Zukunftsthemen

Eine Wohnung in einer Großstadt in drei kleinere umzuwandeln – das ist im Zuge gestiegener Nachfrage nach Wohnen in der Stadt zeitgemäß und nachhaltig. Wie dies architektonisch reizvoll und mit geschickter Ausnutzung eines begrenzten Raumvolums geschehen kann, zeigt das von batlab architects 2016 realisierte Projekt 3in1 in Budapest. Umnutzung, Rückbau, und natürlich auch Energie – ja, das sind Zukunftsthemen beim Bauen. Aber Licht? Die Landesmesse Stuttgart als Veranstalter der Tagung »Architekt & Ingenieur im Dialog« hat auch dieses zum Zukunftsthema erklärt, als sie am 31. März während der eltefa-Fachmesse zum »Pflichttermin für alle, die an den Zukunftsthemen Energie und Licht interessiert sind«, einlud. Doch wurde gerade auch die Haustechnik, zu der die Lichttechnik nun mal dazugehört, in den ersten beiden Themenblöcken »Energie« (Untertitel »Suffizienz und Effizienz«) und »Licht« kritisch unter die Lupe genommen (viel oder wenig, Sinn oder Unsinn?). Der Lichtplaner Peter Andres verdeutlichte beispielsweise, wie sehr auch ein vernünftiges Lichtkonzept in die Gebäudeenergieeffizienz hineinspielt – wenngleich selbst ein LEED-Platin-zertifizierter Bürobau mit einem »Wahnsinns-Aufwand« beleuchtet würde. Dass wir oftmals in die falsche Richtung steuern, machte auch der Haustechnik-Ingenieur Gerhard Hausladen mit seiner wie immer überzeugenden Rede deutlich: Frei vorgetragen und zunächst ohne ablenkende Beamer-Folien konnten die Zuhörer sich rein auf das Gesagte konzentrieren. Etwa dann, als ihm (trotz DGNB-Mitgliedschaft) ein »Wir zertifizieren Nachhaltigkeit, als ob es da was zu zertifizieren gäbe!« über die Lippen kam. Unter dem provokanten Titel »Energieeinsparung versus Nachhaltigkeit« erweiterte er den Blick auf Dinge, die inzwischen beim Bauen oft in Vergessenheit geraten, rückte bestimmte Gegebenheiten wieder ins rechte Licht und sprach sich für mehr Robustheit beim Bauen aus. Den im Zuge von Nachhaltigkeit jederzeit sinnvollen Blick in die Schweiz lieferte die Architektin Katrin Pfäffli, die mit der Definition »Qualität statt Quantität« den Suffizienz-Gedanken aufgriff und auf in diesem Sinne herausragende Bauten sowie die derzeitigen energiepolitischen Ziele in der Schweiz verwies.

Nach diesen Zukunftsszenarien war ein Blick nach Wien eine gute Abwechslung, den Lichtplanerin Iris Podgorschek (nach einem anfänglichen Exkurs zu unnötigen Lichtemissionen) u. a. mit fliegenden Teppichen lieferte: Für ein Kunstprojekt hatte ihr Büro aus Licht gewobene Knüpfteppiche, die in echt im Kunstmuseum MAK zu sehen sind, in die Eingangsbereiche der prächtigen Bauten in der Wiener Herrengasse projiziert. 7 min lag der Teppich, dann rollte er ein, um nach einer halben Minute wieder auszurollen.
Diese Projektvielfalt und unterschiedlichen Ideen aus Planung und Entwicklung sprechen für das Konzept, Architekten und Ingenieure »im Dialog« antreten zu lassen – auch wenn eine (nicht nur dem Moderator vorbehaltene) offene Fragerunde wünschenswert gewesen wäre, um auch mit dem Publikum in einen kritischen Dialog zu den genannten Zukunftsthemen einzusteigen.
Wer sich ganzheitlicher mit dem anhaltenden Trendthema Nachhaltigkeit auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch »Ökoroutine – Damit wir tun, was wir für richtig halten« von Michael Kopatz empfohlen. Welche Vielfalt an Ansätzen es gibt, um umweltfreundlich zu handeln, fasst der Sozialwissenschaftler in dem 2016 beim Verlag oekom erschienenen Werk zusammen. Kurz und nachvollziehbar erklärt er, warum wir bislang »nicht tun, was wir für richtig halten« – und was geschehen muss (politisch bis eigeninitiativ), damit wir auch im Alltag so handeln können, wie es unserem (eigentlich hohen) Umweltbewusstsein entspricht. Dies betrifft alle Lebensbereiche, etwa – so auch die Kapiteleinteilung – das Essen, Wohnen und Einkaufen, das Fortbewegen, Arbeiten oder die Wirtschaftsförderung. Die Stärke des Buchs liegt v. a. in der Bündelung, ja der geballten Deutlichkeit jener seit Jahren bestehenden Ideen und Konzepte (wohlbemerkt mit über 600 Quellenverweisen). Es liefert somit Inspiration, »frappierend einfache und überzeugende Handlungsvorschläge« (Ernst Ullrich von Weizäcker), konkrete Maßnahmen statt ferner oder gar abstrakter Ziele und deprimierender Sachstandsberichte, »Therapie«-Möglichkeiten statt »Diagnosen«. Das Buch zeigt so hauptsächlich eines: Das Rad muss nicht neu erfunden werden – in der Regel ist nur ein Anstoßen oder in Bewegung halten erforderlich. Es richtet sich an all jene, denen tatsächlich etwas an der Zukunft und den Ressourcen unserer Welt liegt, anstatt dies nur sich selbst und anderen vorzugaukeln – hin zu einer Lebensstilwende und dem Ziel, »Nachhaltigkeit als selbstverständliche Routine zu etablieren« (Harald Welzer).
Eine perfekte Ergänzung also zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe »Anders Bauen« mit seinen Projekten, die allesamt für ein Bauen der Zukunft stehen. Dazu passt selbstverständlich auch das charmante 3in1-Projekt aus Budapest, auch wenn es – aus Reduktionsgründen – nicht den Einzug in den Schwerpunkt gefunden hat. Stattdessen stellen wir ab S. 22 fünf andere beachtenswerte Bauten vor. ~cf
Mehr zu dem Buch und dem Thema Suffizienz auch unter www.oekoroutine.de sowie unter www.weniger-ist-anders.de