Foto: Bert Heinzelmeier, München
Baugruppen-Projekt mit Hotel

Neu in Garmisch

~Ursula Baus

Statt eines Fünf-Sterne-Hotels wünschte sich ein Bürgerverein in Garmisch ein »lebendiges Quartier«, wozu im Jahr 2009 Vorschläge erarbeitet und 2011 ein Architektenwettbewerb durchgeführt worden war. Lag auf dem ersten Rang ein konventionelles Projekt mit acht Einfamilienhäusern, überzeugte das zweitplatzierte Konzept mit verdichtetem Wohnungsbau, für den sich nach Gründung einer geeigneten Initiative eine große Gemeinderats-Mehrheit fand. Jetzt wohnen hier 27 Familien, organisiert als Baugruppe.
An einer Grundstücksseite wurde ein Hotel als eine Art Schallschutzwand für den Quartiersfreiraum gebaut, unter dem sich eine Tiefgarage verbirgt. Ein reizvolles Holzornament an der Hotelfassade (Lüftungsflächen), das in Anspielung auf ein bestehendes Wohnhaus entwickelt wurde, widerlegt einmal mehr das Klischee, zeitgenössisches Bauen verarme im ungemütlichen Purismus. An den dahinter liegenden Längsseiten entstanden sieben giebelständige Haus- beziehungsweise Wohnungstypen. Zahlreiche Treppen-, Küchen und Bädervarianten lassen ahnen, dass die Arbeit für die Architekten mühsam war: Mit jeder Familie wurde ein separater Architektenvertrag geschlossen. Im voll bezogenen Quartier haben sich indes alle Bewohner die vielfältigen Räume angeeignet – das verträgt die Architektur bislang tadellos.
Das Garmischer Projekt darf modellhaft für kaum zählbar viele Städte gelten, die über innerstädtische Entwicklungsgebiete gleich welcher Größe verfügen. Baugruppen gehören keineswegs nur in hippe Großstadt-Quartiere, sondern können in Städten aller Größenordnungen zweierlei leisten: bezahlbaren Wohnraum und eine identitätsstiftende Stadterneuerung. Denn das Projekt in Garmisch-Partenkirchen zeichnet sich über die verdichtete Wohnart hinaus auch dadurch aus, dass mit der Architektur an ortsgebundene Traditionen angeknüpft wurde. Ein Blick auf andere Garmischer Neubau-Angebote lehrt das Fürchten, weil Banalität und peinliche Verhübschung allzu oft ein schauderhaftes Bündnis miteinander eingehen. Nun soll rund um den Garmischer Bahnhof ein weiteres Wohnquartier entstehen: In modischer Aussprachskombination »moun10« getauft, weist jener Entwurf leider auf das ortsuntypische Einerlei einer Immobiliengesellschaft.
Standort: St.-Martin-Straße 26, 82467 Garmisch-PartenkirchenArchitekten: Beer Bembé Dellinger, Greifenberg/MünchenBauzeit: Januar 2014 bis Dezember 2016