Wittenberg: geglücktes Zusammenspiel im Interesse der Stadtentwicklung

Die reformierte Stadt

Die Lutherstadt Wittenberg hat in den vergangenen 25 Jahren klug ihre reiche Historie als Stadtentwicklungsmotor eingesetzt und zukunftsrelevante Projekte zu ermöglichen gewusst. Es wäre jedoch ein Fehlschluss, all die staunenswerten Veränderungen allein auf das »Bauen für Luther« zum Reformationsjubiläum 2017 zu reduzieren – und nur die halbe schöne Geschichte.

~Cornelia Heller
»Wo Häuser verkommen, verkommen auch Menschen.« Mit diesem Satz hatten im heißen Politherbst des Jahres 1989 Wittenberger Bürger gegen Verlust und Gefährdung ihres wertvollen Bauerbes auf einem Transparent protestiert. Das Bild ging um die Welt: Das Tuch flatterte an einer historischen Hofanlage, einst Arbeits- und Wirkungsstätte jenes Lucas Cranach d. Ä., der der Nachwelt wie kaum ein anderer Bilder der Reformation in die Köpfe malte.
Anfang des 16. Jahrhunderts hatte Friedrich der Weise in Wittenberg seine landesherrliche Universität Leucorea gegründet, hier lehrten die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, sie waren die Stars ihrer Zeit. Die Stadt an der Elbe galt als »ruhmreiche Stadt Gottes« und »Hauptstadt des sächsischen Kurfürstentums«, besaß »die berühmteste der Universitäten in Europa« und war, wie eine Stadtansicht von 1560 selbstbewusst verbreitet, »der bei weitem heiligste Ort des letzten Jahrtausends«. Zu einem »Rom der Protestanten« war die Stadt mit dem Thesenanschlag Luthers 1517 geworden. Eine Weltadresse. Ein Bedeutungsort.
Aus diesem Gewicht schöpft die im Dreieck von Berlin, Leipzig/Halle und der Bauhausstadt Dessau mit gerade 15 % Christen eher atheistisch geprägte 50 000-Einwohner-Stadt ihre Identität und ihr Selbstverständnis, abgesehen von der 100-jährigen, vom Stickstoffwerk Piesteritz ausgehenden Chemietradition. Denn die gebauten, in der mittelalterlichen Altstadt verankerten Erinnerungen überdauerten glückhaft Krieg und Not, den tiefgreifenden Umbau zur Festungs- und Garnisonsstadt, die Schließung der Universität, aber eben auch Mangel und Ignoranz zu Zeiten der DDR.
Die beiden großen, als UNESCO-Welterbe geschützten Kirchen präsentieren sich heute in einem Zustand wie wohl in keiner Zeit zuvor.
Die Stadtkirche St. Marien wurde mit umfangreich eingeworbenen Spenden der Stadtkirchengemeinde zu einer sanften Schönheit samt dem weltberühmten Reformationsaltar »zurück«saniert respektive restauriert (Dr. Krekeler Generalplaner, Brandenburg, 2015). Und die Schlosskirche mit ihrer berühmten Thesentür erfuhr eine ebenso glückliche wie umfassende denkmalgerechte Sanierung der von Friedrich Adler 1883-92 geschaffenen Fassung, in die man zudem moderne Technik u. a. für Konzerte elegant zu verstecken verstand (cuboido Architekten, Halle/Saale, 2016). Die offizielle Eröffnung des »wichtigsten Orts der Reformation« ist für den 2. Oktober 2016 geplant.
Das Schloss selbst ist angesichts seines prekären baulichen Zustands inzwischen mehrfach mit einem »Prinzen« verglichen worden, der in einen »Frosch« verwandelt worden sei. Mit der Sanierung und dem Umbau durch das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez (BFM) wird nun nicht nur diese Metamorphose rückgängig gemacht. Ein Besucherzentrum für die Schlosskirche entsteht hier ebenso wie eine reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek, die die Bestände von Predigerseminar und Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt zusammenführt. In einem als klösterlicher Wandelgarten mit quaderförmigen Modulen gestalteten Schlossdachgeschoss sowie im gegenwärtig ebenso noch im Bau befindlichen modernen südlichen Schlossflügel (Junk & Reich, Planungsgesellschaft mbH, Weimar) wird Ende 2016 die Ankunft eines altbekannten Nutzers erwartet – ein Ereignis, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Augusteum steht, einem historischen Gebäude am gegenüberliegenden Ende der Altstadt: Aus diesem, zu den ältesten Universitätsgebäuden Deutschlands zählenden Bau ist das Evangelische Predigerseminar aus- und zunächst in Interimsquartiere eingezogen, um Ende 2016 im neuen Schlosskirchenensemble und so unmittelbar an seiner Ausbildungskirche neue Heimat zu finden. Das Augusteum selbst fungiert bereits – saniert, umgebaut und im Hof mit einem Pergola-ähnlichen Eingangsverbinder ergänzt (BHBVT Gesellschaft für Architekten mbH, Berlin, 2015) – als neues Museums- und Ausstellungshaus der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Die griff hier auf das bereits mehrfach bewährte Prinzip der Errichtung eines modernen, »dienstbaren Nachbarn« zurück, der den hohen Anforderungen an einen zeitgemäßen Museumsbetrieb mit Empfang, Kasse, Garderobe, Shop und sanitären Anlagen leichter entsprechen und derart das wertvolle Denkmal entlasten kann.
»Das alles«, betont Wittenbergs Baubürgermeister Jochen Kirchner, »wurde durch eine historische, eine grundsätzliche Neuordnung der juristischen und tatsächlichen Verhältnisse der Wittenberger Reformationsgedenkstätten möglich, die das Land Sachsen-Anhalt, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Union Evangelischer Kirchen in Deutschland (UEK), die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und die Lutherstadt Wittenberg mit der Unterzeichnung einer Rahmenvereinbarung im Oktober 2009 vertraglich besiegelt hat.« Diese regelt nun Eigentumsverhältnisse und damit Verantwortungen neu und schuf überhaupt erst die Voraussetzung, um die »historisch gewachsene Nutzungssituation einer zukunftsfähigen Strukturierung zu unterziehen«.
Manche hier sprechen von einem Kairos, diesem mit einem besonderen Geist gefüllten Moment, in dem sich die unterschiedlichen Interessen für ein gemeinsames Ziel trafen: 2017 der Welt die herausragende kirchliche, kulturelle und wissenschaftliche Bedeutung dieses Orts zu vermitteln. Was also jahrelang Baustellen generierte, wird im Jubiläumsjahr gemeinsam mit den bereits in den vergangenen Jahren sanierten, umgebauten, modern ergänzten und mehrfach mit Preisen gewürdigten Bauten der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Lutherturm (Pitz & Hoh, Berlin, 2003) und Melanchthonhaus (dietzsch & weber, Halle/Saale, 2013) zur sehenswerten »Schaustelle Reformation«. Bis zu einer Million Besucher werden erwartet.
Es mag das Tafelsilber sein, dem man dieser Tage in der Lutherstadt mit engagiertem Hochdruck und im besten Einverständnis aller guten Kräfte (und auch Geister) zu Hochglanz verhilft. Aber der eigentliche Schatz – das ist die ganze schöne Geschichte – ist die umgebaute, erneuerte, im wahren Wortsinn reformierte Stadt. Und das samt ihres durch Rückbau und Aufwertung wieder lebenswerten Plattenbauwohngebiets »Trajuhnscher Bach/Lerchenberg« mit dem dort von Friedensreich Hundertwasser umgestalteten Luther-Melanchthon-Gymnasium, der Siedlung Wittenberg-West und der idyllisch schönen und grundsanierten Gartenstadtsiedlung Piesteritz.
Mit Bürgersinn und Zivilität
Sommerwarmer Wind streicht dieser Tage durch die Straßen. Das Plätschern der straßenbegleitenden Wasser in der Altstadt ist seine Musik. Die Offenlegung der historischen Bäche war, darin sind sich Wittenberger und Besucher gleichermaßen einig, eine der großen Ideen der 25 Jahre währenden und von EU, Bund und Land geförderten Stadtentwicklung und -erneuerung; die man im Übrigen früher als andere mit einem mittlerweile mehrfach novellierten bzw. teilfortgeschriebenen Stadtentwicklungskonzept unterfütterte. Bei der Erarbeitung seiner Leitbilder zwischen weltgeschichtlicher Bedeutung, Industriekultur, Kulturlandschaft und regionalem Leistungszentrum wurde der Bürgerwillen so konsequent eingebunden wie wohl in kaum einer anderen sachsen-anhaltischen Stadt. Das mit unwirklich üppig blühenden Geranien gesäumte Wasserband zwischen Lutherhaus und Schloss führt heute entlang fast durchweg restaurierter, sanierter Fassaden z. T. hochbetagter Häuser. Während der Internationalen Bauausstellung »Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010« hatte man – der Bildungstradition der Stadt folgend – das zunächst ideelle Projekt eines außeruniversitären Campus erdacht, knüpfte ein Bürgernetzwerk und konnte in einem zweiten Schritt neue Nutzungen für die nach der Wende entleerten Gebäude ebenso gewinnen wie »Bildungsbewohner auf Zeit«. Es gelang zudem, eine starke nördliche Mitte und mit ihr ein Dreieck aufzumachen, das Bewegung und damit Belebung durch die Stadt hindurch und nicht allein auf der bedeutungsschweren ost-westlichen Achse schafft: Das Neue Rathaus findet sich jetzt dort in der alten Kavalierkaserne, deren Exerzierhalle zum ›
› Veranstaltungsort wurde. All das ist umgürtet vom wiedererweckten Gartendenkmal »Wallanlagen«, einem wohltuend grünen Ring.
Es waren in Wittenberg schon immer treibende, sich auch reibende Kräfte, die für ihre Stadt gemeinsam agierten und letztlich für das Gelingen dieses Umbaus stehen. »Geübter Bürgersinn und Zivilität in einer wachen Stadtgesellschaft« nennt das Jo Schulz, Geschäftsführer des bereits seit 1990 hier tätigen Sanierungsträgers SALEG (Sachsen-Anhaltinische Landesentwicklungsgesellschaft) und sieht diese Eigenschaften eingeschrieben in die DNA der Menschen vor Ort. Dass Bürgerschaft, Verwaltung und Stadtrat ähnliche Haltungen entwickeln und dann auch umsetzen, sei in jedem Falle eine gute Voraussetzung für Erfolg, ist sich Kirchner sicher. »Dann ist es leichter. Denn es ist nicht immer leicht gewesen, aber es hat sich in letzter Zeit viel verbessert.« Mehrheitsentscheidungen im Stadtrat ermöglichten in der Vergangenheit entsprechende Haushaltsbeschlüsse, mit denen man wiederum geschickt Fördertöpfe auszuschöpfen wusste.
Mit den »Stadtgesprächen Baukultur« entwickelte sich ab 2013 ein Beteiligungsformat, das die Stadtverwaltung in guter Tradition früherer Bürgerdialoge mit Nachdruck zu verstetigen begann – als eine Antwort auf die Äußerungen des Theologen Friedrich Schorlemmer, der anlässlich eines Anbaus an die Welterbestätte Melanchthonhaus (s. db 12/2013, S. 125) moderne Architektur als »Todsünde« gegeißelt und damit eine Kontroverse ausgelöst hatte. Seither wird konsequent öffentlich über das selbstbewusst-zeitgemäße »Bauen im Erbe« diskutiert und Konsens gesucht, ob zum Augusteum oder dem Schlosskirchenensemble.
Europaweit waren die Vorhaben von der Stadt ausgeschrieben und im Ergebnis wettbewerbsähnlicher Verfahren an Architekturbüros vergeben worden. Erste Lösungsvorschläge waren dabei ein Kriterium bei der Auftragsverhandlung, um die gewünschte Architekturqualität zu sichern.
Schließlich ging am Arsenalplatz ein lang gehegter Traum in Erfüllung: eine neue Mitte entstand, samt – ja – Kaufhaus, und einem Bürgerplatz. Dieser krönt die atemlosen Anstrengungen zum Umbau der einst grau-tristen und an dieser Stelle seit Jahrhunderten verwundeten, weil bis 1990 militärisch genutzten Stadt. Der archäologische Sensationsfund des hier 1370 im einstigen Franziskanerkloster beigesetzten Askaniers Rudolf II., Herzog von Sachsen-Wittenberg, Erzmarschall des Kaisers und Kurfürst, öffnete zudem ein altes Geschichtskapitel neu, das die Stadt für sich zu nutzen wusste. Ein Besucherzentrum entstand (Entwurf: Prof. Ralf Niebergall, Magdeburg; Ausführungsplanung: bc Architekten + Ingenieure, Lutherstadt Wittenberg, 2014). Von den vier Modulen »Zentrale Stadtinformation« als Empfang, »Stadthaus« mit Konferenz- und Festsaal, »Ratsarchiv« und »Historische Stadtinformation« lässt letzteres die alte Klosterkirche am authentischen Ort »analog virtuell« wieder auferstehen, darin findet sich wieder das kurfürstliche Grab. Sie ist der neue, hell aufleuchtende nördliche städtebauliche wie auch inhaltliche Hochpunkt mit exzellent aufbereiteter vorreformatorischer Stadt- und Landesgeschichte und spannt damit einen neuen parallelen Bogen zum großen touristischen Magneten Luther.
Bröckelndes Gestern, strahlendes Heute: Wittenberg wirkt wie verwandelt. Vielleicht steht das Bild vom Frosch, der wieder ein Prinz werden darf, für die ganze Stadt.
Und die Wittenberger? Haben irgendwie alles richtig gemacht. Sicher, es ergab sich manch glückliche Fügung. Nicht selten waren die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber hier weiß man: Planung ist alles. Und vor 2017 ist nach 2017. Längst wird an einem neuen Konzept gefeilt. Es heißt »2017+«. Man darf gespannt sein, was sich dann nach dem großen Reformationsjahr noch alles hinzu addiert.
Die Autorin ist freie Journalistin und Autorin in Magdeburg mit den Schwerpunkten Architektur und Baukultur in Sachsen-Anhalt; u. a. erschienen »Architektouren durch Sachsen-Anhalt – 100 Bauten aus 1000 Jahren«, Michael Imhof Verlag 2011.
Empfohlen sei der »Architekturstadtplan Lutherstadt Wittenberg – Dessau-Roßlau« mit 520 Objekten, Hrsg: Architektenkammer Sachsen-Anhalt und die Städte Lutherstadt-Wittenberg und Dessau-Roßlau, Michael Imhof Verlag 2015.

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