Haus der Kunst überformt
Radikale Ideen für das Haus der Kunst: Die SZ hat Architekturstudenten um Entwürfe für die Neugestaltung des Nazi-Baus gebeten
Das Münchener Haus der Kunst entfaltet seinen Denkmalwert auch ohne baukünstlerische Überformung

Ignorante Erregung

Zum wiederholten Male wird über die Zukunft des »Hauses der Kunst« in München debattiert. Nicht über die Zukunft einer kritischen Institution des Zeitgenössischen, nicht über Inhalte und Programme einer welt-

~Ira Mazzoni

offenen Kulturplattform, sondern über das, was allzu platt als »Nazi-Architektur« tituliert wird. Kunst- und Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung ereifern sich darüber, dass David Chipperfield und sein Team den scharfkantig klassizistischen Kunsttempel von Paul Ludwig Troost als das behandeln wollen, was er ist: Ein Baudenkmal, das bis ins Detail Zeugnis davon ablegt, was war. Der in 80-jähriger Nutzung stark mitgenommene Ausstellungspalast soll v. a. repariert und technisch modernisiert werden.
Schon die im September (nach VOF-Verfahren und gründlicher Untersuchung des Bestands) nachdenklich zur Diskussion gestellten Vorschläge Chipperfields, das hinter Bäumen versteckte Haus mehr in die Stadt zurückzuholen, Gartensaal und Terrasse wieder gastronomisch zu nutzen, die »Ehrenhalle« aus der Verdunklung herauszuschälen und die Mitte des Hauses für Jedermann zu öffnen, lösten reflexhafte Reaktionen der vermeintlich Aufgeklärten aus. Man dürfe Hitlers ersten Repräsentationsbau nicht »aufhübschen«. Mitte Dezember veröffentlichte die renommierte Zeitung, die auf Meinungsführerschaft Wert legt, dann einen mit eigens initiierten studentischen Entwürfen aufgepeppten, mehrseitigen »Weckruf« (sic!) und lag schon mit der geschichtsvergessenen Wortwahl des Untertitels peinlich daneben. Es brauche »radikalere Ideen« als die Chipperfields, damit der »Nazi-Bau in der Demokratie« ankomme, lautete die Leitthese. Als Aufmacher diente die Simulation eines gigantischen gläsernen Überbaus, in dem selbst ein Konzertsaal Platz hätte. Damit entpuppt sich die Kampagne, die Stimmen für einen internationalen Wettbewerb mobilisieren will, sehr schnell als eine neidige, typisch Münchener Reaktion auf Tate Modern und Elbphilharmonie.
Das Haus der Kunst bedarf nach 70 Jahren kritischer, künstlerischer Reflexionen, Reaktionen und Interventionen, aber keines architektonischen Kommentars, der sich wichtiger nimmt als das Geschichtszeugnis selbst.
Architektur – sagte Chipperfield in der Diskussion – gehört nicht zu den reflektierenden Künsten. Sie vermählt sich immer mit der Macht und verhält sich jeweils affirmativ zum Auftrag.
Der Abriss von Hitlers Kunstpalast in München kam schon 1945 nicht infrage. Pragmatisch entschied sich die amerikanische Militärregierung für die Umnutzung zum Offizierskasino. In den Büros an der Straßenseite kamen u. a. Läden und ein Friseur unter. Auf die Marmorböden der Ausstellungshalle wurden die Linien eines Basketballfelds aufgemalt. Die alte »Ehrenhalle« – der Kunst-Propagandaraum Hitlers schlechthin – mutierte zum Jazz-Club. Die Amerikaner waren begeistert: In ihrer Zeitschrift »The Munic American« hieß es im Juni 1950, das Haus der Kunst sei für viele, die seit 1945 durch seine Portale gegangen sind, eins der »schönsten Gebäude« der Stadt und ein »Must to visit, when in Munich«.
Der amerikanischen Militärregierung lag daran, das kulturelle Leben schnell wieder aufleben zu lassen. Die alte, gerettete Kunst aus den zerstörten Museen sollte trösten, die zeitgenössische, v. a. abstrakte Malerei sollte zur Demokratie erziehen helfen. Erst nach Auszug der Amerikaner 1955 wurde das »most beautiful building« zum Problem: Auch die Architektur sollte entnazifiziert werden. In Folge verschwand die Ehrenhalle hinter eingezogenen Wänden und die Säle wurden vielfach verschachtelt. Wahre Entrüstungsstürme ernte Christoph Vitali als er es wagte, bei seinem Amtsantritt als Direktor die »architektonische Qualität der Ausstellungsräume, die Schönheit und Ausgewogenheit von Proportionen und Raumfolge« des Troostschen Eisen- und Stahlbetonbaus zu loben. Die Auseinandersetzung war so verletzend, dass Vitali im Katalog zu seiner programmatischen Ausstellungspremiere in München »Elan vital« 1994 nochmals dazu Stellung bezog: »Mauern tragen keine Schuld! Schwere Schuld haben die auf sich geladen, (…) deren Ungeist noch immer die Geschichte des Hauses belastet. Ihm entgegenzuwirken, hilft es nichts, die Mauern einzureißen. (…) Im Gegenteil. Es ist ihm ein anderer Geist entgegenzusetzen.«
Chris Dercon setzte den bereits eingeleiteten »kritischen Rückbau« fort bis auch die Ehrenhalle in ihren ursprünglichen Dimensionen künstlerischen Interventionen offen stand. Das historische Archiv des Hauses wurde 2005 geöffnet, während Paul Mc Carthy auf dem Dach ein buntes Blumenbouquet aufblies. Die Geschichte des Hauses wurde 2012 selbst Thema einer Ausstellung. Seit 2014 leistet sich das Ausstellungshaus eine permanente dokumentarische Archiv-Galerie.
Inzwischen haben Christian Boltanski, Gustav Metzger, Ai Weiwei und Matt Mullican die problematisierte Architektur in aller Öffentlichkeit sichtbar künstlerisch kritisch kommentiert.
Diese aufgeklärte Tradition fortzusetzen ist auch Okwui Enwesor angetreten. Auch er hat die Erfahrung gemacht, dass Künstler die Räume lieben, die geradezu ideale Ausstellungsräume sind.
Als Institution für Zeitgenössisches und Weltoffenes ist das Haus der Kunst längst in der Demokratie angekommen und wird sich in Zukunft anstrengen müssen, die Freiheit der Künste und die Freiheit des Geistes in einer sich wandelnden Gesellschaft zu verteidigen. Die stete Auseinandersetzung mit einer Architektur, die acht Jahre lang als Kunst-Propaganda-Maschine des Nationalsozialismus diente, hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen. Gewaltakte verbieten sich an dieser Stelle.
Die Autorin arbeitet als freie Fachjournalistin und Architekturkritikerin.
Die Mehrheit der am Versuchsaufbau der SZ beteiligten Studenten haben sich klugerweise gegen radikale Lösungen entschieden. Das ist aber nur im Netz zu sehen: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/architektur-radikale-ideen-fuer-das-haus-der-kunst-1.3288065