Serpentine Gallery Pavilion 2017 eröffnet

Baum der Demokratie

~Jay Merrick

Von der Holzbank auf dem Dach der Serpentine Gallery blickt Francis Kéré hinunter auf die Baustelle vor der Galerie, wo gerade der Pavillon entsteht, den er für das alljährliche sommerliche Lesungs- und Konzertprogramm entworfen hat. Die schmalen trapezförmigen Lamellenelemente des runden Baus erheben sich in einem Bogen, darunter befinden sich vier unregelmäßig geformte Wände aus dunkelblau lasiertem Holz. Die Architektur ist in Grundriss und Aufbau sehr einfach und sehr offen. Dadurch entsteht ein Ort, der wie unter einem leicht vom Wind nach oben gedrehten Regenschirm der Außenwelt zugewandt ist. Man spürt sofort, dass Bau und Umgebung in Beziehung treten werden und die temporäre Installation keine selbstbezogene Mini-Ikone wie so mancher der früheren Pavillons ist.

»Der Entwurf bezieht sich auf die Gestalt der Bäume in der Landschaft«, sagt Kéré. In seiner achtungsvollen Stimme klingt der Verweis auf sein Heimatland Burkina Faso mit, wo die Temperaturen oft über 35 °C liegen. Und so ist diese leichte, räumlich ganz klare Konstruktion, deren Dach von einer transparenten Haut überzogen ist, keineswegs – wie man meinen könnte – Hightech-Architektur, sondern, metaphorisch wie physisch: ein Baum. »In Burkina Faso trifft man sich unter Bäumen«, erläutert Kéré. »Die Menschen dort zieht es stets zum Schatten. Was ich am Blätterdach eines Baums so liebe, ist, dass es vor den Elementen schützt, man aber Teil der Außenwelt bleibt.«

Das Dach des Pavillons ist wie ein Trichter geformt, sodass in der Mitte bei Regen ein kreisförmiger Vorhang aus Wasser in ein flaches Entwässerungsbecken fließen wird. »Ich will das Wasser zelebrieren«, sagt der Architekt. »Die Menschen sollen es wirklich fühlen.«

Die vier frei stehenden unregelmäßigen Holzwände haben einen speziellen Zweck: »Ich finde die Vorstellung schön, dass Menschen sich versammeln«, erklärt Kéré. »Die runden Formen schaffen Gemeinschaften, im Zentrum des Pavillons und in kleinerem Maßstab auch auf der anderen Seite der Wände.«

Vom Konzept her ist der Pavillon ein Prototyp für Francis Kérés wohl gewagteste Idee: ein neues Parlamentsgebäude für die Hauptstadt von Burkina Faso, Ouagadougou. Falls es gebaut werden sollte – alles hängt an der Finanzierung –, wird es zweifellos ein Vorbild für öffentlich zugängliche Regierungsbauten in Afrika werden. Dieses Parlament ist, innen wie außen, eigentlich eine Landschaft für die Bürger. Das terrassierte Dach des Sitzungssaals ist bepflanzt, das lange, geneigte Dach auf der anderen Seite abgetreppt. Wie das Dach ist die große Piazza darunter für die Öffentlichkeit zugänglich. »Damit verschwindet die Trennung zwischen dem Volk und der Regierung«, sagt Kéré leidenschaftlich. »Und die drinnen werden zu mehr Kreativität angetrieben.«

Ein großer Baum auf der Piazza, der sich durch das Dach schieben wird, ist zentrales Element des Entwurfs. »Um ihn können sich ganze Gruppen versammeln und ihre Verhandlungen führen«, sagt Kéré. »Die Regierung wollte einen Raum für Bildung – mit dem Dach bekommt sie ein riesiges Klassenzimmer. Hier werden sich ganz neue Perspektiven ergeben.« Ein Teil dieser speziell burkinischen Perspektive wird ab 23. Juni in London zu besichtigen sein, wenn sich die ersten Pavillonbesucher unter Kérés architektonisch einfachem, aber sehr demokratischen Baum im Hyde Park treffen.