Erwachendes Klimabewusstsein: neue Glashüllen

Liebe db,

es ist Juli, und während die einen die Klimaanlagen auf die höchste Stufe stellen, zeigen sich andere umweltbewusster und setzen auf den klassischen Handfächer. Hauptsache, es schafft wieder etwas Energie im Körper. Energie effizient zu nutzen, wird auch den Spaniern immer wichtiger. Die Sonne ist dabei Protagonist. Seit die spanische Regierung 1998 die Förderung regenerativer Energien zum Ziel machte, wirft sie einiges an Einspeisevergütungen für photovoltaischen Strom auf den Markt. Die anfänglichen 20 Cent/kWh wurden 2004 verdoppelt und damit begann der Solarboom erst richtig. Besonders in Andalusiens Altstädten prangen PV-Module und Solarkollektoren auf vielen Dächern. 2008 reduzierte die Regierung die Vergütung erst einmal wieder auf rund 32 Cent. Die Regierung fördert dazu energieeffiziente Neubauten und Sanierungen. Ihr »Plan de Acción 2008 a 2012« fordert erstmals auch die Optimierung der Gebäudehülle, ein ehrgeiziges Ziel. Denn bisher schienen hier weder spanische noch ausländische Architekten klimatische Anforderungen an die Fassade zu stellen, frei nach dem Motto »wird ja eh nicht kalt«. Zu kurz gedacht: Erstens sind Spaniens Gebirge im Winter durchaus mit Schnee bedeckt, und zweitens ist auch die Hitze ein riesiges Problem. Die modernen Beton-Glas-Bauten bringen erhebliche Kühllasten mit sich. Wer bisher in Spanien Klimaanlagen vertrieb, durfte sich eines guten Umsatzes erfreuen. Die Bereitschaft zum Schwitzen sank mit dem Wachstum der spanischen Wirtschaft und des Lebenskomforts. Zudem sind auch hier monolithische Glasfassaden ein Zeichen für den Glauben an eine glänzende Zukunft, kaum eine Bank oder ein Unternehmen verzichtet gerne darauf. So wie im neuen Finanzdistrikt Madrids, indem gleich mehrere neue Glashochhäuser der Hitze und der Krise zu trotzen versuchen. Die Türme überragen die Skyline der Stadt. Sieht so etwa das neue Spanien aus – die spiegelnde Austauschbarkeit? Glasfassaden können aber auch anders aussehen, so wie beim Roca Showroom [1] in Barcelona, geplant von Carlos Ferrater. Der niedrige Ausstellungspavillon besitzt eine zweischichtige Fassade, eine Schicht aus herkömmlichem Glas und davor eine zweite aus vertikalen Glasbändern, die das Licht bricht und tagsüber semitransparente Flächen erzeugt. Nachts beleuchten LEDs die Lamellen und erzeugen einen opaken Lichtvorhang als dritte Fassadenebene. Glas, Licht und Farbe setzt auch das Architekturbüro Isuuru ein, um den Blick nicht nur auf Spanien zu verändern: Im Kulturzentrum Casa de la Paz y de Derechos Humanos [2] im Aiete Park in San Sebastián sind Tageslicht und Sicht Teil eines politisch-gesellschaftlichen Ausdrucks. Das Areal samt Palastbau war urspünglich die Sommerresidenz des Diktators Franco. Der Anspruch des neuen Kulturzentrums ist daher, an Demokratie, Frieden und Menschenrechte zu gemahnen, und u. a. mit bunten Dreiecks-Glaspaneelen Sichtweisen zu verändern. Ein Bruch mit Altem ist auch ein neues Material, das seit der Jahrtausendwende angesagt ist: das Polycarbonat. Es ist günstiger und leichter als Glas, sorgt für blendfreie Innenräume und unterstützt den monolithischen Gebäudecharakter und fast jede Bauform. Als Alternative zu Glas ist es auch klimatisch etwas sinnvoller, obwohl auch hier die Klimaanlage meist das ausgleicht, was der fehlende Sonnenschutz an Kühllasten bringt. V. a. aber baut es sich mit Polycarbonat schneller und leichter, so wie es f451arquitectura bei der Aula [3] der privaten Universität Pompeu Fabra in Barcelona machten. Polycarbonatpaneele und die Stahlkonstruktion ermöglichten hier eine schnelle Vorfertigung und Montage der Bauteile, damit kurzfristig Platz für mehrere Seminarräume, Arbeitsplätze und einen Vortragssaal entstand. Obwohl die Aula als temporärer Bau geplant wurde, ist sie auf eine Nutzungsdauer von zehn Jahren ausgelegt, und kürzlich wurden die Architekten um eine Studie für einen noch längeren Betrieb gebeten.
Die reine Energiebilanzierung als Zahlenrechnung, wie sie in Deutschland gerne praktiziert wird, ist des Spaniers Sache nicht. Nachhaltigkeit, Licht und Transparenz in Gebäuden stehen für viele hiesige Architekten auch in einem sozialen, politischen oder baukulturellen Zusammenhang. Wenn auch ihre Zukunftsvision technisch geprägt ist, so unterscheidet sich ihre Architektur sehr von den monotonen Glastürmen in Madrid. Der Architekt Enric Ruiz Geli kreiert z. B. in seinem katalanischen Büro Cloud9 mit Hilfe von Bionik, Elektronik, CAD, CNC und Physik amöbenhafte Hausgebilde aus neuen Materialien. Die Gebilde sind eine Reaktion auf massentouristische, künstliche Klischeestädte und auf investmentoptimierte Stadtteile. So baute Cloud9 ein multifunktionales Gebäude, das Media-Tic-Bürogebäude [4] im Poble Nou, derzeit Barcelonas größtes Stadtumbauvorhaben (s. db 5/2010, S. 12). Die Media-Tic ist in etwa so rau wie die Geschichte des Ortes: löchrig, mit einer scheinbar provisorischen Hülle aus Folien, Netzen und Luftkissen, die die gigantische Stahlkonstruktion sichtbar lässt – der Eindruck einer eingefrorenen Maschine. Den Sonnenschutz übernehmen hier Metallgitter und opake Luftkissen. Diese sind an ihrer Außenseite mit undurchlässigen Punkten versehen. Über den Luftdruck in den Kissen lassen sich die Oberflächen spannen und damit die Verteilung der Punkte und der Lichteinfall dazwischen regulieren.
Während der Spanier sich die Haut bräunt und Luft zufächelt, wappnen sich die Universitäten für den erneuten Sturm im Herbst, auf Masterstudiengänge zu Klimadesign und energetischem Bauen. Die nachfolgende Generation will es wissen und schwitzt schon jetzt für die Energieeffizienz.
Saludos cordiales, ~Rosa Grewe
Rosa Grewe liebt Flamenco, das Mittelmeer – und spanische Architektur. Für ein Jahr streift sie quer über die iberische Halbinsel und entdeckt Stadt, Land und Stadtrand, Küste und Landschaft, Unterschiede und Bekanntes. Sie studierte Architektur in Darmstadt und ist seit 2006 Architekturjournalistin.