Sensationelle Expedition ins museale Zeitalter

Es gilt ein Wunder zu feiern: den Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin nach dem reflektierten Konzept von Julian Harrap und David Chipperfield. An prominentem Ort, dort wo Berlin am touristischsten ist, wo preußische Kunstgeschichte wie im Popup-Bilderbuch präsentiert wird, darf eine Ruine ihre einzigartige Aura des definitiv Vergangenen und doch Gegenwärtigen entfalten. In einer Zeit glänzender Oberflächlichkeiten zelebriert ein exzellentes, internationales Architekten- und Restauratorenteam den Alterswert eines Baudenkmals und meistert eine architektonische Aufgabe, die unterschätzt wird: die Reparatur.

~Ira Mazzoni

Wer in Zukunft das Neue Museum besucht, muss sich ungläubig die Augen reiben. Galt doch das von Friedrich August Stüler ab 1841 konzipierte und bis 1855 fertiggestellte Haus lange als Kriegsverlust. Dreißig Prozent des Leichtbaus waren zerbombt. Weitere dreißig Prozent so schwer beschädigt, dass ein Wiederaufbau fraglich schien. Die grandiose Treppenhalle, Mittelpunkt der dreigeschossigen Anlage, stand sechzig Jahre als ausgebrannte Hohlform unter freiem Himmel. Auf dem obersten Absatz balancierte noch die Kopie der Korenhalle, einst krönender Abschluss der zitatenreichen Königstreppe. Die Trümmer des Nordwestflügels waren abgeräumt worden. Allein die Schau-Architektur des Amun-Tempels bezeichnete noch den Ort des Ägyptischen Hofes.
Als die DDR spät in den achtziger Jahren entschied, das Museum doch zu restaurieren, wurden nicht nur die Bühnenarchitekturen sondern auch der ruinierte Südostrisalit geschleift. Dieser Zustand war der Ausgangspunkt aller Überlegungen nach der Wende. Zeitweise schien ein neutralisiertes, inwendig weißes Museum genauso wünschenswert wie ein überbordendes Gehry-Ungetüm. Als ein externes Gutachtergremium aus Bauforschern, Kunsthistorikern und Denkmalpflegern 1993 auf den Reichtum der Ruine aufmerksam machte und eine umsichtige Einbindung aller erhaltenen Mosaike und Wandmalereien in den Museumsneubau forderte, schien das Utopie; technisch wie ästhetisch.
Chipperfield und sein Team haben jetzt bewiesen, dass sich aus den Fragmenten ein funktionstüchtiges Museum entwickeln lässt, ohne historische Substanz aufzugeben. Mehr noch, sie demonstrieren, dass die Grundsätze der Charta von Venedig eine andächtige Reverenz gegenüber dem Erbe zeitigen können.
Nähert man sich von der Schlossbrücke, so scheint das Stadtbild auf subtile Weise repariert. Stülers Schlüsselbau behauptet wieder seine Stellung im Rücken von Schinkels Altem Museum. Dass der Nordwestflügel eine Ziegelabstraktion des alten Putzbaus ist, fällt kaum auf. Dabei macht die selbstbewusste Analogiebildung kein Geheimnis daraus, dass sie eine enorme Lücke zu füllen hat. Die in Gelbtönen changierenden Altziegel suchen den Anschluss an die erhaltenen Putzoberflächen, feingliedrige Bänderungen übernehmen die ungefähre Gliederung in Sockel, Wand und Dachzone, ohne die ohnehin zurückhaltende Fassadengestalt Stülers zu imitieren. Chipperfield verfährt mit der Ruine wie ein Restaurator mit den Fragmenten attischer Vasen. Er ergänzt das Volumen und stellt die kunstvollen Scherben in einem sinnvollen Zusammenhang aus.
Handwerk und Abstraktion
Insgesamt zeugen die ergänzenden Ziegelvolumina von einer hohen, handwerklichen Baukultur. Das gilt für den ägyptischen Hof genauso wie für den südlichen Kuppelbau. Zurückhaltend stellt der neue Risalit die zerstörte Symmetrie der Ostfassade wieder her und birgt den geretteten Skulpturenschmuck wie Exponate in Nischen. Wer später im Laufe des Museumsrundgangs diesen Kuppelbau betritt, wird staunen, wie sich die Ziegellagen über dem quadratischen Saal ohne Gurt und Zwickel zum gläsernen Rund der Laterne emporziehen. Dieser Raum gehört zweifellos zu Chipperfields raffiniertesten Platzhaltern.
Die neue Treppenhalle begeistert – und verstört doch einige –, bietet sie doch statt farbigem Pomp einen immer noch abgründigen Ruinenraum mit rohen, verwitterten, geflickten Ziegelwänden, auf denen rare, historisch rote Putzinseln schwimmen. Doch die von Chipperfield geschaffene Treppenskulptur aus 18 tonnenschweren Betonwerksteinplatten folgt mit ungeheurem Pathos den Regieangaben Stülers, der einen geschichtsoptimistischen zum Himmelslicht hin orientierten Aufstieg inszenierte: Beginnend im ägyptischen Altertum, sich wendend auf der Höhe der griechischen Klassik und abschließend mit einem offenen Dachstuhl frühchristlicher Basiliken. Wer den ziehenden Wolken entgegen die neue Treppe abschreitet und den Weg bis zur obersten Etage zu Ende geht, wird auf dem letzten Absatz erst unmerklich auf den alten Marmorstufen und dann auf tadellos erhaltenen blaugelben Mosaikböden anlangen. Der kolossale Einbau entpuppt sich als relativ bescheidene Brücke zu Stülers Werk. Auf einen Nachbau der vernichteten Korenhalle wurde nach langer Diskussion verzichtet. Er hätte die große Einheit ›
› des Raumes genauso gestört, wie das am Originalen orientierte Reparatur-Konzept. Dass zu guter Letzt dann zwischen den Architekten und den Museumsleuten ausgehandelt wurde, die alten, erhaltenen Gipsreliefs (Abgüsse griechischer Bauplastik) auf die nackten Ziegelwände zu montieren, erscheint als kleinmütiges Publikumszugeständnis: Eine sentimentalische Dekoration des Erhabenen, die in einem Museum, das auf seiner Belle Etage keine didaktische Gipssammlung mehr präsentiert, überflüssig ist. Zumal diese Gipsausstattung schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts entfernt worden war.
Analog zum Vorbild
Zu den glücklichen Neufindungen Chipperfields gehört die überschlanke Tempelarchitektur inmitten des ägyptischen Hofes. Die dünnen Pfeiler des Umgangs rahmen die auf der Ostwand verwitterten Nillandschaften, als seien es kostbare Fresken aus den Gärten Pompejis. Auf der obersten Ebene der steinernen Stellage ist eine sonnige Ausstellungsaltane entstanden. Nur leider wird diese sicherheitshalber nicht von einer mittelhohen Steinbrüstung sondern von übermannshohen grünlichen Glaswänden umfasst, die den ägyptischen Skulpturen einen »neutralen« Hintergrund verschaffen sollen. Als wären die schönen, vom Tageslicht gestreiften Ziegelwände des Hofes nicht der edlere Fond. Dieses mattierte Glas nimmt zwar Bezug auf die gläsernen Unterzüge des Oberlichts, hat aber die negative Eigenschaft, sich unter Kunstlicht kartonbraun zu färben und seine Materialität zu verlieren.
An dem Beton aus Weißzement und Zuschlägen aus Sächsischem Marmor, der im ganzen Haus die zerstörten Zusammenhänge wiederherstellt, scheiden sich die Geister. Prinzipiell verleiht der Kunststein den abstrakten Rückgewinnungen große Ruhe und Selbstverständlichkeit. Die neue, kleine dreiläufige Treppe an der Rückseite des Hauses, wirkt mit ihren teils polierten, teils rauen Oberflächen sogar edel und erschließt ganz selbstverständlich die Gewölberäume im Keller für Ausstellungszwecke. Die Neubauteile fungieren in der Regel zurückhaltend als Überleitung, Rahmen und Hintergrund. Nur gelegentlich schieben sich Deckenpaneele lastend über einen von brüchigen Säulen und offenen Bogenstellungen gegliederten Ruinenraum und stören damit die Aura des Fragilen.
Ästhetische Sublimierung des Alterswerts
Der Reichtum der historischen Ausstattung beeindruckt. Der Besuch des Museums wird zu einer sensationellen Expedition ins museale Zeitalter. So schreitet man in dem Museum, das in Zukunft wieder der Ägyptologie und der Vor- und Frühgeschichte gewidmet sein wird, über polierten farbigen Gipsestrich, über kunstvolle Teppichmosaike, passiert Marmorsäulen und bunt inkrustierte Portale, dreht sich in wolkigen Farbräumen, bemalt mit verblassten Heldensagen und mythologischen Landschaften, entdeckt altrömisch anmutende Tontopfdecken und zierlichste Eisenbinder, alte Fenster und Holzbänke. Die konservatorische Behandlung der Räume setzt Maßstäbe. Intelligenter kann man die statischen und klimatischen Probleme eines geschädigten Bauwerks nicht lösen, ohne die Substanz anzugreifen. Sensibler können Retuschen und Ergänzungen nicht ausgeführt werden. Die Flächen schließen sich farblich, ohne dass die Alters- und Zerstörungsspuren, die Risse und Abplatzungen verleugnet würden. So wirkt der erhaltene Nord-Kuppelraum wie ein antikes Sanktuarium. In diesem auratischen Rund soll ab Herbst die schöne Nofretete präsentiert werden. Möge sich der Hauptstrom der Besucher über den neuen Nordwestflügel nähern und den sorgsam geretteten Bacchus- und Niobidensaal mit den originalen Mosaikböden schonen. Dieses Haus ist Berlins kostbarster archäologischer Schatz.
Wer wissen will, wie diese hohe Qualität erzielt wurde, der lese den Aufsatz von Martin Reichert über Management, Planung und Baubetreuung im jüngst erschienenen ICOMOS Band 10: »Weltkulturerbe Deutschland. Präventive Konservierung und Erhaltungsperspektiven«. Die sorgfältig vorbereitete, detaillierte Ausschreibungspraxis war nicht nur die Grundlage der Qualitätssicherung. Chipperfield Architekten konnten dem Staat zum Schluss vierzig Millionen Euro aus der veranschlagten Bausumme zurücküberweisen. •
Mehr zum Thema: db 7/2002, S. 40 »Koordinator vieler Akteure«, db 12/2005, S. 30 »Ästhetik und Ethik der Reparatur«, S. 67 »Neu bewertet«. www.wiederaufbauneuesmuseumberlin.de www.wiederaufbauneuesmuseumberlin.deeum/neuesmuseum
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT.