Krematorium Friedhof Feldli

… St. Gallen (CH)

~Hubertus Adam

Veraltete Betriebstechnik, neue Emissionsstandards, aber auch die gestiegene Zahl der Einäscherungen führten die Stiftung Krematorium St. Gallen zur Entscheidung, einen Neubau zu errichten. Dieser entstand hangabwärts in direkter Nachbarschaft seines Vorgängerbaus, der in den 80er Jahren bereits das erste Krematorium in St. Gallen inmitten einer dreiflügeligen Urnenhalle von 1903 im neoklassizistischen Stil ersetzt hatte.

In einem Studienauftrag auf Basis einer Präqualifikation konnten sich der ortsansässige Architekt Andy Senn und die Landschafsarchitektin Rita Mettler 2012 gegen eine internationale Konkurrenz namhafter Kollegen durchsetzen. Kompaktheit, Funktionalität, räumliche Organisation und Einbettung in den Friedhof überzeugten die Jury, lediglich ein großes Pyramidendach über dem Ofenhaus wurde als »überhöhtes Symbol am falschen Ort« gewertet und kam somit nicht zur Ausführung. Der L-förmige Komplex mit Flachdächern wird nun vom Volumen des Ofenhauses und der vertikalen Dominante des Schornsteins überragt. Zur Erschließungsstraße im Westen hin öffnet sich das Gebäude in einer einladenden Geste: Ein Gartenhof schiebt sich zwischen den Verwaltungs- und Betriebstrakt sowie die Pfeilerkolonnade, durch welche die Besucher zum Eingang gelangen – oder auch zum Friedhof. Auf der Ostseite zeigt sich das Gebäude blockhafter als kompaktes Volumen. Eher ungewöhnlich für die Schweiz ist die All-over-Bekleidung aus dunkelbraunen Wasserstrich-Klinkern, die auch im Innern ihre Fortsetzung findet. Die Entscheidung überzeugt: Die Ziegel beleben nicht nur das Gebäude, durch das Abwechseln von Wänden im flämischen Verband mit Filtermauerwerk gelingt überdies eine subtile und diskrete Verbindung von Innen und Außen. Dies zeigt sich insbesondere bei der »Kultraum« genannten Halle, in der die Trauergemeinde dem Einführen des Sargs in den Ofen beiwohnen kann. Historisch gesehen vereinte die Bauaufgabe Krematorium Elemente des Sakral- und des Industriebaus, wobei häufig versucht wurde, die technischen Aspekte vor den Augen der Besucher zu verbergen und mithilfe einer Versenkungsanlage während der Zeremonie eine Erdbestattung zu imitieren. Gewandeltes Trauerverhalten führt nun dazu, dass der Prozess der Verbrennung selbst Thema werden kann und eine stimmige Lösung wie in St. Gallen ermöglicht, wo der Architekt alle Bereiche des Gebäudes mit gleicher Sorgfalt behandelte.

Standort: Hätterenstraße 10, CH-9000 St. Gallen
Architekten:
Andy Senn, St. Gallen (CH)
Bauzeit:
ab Mitte 2014, Inbetriebnahme: Oktober 2016