im Keramikatelier auch gelehrt wurden, und der angestrebten Ästhetik der Moderne. Dieser Widerspruch und das Missverhältnis, das sich auch in der Doppelspitze in den Werkstätten (mit zusätzlich je einem Formmeister, der allein im Meisterrat Stimmrecht hatte) ausdrückte, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Bauhauses. Trotz intensiver Bemühungen um Kontakte zur Industrie, blieb dem Bauhaus eine Hauptrolle bei der industrie- und produktionsgerechten Gestaltung im Sinne einer übergreifenden Industriekultur – wie dies etwa Peter Behrens ab 1907 bei der AEG gelang – verwehrt.
Die Ausstellung in Dessau zeigt erstmals einen Teil des originalen Maschinenparks, aber auch Proben aus den damaligen Materiallagern und – besonders eindrucksvoll – einzelne Objektbiografien, die den Weg vom Prototypen zum Alltagsgegenstand und im besten Falle zum Bestseller nachzeichnen. Einen umfassenden Überblick über die vielen Facetten des Handwerks in den »Laboratorien für die Industrie« – insbesondere im wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Kontext – vermag aber v. a. die im Kerber Verlag erschienene Publikation zu geben.
Bis 7. Januar 2018. Handwerk wird modern. Vom Herstellen am Bauhaus. Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau,Mo-So 10-17 Uhr. Publikation 45 / 35 Euro am Bauhaus Dessau. www.bauhaus-dessau.de