Erfolgreicher db-Kongress in Darmstadt

Besser, anders, weniger – Suffizienz in der Baukultur

»Besser, anders, weniger: dauerhafte Qualität statt zweifelhafter Quantität«: Darüber diskutierten über 100 Architekten, Bau- und Klimaingenieure sowie Vertreter aus Lehre und Forschung beim 1. Suffizienz-Kongress in Deutschland am 21. Mai in Darmstadt.
Obwohl die Kernfrage der Suffizienz: Was und wie viel braucht der Mensch, um richtig zu leben und glücklich zu sein, die Menschheit schon seit Jahrtausenden beschäftigt, sind Ansätze zu einem suffizienten Leben und Bauen nicht nur z.T. recht unpopulär, sondern sogar noch relativ unbekannt.
Mit ihrem breit gefächerten Programm näherte sich die db gemeinsam mit ihren Mitveranstaltern, dem Architekturbüro werk.um und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie mit Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen dem Suffizienz-Gedanken unter soziologischen, raumplanerischen, architektonischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten.
Die Riege der hochkarätigen Referenten reichte dabei vom Soziologen Harald Welzer über den Ökonomen Uwe Schneidewind (Wuppertal Institut) und den Mathematiker Alexander Martin (Universität Erlangen) bis hin zum Stadt- und Raumplaner Robert Kaltenbrunner (Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung) und mehreren Architekten aus Deutschland und der Schweiz. Beim ersten Suffizienz-Kongress für Architekten in Deutschland wurde der Begriff erklärt und geklärt, aber natürlich auch konkrete Beispiele und Projekte vorgestellt und diskutiert, bei denen der Suffizienz-Gedanke bereits umgesetzt wurde. So präsentierte z. B. der Architekt Gerd Streng mit seinen »Stair Case Study Houses« Beispiele der Nachverdichtung von Bestandswohnungen in Hamburg. Unter dem Titel »Einbreiten statt ausbreiten, nachverdichten statt umziehen« zeigen seine Projekte exemplarisch, wie bestehende Wohneinheiten zusammengefasst, ungenutzte Raumreserven aktiviert und vorhandene Zuschnitte durch Umstrukturierung, Umbau und intelligente Einbauten optimiert werden können (s. db 10/2013, S. 37).
Als zukunftsfähig und flexibel kann man das wandelbare Holzwohnhaus in Tübingen von AMUNT – Architekten Martenson und Nagel Theissen bezeichnen, das der sechsköpfigen Familie eher stimmungsvolles Raumerlebnis als klassisches Wohnhaus ist und mit bisherigen Sehgewohnheiten und herkömmlichen Komfortansprüchen bricht und sogar die Definition eines Passivhauses infrage stellt (s. db 04/2011, S. 62). Einen Maßstabssprung gab es zum Projekt »Kalkbreite« in Zürich. Das vor Kurzem fertiggestellte Genossenschaftsprojekt, das auf einem 6 500 m² großen innerstädtischen Areal verschiedene Nutzungen miteinander vereint, wurde vom Architekten Pascal Müller (Müller Sigrist Architekten) gemeinsam mit dem Bauherrn präsentiert. Die einzelnen Wohneinheiten sind eher klein gehalten, dafür gibt es ein reiches Angebot an Gemeinschaftsräumen und -flächen, die die Bewohner bei Bedarf für kleines Geld zeitweise anmieten können. Parkplätze sucht man vergebens, dafür stehen 300 Fahrradstellplätze im Haus zur Verfügung. Wie schwierig es noch ist, ein »Weniger« zu verkaufen, schwang in ihrer Präsentation durchaus mit. Auch Robert Kaltenbrunner wies in seinem Vortrag darauf hin, dass Suffizienz v. a. ein Umdenken und Aufbrechen der Gewohnheiten bedeutet, daher tut sich jeder Einzelne so schwer damit, das Thema anzunehmen. Er plädierte außerdem für ein Modell, bei dem die Bevölkerung direkt in die eigene Stadt investieren kann, um dann gemeinschaftlich davon zu profitieren. Einen Beispiel-Kanon verschiedener Möglichkeiten zum nicht und weniger bauen machte Arne Steffen in seinem Einstiegsbeitrag auf: flexibel und temporär zu nutzende Räume, umnutzen statt neu planen, gemeinschaftlich statt individuell – darin könnte die Zukunft liegen. • ~red
Der Dank der Veranstalter (db deutsche bauzeitung, werk.um architekten, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie) geht an ihre Partner aus der Industrie: Heidelberg Cement, www.heidelbergcement.com Armstrong, www.heidelbergcement.com FSB, www.heidelbergcement.com und an den BDA Hessen.