Hydraulikteile-Werk in Kaufbeuren

Mit Präzision

Die neue Produktionsstätte eines Hydraulikspezialisten in Kaufbeuren bietet weit mehr als nur attraktive Fotomotive mit saftig grünen Wiesen und dem Blick zu den Allgäuer Alpen. Die für ihre Industriebauten bekannten Architekten Barkow Leibinger schufen ein Gebäudeensemble, bei dem die Architektur und die Bedürfnisse des Bauherrn und der Mitarbeiter gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

  • Architekten: Barkow Leibinger Tragwerksplanung: Dobler Planungsbüro
  • Kritik: Roland Pawlitschko Fotos: David Franck; Barkow Leibinger, Ina Reinecke
Vermutlich hat kaum je ein Leser dieses Artikels von Proportional-Wegeschiebern gehört – kleinen kompakten Bauteilen zur Steuerung hydraulischer Komponenten, die z. B. in Bau- und Werkzeugmaschinen, Kränen und Erdölbohrgeräten unerlässlich sind. Dass es sich hierbei um Präzisionsbauteile handelt, zeigen u. a. die Vorgaben des Hydraulikspezialisten HAWE, der bei der Fertigung lediglich Maßtoleranzen von maximal 0,002 mm zulässt. Allein angesichts dieses Werts erscheint es fast selbstverständlich, dass in dem in Kaufbeuren eigens und ausschließlich zur Produktion solcher Bauteile errichteten Werk funktional und räumlich absolut klar strukturierte Produktionsabläufe im Mittelpunkt stehen.
Bis zur Eröffnung des Neubaus im Sommer 2014 wurden die Proportional-Wegeschieber in einem Münchner Werk gefertigt, das wegen der in den letzten Jahren stetig steigenden Produktionszahlen zu klein wurde. Im Rahmen einer Analyse, bei der rund 200 bayerische Standorte in Gewerbegebieten im Umkreis von München untersucht wurden, erwies sich das Grundstück am östlichen Rand von Kaufbeuren als ideal. Direkt an der viel befahrenen B12 zwischen Landsberg am Lech und Kempten gelegen, bot es bei einem guten Kaufpreis die Aussicht sowohl auf ein rasch abgewickeltes Genehmigungsverfahren als auch auf ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte aus der Umgebung. Insbesondere jedoch war es groß genug – nicht nur für die heutige Produktion, sondern auch für potenzielle Erweiterungen.
Prozessoptimiert
Nach dem Kauf des Grundstücks lobte HAWE einen Architektenwettbewerb aus, der den teilnehmenden Büros zwar reichlich Informationen zu den Produktionsprozessen bot, dabei aber große Spielräume bei der Gestaltung der Produktionsgebäude ließ. Das letztlich siegreiche Konzept des Architekturbüros Barkow Leibinger überzeugte den Bauherrn von Beginn an durch das tiefe Verständnis für die Betriebsabläufe, das eine Vereinbarkeit von Produktion und Architektur ermöglichte: Auf der einen Seite finden sich vollkommen pragmatisch organisierte Produktionshallen mit effizientem Tragsystem, die unverkennbar ganz im Zeichen wirtschaftlicher und funktionaler Zwänge stehen; auf der anderen Seite kommen spannungsvolle Fassaden sowie das sorgfältig komponierte Zusammenspiel von Holz, Sichtbeton und Profilglas zum Einsatz, insbesondere in den Büro- und Aufenthaltsbereichen. ›
› In einem Überarbeitungsprozess entwickelten Architekten und Bauherr gemeinsam aus dem Wettbewerbsbeitrag mit sieben Gebäuden das heutige Konzept der windmühlenartig um einen begrünten Innenhof angeordneten Produktionshallen. Von diesem geschützten Bereich ist von außen jedoch zunächst einmal nichts zu sehen. Was bei der Annäherung an das Werksgelände hingegen sofort auffällt, ist ein feinsinnig gestaltetes Gebäudeensemble. Dessen weithin sichtbares Charakteristikum sind mit transparenter Wärmedämmung gefüllte Profilglasfelder in Form stehender und an der unteren Ecke gekappter Dreiecke, die nahtlos in ein sich nach Norden öffnendes Sheddach übergehen. Im Wechsel mit großflächig in Aluminiumtrapezbleche gehüllten Fassaden tragen diese prägenden Großformen dazu bei, die bis zu 120 m langen Baukörper optisch zu gliedern. Zugleich sorgen sie für sehr gute Lichtverhältnisse im Innern der Hallen und ermöglichen dank der transparenten Glasfelder im unteren Bereich den Blickkontakt von fast jedem der derzeit rund 350 Arbeitsplätze ins Freie. Umgekehrt erhalten Passanten und Autofahrer auf der B12 durch diese Glasfelder v. a. am Abend, wenn die Hallen gleichsam wie riesige Schatzkästchen zu leuchten beginnen, Einblicke in die Produktion
Besucher, die auf diese Weise beim Rundgang um die Hallen neugierig geworden sind, werden beim Betreten der Eingangshalle erneut überrascht. Hier herrscht nämlich keineswegs nüchterne Fabrikhallenatmosphäre. Vielmehr erscheint dieser leicht aus der Flucht der Produktionshalle gerückte, zweigeschossige Gebäudeteil mit raumhoher Verglasung, ausladendem Empfangstresen, Loungesesseln und skulpturaler Holzlamellenwandbekleidung wie eine Hotellobby. Im EG befinden sich temporäre Büroarbeitsplätze für externe Mitarbeiter, im OG liegen die Büros der Geschäftsleitung sowie Besprechungsbereiche.
Attraktivität und Flexibilität
Vom EG führt ein ganz in samtigem Sichtbeton und transluzentem Profilglas gehaltener Gang – vorbei am nördlichen Mitarbeitereingang – direkt in eine der vier, 8 m hohen Produktionshallen. Obwohl hier keineswegs nur montiert, sondern auch produziert wird, steigt einem lediglich ein leichter Geruch von Maschinenschmierstoffen in die Nase. Der Grund hierfür sind u. a. Anlagen, die unter Schutzabdeckungen vernebelte Kühlmittel absaugen, abscheiden und am Ende gesäuberte Luft entlassen. Eine wesentliche Rolle für die hohe Luftqualität spielt aber auch das Quelllüftungssystem, das für einen dreifachen Luftwechsel pro Schicht sorgt und im Winter (gespeist von einem Blockheizkraftwerk) die Beheizung der Halle übernimmt. Zur angenehmen ›
› Atmosphäre tragen zudem die relative Ruhe (sämtliche lärmemittierende Maschinen sind akustisch wirkungsvoll abgeschirmt) und das dank der Sheddächer hohe und blendfreie Tageslichtniveau bei. Energieeffizientes LED-Kunstlicht wird bedarfsweise mithilfe intelligenter Lichtsteuerungssysteme automatisch zugeschaltet.
Diese Arbeitsplatzqualitäten bilden eine Einheit mit den allgegenwärtigen ordnenden räumlichen Strukturen. So erfolgt die gesamte Versorgung der Maschinen und Arbeitsplätze u. a. mit Frischluft, Strom und Medien über die Decke, sodass der hochbelastbare und vollkommen leitungsfreie Boden vollkommen flexibel einteilbar bleibt und veränderte Produktionsabläufe jederzeit problemlos umsetzbar sind. Zur Flexibilität trägt nicht zuletzt auch das Betonfertigteil-Tragwerk bei, dessen Stützenraster (12 x 24 m) maximale Freiheit in der Grundrissgestaltung schafft. Aussparungen in den Betonbindern reduzieren dabei nicht nur das Gewicht und ermöglichen die Durchführung von deckengeführten Leitungen. Sie lassen auch das durch die Sheddächer einfallende Tageslicht bis tief in die Hallen strömen.
Treffpunkt in der Mitte
Grundsätzlich sind die hinsichtlich ihrer Abmessungen unterschiedlichen, strukturell aber identischen Hallen so angeordnet, dass die Produktion ausgehend von der Anlieferung der Rohmaterialien in der südlichen Halle über die Bohr- und Feinbearbeitung bis hin zur Endmontage und Auslieferung der fertigen Proportional-Wegeschieber im Uhrzeigersinn abläuft. Dazwischen ordneten die Architekten jeweils einen verbindenden Bereich an. Hier befinden sich Durchgänge zum Transport der teilbearbeiteten Werkstücke mittels personengeführter Routenzüge, v. a. aber dienende, unmittelbar der jeweiligen Hallennutzung zugeordnete Bereiche wie etwa Toiletten, Umkleiden, Materiallager, Werkstätten, Mess- und Technikräume sowie Büros und Besprechungsbereiche. Letztere orientieren sich insbesondere zum zentralen Innenhof, der zugleich das soziale Herz des Produktionsstandorts bildet – nicht zuletzt wegen der im 1. OG situierten Kantine. Die Innenhoffassaden erinnern dank der raumhohen Verglasung und der dunklen Blechbekleidung an den bereits erwähnten Eingangsbereich, und ähnlich wie das Eingangsgebäude versprüht auch der Innenhof einen geradezu urbanen Charme. ›
› Es gelingt, den im Hof für kurze Pausen, informelle Gespräche oder zum Mittagessen aus den Industriehallen auf der »grünen Wiese« zusammenkommenden Mitarbeitern eine wirklich regenerative Auszeit zu verschaffen. Ein zur Umgebung orientierter Pausenbereich wäre im Gegensatz hierzu überdies nie in der Lage gewesen, die Belegschaft im gleichen Maße als Gemeinschaft zu zelebrieren.
Dass beim Produktionswerk in Kaufbeuren am Ende jedes Planungsdetail in irgendeiner Weise als Baustein dazu beiträgt, die Gesamtqualität zu heben, hat zum einen mit einem hohen architektonischen Anspruch zu tun, den HAWE auch an all seine anderen Firmenstandorte stellt. Zum anderen ist sich das Unternehmen aber auch bewusst, dass es als Hersteller von Präzisionsprodukten unerlässlich ist, den Begriff Qualität und eine gewisse Detailverliebtheit – für die Kunden gut sichtbar – auch in den Firmengebäuden fest zu verankern. Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus die Wirkung auf die derzeitigen und zukünftigen Mitarbeiter, die sich letztlich stets für den attraktivsten Arbeitgeber entscheiden. •
  • Standort: Karl-Heilmeier-Straße 1, 87600 Kaufbeuren Bauherr: HAWE Hydraulik SE Architekten: Barkow Leibinger, Berlin; Frank Barkow, Regine Leibinger Projektteam Entwurf: Martina Bauer, Natascha Bauer, Frederic Beaupere, Aki Nagazaka, Ruwen Rimpau, Morihide Seki, Jens Wessel Projektteam Ausführung: Lukas Weder, Matthias Anke, Franz Brunnert, Ulrich, Fuchs, Johannes Gestering, Michael Johl, Henrike, Kortemeyer, Arne Löper, Mathias Oliva Y Hausmann, Andrea Hronjec, Ruwen Rimpau, Morihide Seki, Antje, Steckhan, Jonas Troescher, Tim Unnebrink Tragwerksplanung: Dobler Planungsbüro, Kaufbeuren Projektsteuerung: Ingenics, Ulm Bauleitung, Ausschreibung, Objektüberwachung: Höhler + Partner, Aachen HLS-Planung: Albrecht, Kammlach Elektroplanung: Christian Kaindl, Nandlstadt Energiekonzept: Rögelein + Partner Ingenieure, München Fassadenplanung: Priedemann Fassadenberatung, Berlin Bauphysik: Müller-BBM, Planegg Landschaftsarchitektur: Stefanie Jühling, München BGF: 50 039 m² BRI: 458 826 m³ Baukosten: keine Angabe Bauzeit: Juli 2012 bis September 2014
  • Beteiligte Firmen: Pfosten-Riegel-Konstruktion: Schüco, Bielefeld, www.schueco.com Profilbauglas: Pilkington, Tokyo, www.pilkington.com Sonnenschutzverglasung: Lamilux, Rehau, www.lamilux.de Sonnenschutz: Warema, Marktheidenfeld, www.warema.de Hallendach: Domico, Vöcklamarkt, www.domico.at Trennwände: Strähle, Waiblingen, www.straehle.de Stahlrahmentüren: Forster, Arbon, www.forster-profile.ch Abgehängte Metalldecke: Durlum, Schopfheim, www.durlum.de Tore: Efaflex, Bruckberg, www.efaflex.de; Hörmann, Steinhagen, www.hoermann.de Aufzugsanlagen: Otis, Berlin, www.otis.com Bodenbeschichtungen: Sto, Stühlingen, www.sto.de Elektroschaltersystem: Jung, Schalksmühle, www.jung.de Leuchten: Zumtobel Lighting, Dornbirn, www.zumtobel.com; XAL, Graz, www.xal.com Fliesen: Agrob Buchtal, Alfter-Witterschlick, www.agrob-buchtal.de; Mosa, Maastricht, www.mosa.nl; Vidrepur, Almassora, www.vidrepur.com Innentüren: Neuform, Erdmannhausen, www.neuform-tuer.com; Novoferm, Isselburg, www.novoferm.de Möblierung: Vitra, Birsfelden, www.vitra.com
1 Empfang 2 Büros 3 Ausbildung 4 Produktionshalle 5 Anlieferung 6 Warenausgang 7 potenzielle Erweiterung
Vertikalschnitt, M 1:25 1 Aluminium, gekantet, silbern bandbeschichtet, 3 mm 2 Stahlkassette, verzinkt, mit Mineralwolle ausgedämmt 3 gekantetes Stahlblech als Konsole für Fassade, verzinkt, silbern beschichtet, 5 mm 4 Profilglas, zweischalig, mit transparenter Wärmedämmung im Systemrahmen 5 Shed-Oberlichtverglasung, mit Dreifach-Isolierverglasung 6 Stahlbetonbinder mit abgerundeten Aussparungen für Leitungsführung, Fertigteil, 600 x 1400 mm 7 L-Sonderprofil aus Aluminium, verdeckt geschraubt, schwarz eloxiert 8 Schweißprofil, verzinkt, silbern pulverbeschichtet, 70 x 180 x 70 x 16 mm 9 Stahlbetonstütze, Fertigteil, 600 x 600 mm 10 U-Schweißprofil, verzinkt, silbern pulverbeschichtet, 120 x 210 x 120 x 15 mm 11 Stahlstütze HEA 220, verzinkt, silbern pulverbeschichtet, mit Fußplatte auf Betonfertigteil-Sockel befestigt, mit Ankerschienen an Stahlbetonstütze rückverankert 12 Türelement, Zweifach-Isolierverglasung 13 Stahlbetonsockel, Fertigteil
14 Dachaufbau: Stehfalzdeckung aus Aluminium, silbern beschichtet diffusionsoffene Abdeckbahn
trittfeste Dämmung aus Mineralwolle, 80 mm
Stahlkassette, mit Mineralwolle, 140 mm ausgedämmt Hohlraumdämmung aus Mineralwolle, vlieskaschiert Akustikelement aus gekantetem Stahlblech, perforiert, silbern beschichtet 15 Tragprofil Systemdach aus gekantetem Stahlblech 16 Kopfplatte als Auflager für Dachelement, verzinkt, beschichtet 17 Stahlprofil zur Befestigung der Oberlichtverglasung 18 Bodenaufbau: rutschhemmende Beschichtung, Epoxydharz, 2,5 mm Stahlfaserbeton, flügelgeglättet, schwimmend, 250 mm Trennlage Perimeterdämmung, XPS Hartschaumplatten, 80 mm Sauberkeitsschicht, 50 mm Kies, 600 mm 19 Ankerschienen in Betonfertigteilstütze 20 Stahlstütze HEA 220, verzinkt, mit Fußplatte auf Betonfertigteil-Sockel befestigt, mit Ankerschienen an Stahlbetonträger rückverankert 21 Stahlkassetten, mit Mineralwolle ausgedämmt, silbern beschichtet, 145 x 600 mm 22 Trapezbleche aus Aluminium, silbern beschichtet, 40/100 mm 23 Aluminium Winkel, verdeckt geschraubt, schwarz eloxiert
Horizontalschnitt, M 1:25

Kaufbeuren (S. 52)

38827403882741

Barkow Leibinger
Frank Barkow
1957 in Kansas City (USA) geboren. Architekturstudium an der Montana State University und der Harvard University. Seit 1993 gemeinsames Büro mit Regine Leibinger in Berlin. Lehraufträge u. a. an der Architectural Association und am Royal College of Art in London, an der Cornell University in Ithaca, New York, und der Harvard University.
Regine Leibinger
1963 in Stuttgart geboren. Architekturstudium an der TU Berlin und der Harvard University. Seit 1993 gemeinsames Büro mit Frank Barkow in Berlin. Lehraufträge u. a. an der Architectural Association in London und der Harvard University, seit 2006 Professur an der TU Berlin.
Roland Pawlitschko
1969 in Stuttgart geboren. Architekturstudium in Karlsruhe und Wien. Architekturtheoretische Arbeiten, Ausstellungen und Architekturführungen. Seit 1999 Architekt und freier Autor in München.