Foto: Hélène Binet, London
Bremer Landesbank

Neu in Bremen

~Jürgen Tietz

Es muss das Bremer Selbstverständnis schwer getroffen haben, dass ihre kriselnde Landesbank kürzlich von der Nord-LB übernommen wurde. So wirkt der Neubau am Bremer Domshof wie ein Abgesang auf die einstige Unabhängigkeit. Anstelle einer 60er-Jahre-Erweiterung, zieht sich der neue Baukörper auf die historische Straßenflucht zurück, um zuvor verstellte Blickbezüge wieder zu ermöglichen. Zugleich stellt die mit kunstvollen Lisenen, Strebepfeilern und Rundungen heftig bewegte rote Ziegelfassade die Frage nach Referenzen im Bremer Zentrum: Warum (Fritz) högert und (Bernhard) hoettgert sie so übermäßig? Will sie auf der Suche nach einer regionalen Bremer Modernetradition der Böttcherstraße Konkurrenz machen? Wo bleibt da das hanseatische Understatement? Und warum ziselieren die beiden Staffelgeschosse mit ihrer hellen Terracottabekleidung dieses Übermaß an Dekor noch weiter aus?
Dem traditionell ausgeprägten Repräsentationsbedürfnis von Geldinstituten ist wohl der sakral anmutende, abgetreppte Portalbogen des Eingangs geschuldet, der sich im Innern zu einem schönen Windfang »zurücktreppt«. Ohnehin das Innere: Verdienstvoll ist das öffentlich zugängliche Oval des Innenhofs, mit weiß geputzten Wänden und einer wie gewebt wirkenden Pflasterung des Bodens – Semper lässt grüßen. Ein Motiv, das in der lichten Kassenhalle aufgegriffen wird. Da sich der Bankneubau auch hinter die historistische Fassade des angrenzenden Ursprungsbaus der Bank schiebt, konnten Geschossversprünge zwischen den Bauteilen aufgehoben werden. Wandvertäfelungen aus dunkler Eiche und abgerundete Ecken verleihen den Besprechungsräumen eine gediegene aber nicht einschüchternde Wirkung – mit zauberhaften Ausblicken auf das innerstädtische Herz Bremens. Bemerkenswert sind die großzügigen Arbeitsgeschosse, mit breiten Fluren und innenliegenden Besprechungsräumen, deren Wände sich in jaguarschönem British Racing Green zeigen. Die Regelgeschosse offenbaren zudem, wie souverän das Haus für die bis zu 500 Mitarbeiter funktioniert und wie viel Tageslicht trotz steinerner Fassade eindringt. Das Beste aber heben sich Adam Caruso und Peter St. John für den krönenden Abschluss auf, mit den nach unten verjüngten Betonstützen des Mitarbeiterrestaurants unter dem Dach. Der frische Raum mit seinen elegant aus der Dachfläche geschälten Fensteröffnungen wirkt wie ein Befreiungsschlag und steht der allzu dekorverliebten Suche nach der verlorenen Tradition an der Fassade gegenüber, die sich in ihrer ebenso bewundernswerten wie kleinteiligen Gelehrsamkeit zu verlaufen droht.
Standort: Domshof 26, 28195 BremenArchitekten: Caruso St John Architects, London Eröffnung: August 2016