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Leonardo Benevolo (1923-2017)

~Nikolaus Bernau

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Es gibt nicht viele Architekturbücher, die über mehr als vier Jahrzehnte Einfluss ausüben, immer noch in Büros und von Studierenden benutzt werden, geradezu zum Klassiker wurden. Die 1975 erstmals veröffentlichte, in viele Sprachen übersetzte »Geschichte der Stadt« des italienischen Architektur- und Stadtbauhistorikers Leonardo Benevolo gehört dazu. Ein dicker Wälzer, der zur großen Tradition der französischen Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts gerechnet werden kann mit seinem recht offenen Blick in die Welt: Lange, bevor etwa der Bauboom Chinas begann, wurden hier die Grundkenntnisse über den klassischen Städtebau Chinas zusammengetragen. Oder jene zum Städtebau in Afrika, in den spanischen, portugiesischen, britischen Kolonien Amerikas und Asiens. Diesen Band prägt eine Weltsicht, um die – in der Trennung in Europa/«Außereuropa« – selbst ethnologische Museen bis heute oft ringen.
Der am 5. Januar im norditalienischen Brescia im Alter von 93 Jahren verstorbene Benevolo wollte als Architektur- und Stadthistoriker genau dies mit seinen Büchern, Aufsätzen, kaum zählbar vielen Vorträgen und der Lehre an den Universitäten etwa von Rom, Neapel, Florenz und Venedig erreichen: das eigene Sehen anregen, den Vergleich von traditionellen, oft in Jahrtausenden bewährten und modernen Ideen und Formen. Deswegen pflegte er eine leichte, niemals in entsetzliche Architektensprache abgleitende Schreibkultur. Statt noch Ziegelscheunen zum erlesen urtümlichen Bau zu verklären, setzte er auf Bilder und klare Worte, auf die Eigenerkenntnis, die Kritikfähigkeit seiner Leser. Dass er, darin ganz Italiener, die Baukultur der Halbinsel als den Maßstab für Qualität ansah, sogar im Buch über die Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, sei dahingestellt. Zeigte sich doch auch in diesem etwas viel Wichtigeres: Kaum etwas verachtete Benevolo so sehr wie die Wegwerfkultur des späten Industriezeitalters. Immer wieder setzte er ihr die Nachhaltigkeit der alten Städte entgegen – ohne dabei in jene ästhetisierende Sentimentalität zu verfallen, die von der »Schönheit« der alten Bilder schwärmt und die Rauchwolken aus den Fabrikschornsteinen übersieht. Benevolo lesen, das wird noch lange ein Ereignis bleiben.