Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum
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Anneliese Brost Musikforum Ruhr

Neu in Bochum

~Jan Rinke

Die Elbphilharmonie sei es nun nicht, meint die ältere Dame, die mich auf meinen Hinweis, der Kritiker müsse ein Gebäude zwingend in seiner Nutzung erleben, kurzerhand überredet, die Pause zum Einblick in den Saal zu nutzen und auf einem freien Platz die zweite Konzerthälfte zu genießen. »Aber zeitig fertig geworden«, erwidere ich der Bochumerin, die zu Recht die Saalakustik lobt. Mit schlechtem Gewissen gegenüber der Einlasskontrolle erlebe ich den Zusammenklang von Raum und Orchester. Der differenzierte Klang überzeugt auch auf den vermeintlich billigsten Plätzen – auf der Galerie und quer zum Podium. Honigfarben kirschbaumholzvertäfelte Brüstungen fassen den lang gestreckten Raum, die konkaven Stirnseiten verleihen dem quaderförmigen Volumen einen runden Anschein. Holzstabgitter bilden die Decke und akustisch wirksame Raumerweiterungen neben dem Podium. Mit einer zweiten Gitterschicht überlagert erzeugen sie ein textiles Geflechtbild, dessen geschwungenes Moiré-Muster den Wellencharakter von Klang assoziieren lässt. Netz und Schiffsbug als Bilder erinnern den aufmerksamen Besucher an biblische Szenen, die er zuvor in bewahrten 50er-Jahre-Sgrafitti der neugotischen Marienkirche gesehen hat. Wenn Carolin Emcke in ihrer Friedenspreisrede Musik als Zugang zu Kirche nannte, dann wird dies hier in Architektur sichtbar. Der lichte Kirchenraum wurde zum Foyer des Musikforums umgenutzt und bietet darüber hinaus auch Flächen für Sonderveranstaltungen.
Die hell beigefarbenen Ziegelfassaden der seitlich an das Kirchenschiff angedockten Konzertsäle mit ihren Nebenräumen nehmen das Material der aus rotem Ziegel errichteten Kirche auf, kontrastieren aber farblich. Sie sind über eine eingeschossige Zwischenzone an den Altbau angeschlossen. So bleibt der Blick auf die hohe Kirchenfassade unverstellt, und so wirken sie nicht wie neben dem Bestand abgestellt, sondern bilden mit diesem eine Einheit. Das Resultat zeigt ein differenziertes Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Alt und Neu. So korrespondiert auch das Stabwerk im Saal mit den Kirchenfenstern.
Das Musikforum ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Umnutzung eines erhaltenswerten Raums nicht durch eine komplett neue Hauptnutzung erfolgen muss. In Bochum ist die ehemalige Marienkirche nur dienendes Foyer und doch der Hauptakteur im Ensemble. Dieses muss man gesehen und gehört haben!
Standort: Viktoriastraße 64, 44787 Bochum
Architekten: Bez + Kock Architekten, Stuttgart
Bauzeit: April 2013 bis Oktober 2016

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