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Draußen (München)

~Karl J. Habermann

Die Ausstellung im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne überrascht mit der gehaltreichen Dokumentation eines neuen Selbstverständnisses im Berufsbild der Landschaftsplaner. Fünf Teams von fünf renommierten Ausbildungsstätten für Landschaftsarchitektur in Berlin, Hamburg, Hannover, Melbourne und München haben sich weltweit nach Aufgabenstellungen für ihre Studenten umgesehen und sind auf erstaunliche Weise fündig geworden. Die gegenwärtigen Wirkungen ungesteuerter Urbanisierung und ihre Folgen für die Lebensbedingungen auf unserem Planeten sind unübersehbar und bedürfen dringend einer intensiven Analyse und der Suche nach Lösungsmöglichkeiten. Den Reigen der Beispiele eröffnet die Megacity São Paulo mit dem toten Fluss Tamanduatei. Der ehemalige Flusslauf ist heute Industrieaue und mit Favelas, also strukturschwachen Siedlungsgebieten, durchsetzt. Es wäre ein Traum, den Fluss als identitätsstiftendes Landschaftselement für die Stadt wiederzugewinnen. Die Studenten dürfen nach intensiver Analysearbeit Ideen am konkreten Beispiel entwickeln. Auch die aufstrebende Stadt Changde in China stellt hohe Anforderungen an den Wasserbau. Hier kommt der Begriff der »Schwammstadt« zum Tragen, denn in Jakarta ist es der Uferbereich des Ciliwung Flusses mit seinen informellen Siedlungen, deren Bewohner von hohen saisonalen Wasserstandsschwankungen gepeinigt werden. Den Beispielen von Kigali in Ruanda, Canaan auf Haiti und Medellín in Kolumbien ist gemeinsam, dass die Gebiete im städtischen Umland zur Besiedelung eigentlich völlig ungeeignet sind. Auf Bali besteht die Gefahr, dass die als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesenen Reisterrassen vom überbordenen Tourismus zerstört werden. Die Stadtentwicklung von Lima in Peru ist von akutem Wassermangel bedroht. Hier wäre die Nutzung von Nebel zur Wassergewinnung eine spannende Idee. Auch in Europa wurde man auf der Suche nach Problemgebieten fündig. Im Speckgürtel von Madrid entstand auf den Flächen ehemaliger Viehtriften, den Cañadas Real Galiana, eine informelle Bandstadt mit nahezu 40 000 Einwohnern. Ein Luftbild im Katalog zeigt einen Ausschnitt des Slums und in der Nachbarschaft nach geplatzter Immobilienblase riesige brachliegende aber voll erschlossene Areale. Den Ausstellungsmachern von Oficinaa ist es gelungen trotz der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit der Projekte Orientierung und optische Ordnung zu erzeugen. Jedes Projekt wird auf einem mit LED hinterleuchteten Megafoto vorgestellt. Wichtige Hinweise sind geschickt »handschriftlich« implementiert. Die jeweils anschließenden Vitrinenzeilen wecken in ihrer sensiblen Gestaltung Assoziationen an frühe Wunderkammern. Videosequenzen klären über die Arbeiten vor Ort auf und bieten zusätzliche wertvolle Informationen. Den Katalog sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Er ist schon wegen der Fülle des angebotenen Materials ein wichtiges Nachschlagewerk und ergänzt die Ausstellung in idealer Weise.

Bis 20. August. Draußen. Landschaftsarchitektur auf globalem Terrain. Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München, Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr, Publikation: 32 Euro, www.architekturmuseum.de