Die letzten ihrer Art – Berliner Rundlokschuppen Verfallen

Die Engländer lieben ihre Eisenbahn und die British Rail ist stolz auf die eigene Tradition und lässt ihrem historischen Erbe

~Falk Jaeger

Schutz und Pflege angedeihen. Die Deutsche Bahn hingegen versucht, alles betriebsbedingt nicht Notwendige abzustoßen und musste schon immer durch amtlichen Denkmalschutz und öffentliche Meinung gezwungen werden, ihre bauhistorischen Kleinode nicht zu verhunzen und für die Erhaltung ihrer Kulturdenkmale zu sorgen. Dabei handelt es sich oft um respektable Bauten, die in saniertem Zustand Schmuckstücke wären und attraktive Anschauungsobjekte für eine Epoche der Verkehrs- und Technikgeschichte sein könnten, die viele Jugendliche nur noch von der Modellbahnanlage der Väter und Großväter kennen.
Rundlokschuppen beispielsweise: eindrucksvolle kreisrunde Gebäude mit einer ornamentierten Backsteinaußenwand und einer filigranen Dachkonstruktion aus Stahlfachwerk. Unter dem ringförmigen Pultdach liegen die radial angelegten Abstell- und Reparaturgleise für die Dampflokomotiven. Über dem Zentrum erhebt sich ein kuppelförmiges Dach (Schwedlerkuppel), das mit einer Spannweite von bis zu 40 m die zentrale Drehscheibe überwölbt (siehe db 4/2000); und darin liegt das Besondere, denn bei den ansonsten üblichen Ringlokschuppen war die Drehscheibe dem Wetter ausgesetzt. Auf dem Scheitelpunkt der Kuppel saß eine Laterne zur Ableitung des Rauchs. »Roundhouse« ist der naheliegende Name eines schon legendären Veranstaltungsorts in London, in dem Gruppen wie Pink Floyd und Kraftwerk, aber auch Ballett und Shakespeare zu erleben sind (siehe Google Earth 51.5432 –0.1519).
Keine Rotunde, sondern ein Sechzehneck ist der heute von der Universität in Derby genutzte Lokschuppen (52.9165 –1,4605) und als nationales Kulturdenkmal ausgewiesen und saniert, dient ein ehemaliger Rundlokschuppen in Luxemburg Stadt als Veranstaltungshalle (49,6009 6,1364). Ein zweiter direkt nebenan ist gesichert und harrt noch der Sanierung.
In Berlin hingegen rotten zwei Rundlokschuppen seit einem Vierteljahrhundert vor sich hin. Jener in Rummelsburg (52,4956 13,4914) verfällt rapide, wohl im Interesse der Bahn, denn ein Abrissantrag ist gestellt – schlicht ein Skandal. Ein zweiter in Berlin-Pankow ist in Privatbesitz und derzeit ebenfalls auf der Abrissliste. Der für 24 Lokomotiven ausgelegte Rundbau ist 1893 entstanden und damit der letzte und auch größte seiner Bauart (52,5779 13,4301). Ungesichert ist er dem Vandalismus ausgesetzt, das Dach schadhaft, die Fenster eingeworfen, die Wände voller Graffiti. Dabei haben beide eine enorme bau- und technikgeschichtliche Bedeutung, denn es sind von ehemals etwa 25 im damaligen Deutschen Reich die letzten beiden Exemplare in Deutschland. Drei gibt es im heutigen Polen, in Pila, früher Schneidemühl (53,1428 16,7521), Bydgoszcz, früher Bromberg (53,1353 17,9889) und in Tczew, dem früheren Dirschau (54,0899 18,7916). Ein weiterer steht im Ostpreußischen Insterburg, heute Tschernjachowsk (54,63 21,8161) und wird zurzeit von einem Privatunternehmer als Autoservicecenter saniert. Die »Kuppel Schwedlers« ist auf einem großen Schild an der Traufe zu lesen!
In seiner Heimat ist der Name des Berliner Ingenieurs Johann Wilhelm Schwedler (1823-94) nur Fachkundigen bekannt. In Frankfurt a. M., wo er die Bahnhofshallen entwarf, ist immerhin die von ihm konstruierte Schwedlerbrücke auch nach ihm benannt. Als »Schwedlerkuppel«, mit erstmals dreidimensional konzipierter Lastabtragung und materialsparender Bauweise, konstruierte Schwedler 1863 auch die Kuppel der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin sowie einige Gasometerdächer.
Während in Pila und Tschernjachowsk die Aktivitäten zur Erhaltung der eindrucksvollen Baudenkmale im Gang sind, ist für die beiden letzten deutschen Exemplare in Berlin eine Rettung gegenwärtig nicht in Sicht. Der Rummelsburger Rundlokschuppen hat den Nachteil, dass er zwischen den Bahngleisen für die Öffentlichkeit kaum zugänglich ist. Ein Zugangstunnel müsste eigens gebaut werden. In Pankow gehört der Rundlokspeicher zu einem Ensemble von Bahnbetriebsgebäuden einschließlich eines weiteren (Ring-)Lokschuppens, die der Eigentümer Kurt Krieger (Möbel Höffner, Kraft, Scanto) allesamt abreißen möchte, um auf dem 40 ha großen Gelände 1 000 Wohnungen, ein Einkaufszentrum und ein Möbelhaus zu bauen. Vielleicht fehlt es ihm nicht nur an gutem Willen, sondern auch an Fantasie. Denn sorgsam restauriert ist ein solches Bauwerk eine Augenweide, ein Blickfang und Magnet für das ganze Areal. Hinterher, wenn das backsteinerne Schmuckstück frisch herausgeputzt vor Augen steht und alle benachbarten Neubauten überstrahlt, ist jedermann zufrieden – in der Regel auch der Investor. An Nutzungsmöglichkeiten sollte es nicht mangeln. Ein Zweiradhändler betreibt sein Geschäft in einem ehemaligen Busdepot im Westen der Stadt. Der Lokschuppen im Osten wäre ebenso geeignet, mit Teststrecke unter dem Dach. Meilenwerk oder Markthalle, der Handelssektor ist flexibel; als Veranstaltungslokal sind ohnehin viele Varianten denkbar. Man kann die Denkmalbehörde nur darin unterstützen, den Eigentümer zunächst zur Gebäudesicherung und dann zur Neunutzung zu veranlassen oder in Ersatzvornahme zu gehen, damit dieses seltene Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung erhalten bleibt. Und damit man dort vielleicht den 200. Geburtstag des Ingenieurs angemessen begehen kann. Bis zum 23. Juni 2023 müsste das zu schaffen sein.
Der Autor ist freier Architekturkritiker und Publizist in Berlin.